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Niedersachsen Ulf Dunkel: Der Querkopf aus Cloppenburg
Nachrichten Politik Niedersachsen Ulf Dunkel: Der Querkopf aus Cloppenburg
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00:15 04.01.2013
Grünen-Politiker Ulf Dunkel hat sich polemisch über die rituelle Beschneidung bei Juden und Muslimen geäußert. Quelle: dpa
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Hannover

Mehr Windenergie, mehr Ganztagsschulen, mehr Wald, aber weniger Jagd. Mit ziemlich spröde formulierten Sätzen umreißt der Landtagskandidat Ulf Dunkel auf der Homepage der niedersächsischen Grünen seine politischen Ziele. Doch der 50-Jährige kann auch ganz anders. Weitgehend unbemerkt von seiner Partei hat Dunkel in den zurückliegenden Wochen im Internet gegen die Beschneidung von Kindern und Jugendlichen bei Juden und Moslems polemisiert. „Warum ist euer Herz so kalt gegen eure Kinder? Warum ist es so verloren an eure Religion?“, fragte er in Internetforen und dichtete über den uralten Ritus der Beschneidung: „Kinder können sich nicht wehren, darum müssen sie uns ehren.“

Vor Ort im Kreis Cloppenburg war die Haltung des fünffachen Vaters als scheinbar kompromissloser Kinderschützer weitgehend unbekannt. „Das war wohl eher ein privates Thema für ihn; hier in der Partei hat er das nie diskutiert. Wir wurden davon überrascht“, sagt Michael Jäger, Sprecher des Kreisverbandes der Grünen. Allerdings verschickte Dunkel auch Protestmails an Bundestagsabgeordnete – ohne Erfolg, am 12. Dezember wurde die Beschneidung mit großer Mehrheit vom Parlament legalisiert.

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Dunkel gilt als streitbarer Charakter

Die Debatte über Dunkels Verse ist weitergegangen; der Vorwurf des Antisemitismus steht seit dem Jahreswechsel im Raum. Das liegt auch an Formulierungen wie der über „Kräfte hinter der Politik, die gegen den gesunden Menschenverstand arbeiten“ – eine Spitze, die durchaus als antijüdisch verstanden werden kann, denn Juden wurde jahrhundertelang vorgehalten, Intrigen zu spinnen. „Aggressive und arrogante Intoleranz“ bescheinigte ihm der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Als politisch Radikalen indes sieht ihn im Südoldenburgischen kaum jemand. Ein „untadeliger Mensch“ sei er, der sich lediglich mit seiner Kritik „vergaloppiert“ habe, sagt Jäger. „Aber die Versform in der Politik zu verwenden ist nicht hinnehmbar. Gedichte kann man interpretieren; das sollte man in der Politik besser vermeiden“, sagt der Parteisprecher.

Dunkel gilt in der Cloppenburger Kommunalpolitik seit jeher als streitbarer Charakter. Als jemand, der Kämpfe mit Verve ausficht und sich in Themen regelrecht verbeißen kann. Er habe das Problem, dass er häufig „eher seinen Mund einschaltet als sein Gehirn“, sagt Heinz-Georg Berg, SPD-Fraktionsvorsitzender im Rat der Stadt Cloppenburg. Der Grüne sei zwar weder antisemitisch noch ausländerfeindlich. Sein  Problem sei eher, dass er oft zu deutlich wird – ein „echter Überzeugungstäter“, betont Berg. Auch Thomas Städtler, Bürgermeister im 20 Kilometer entfernten Löningen, dem Wohnort Dunkels, kennt ihn als streitbaren Geist. „Im Grunde ein guter Mensch mit guten Ideen, aber die Art und Weise, wie er oft argumentiert, hinterlässt meist verbrannte Erde“, sagt der SPD-Politiker.

Andere Meinungen respektieren, mühsam Kompromisse aushandeln – das liegt Dunkel offenbar nicht so sehr. 2006 wurde er in den Kreistag gewählt, verzichtete aber knapp zwei Jahre später schon wieder auf sein Mandat. Man könne ja doch nichts bewirken, soll Dunkel damals über das Gremium gesagt haben, in dem traditionell die CDU die Mehrheit hat.

„Der Mensch kann sich in Sachen hineinsteigern"

Auch als Gründer der Bürgerinitiative gegen den Ausbau der Bundesstraße 213 hat er sich Gegner gemacht. Prinzipielle Aufmüpfigkeit sagen dem Grünen viele nach, die ihn kennen. „Von uns hätte vermutlich kaum jemand seine Aussagen zur Beschneidung überhaupt noch richtig zur Kenntnis genommen“, sagt Otto Woltermann, Diakon in der katholischen St.-Vitus-Gemeinde von Löningen.

„Der Mensch kann sich in Sachen hineinsteigern“, sagt auch Josef Dobelmann. Seit 1986 sitzt der gelernte Schlosser im Stadtrat von Löningen, er kennt Dunkel seit etwa 30 Jahren. „Er hat Abitur, ist Unternehmer. Er ist kein dummer Mensch, kein Nazi – eher das Gegenteil“, beteuert Dobelmann. Womöglich hat der Skandal seine Wurzel tatsächlich eher im hitzigen Temperament eines Einzelnen. Doch der Fall Dunkel zeigt auch, wie sehr die Debatte um religiöse Beschneidungen noch immer die Gemüter erregt, und nicht immer ist es dabei leicht, klare Linien zwischen Kinderschutz und Fremdenfeindlichkeit zu ziehen, zwischen legitimer Religionskritik und üblem Antisemitismus.

„Ich glaube, dass er vielen Leuten aus der Seele spricht“, sagt Dobelmann. Schließlich gebe es überall in Deutschland einen antisemitischen und fremdenfeindlichen Bodensatz. Menschen, die sich von dem streitbaren Grünen aus Niedersachsen gut repräsentiert fühlen. „Ich fürchte“, sagt Dunkels Parteifreund, „da werden jetzt welche drauf anspringen, mit denen wir gar nichts zu tun haben wollen.“

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