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Niedersachsen Vor 20 Jahren kamen die ersten Flüchtlinge nach Niedersachsen
Nachrichten Politik Niedersachsen Vor 20 Jahren kamen die ersten Flüchtlinge nach Niedersachsen
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17:49 13.09.2009
Von Klaus Wallbaum
Mit der Maueröffnung fing alles an. Quelle: GERARD MALIE/AFP
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Nach Niedersachsen zu reisen ist nicht schwer. Aber wer wirklich ankommen will in diesem Bundesland, der hat es mitunter nicht leicht. Ein Ereignis, das in diesen Tagen genau 20 Jahre zurückliegt, verdeutlicht dies anschaulich. Am 13. September 1989 sollten die ersten DDR-Bürger, die zuvor in den Botschaften der Bundesrepublik in Prag und Budapest Zuflucht gesucht hatten, mit Sonderbussen in Niedersachsen ankommen. Doch die Reise wurde zur Tortur: Erst Stunden nach dem angekündigten Termin erreichten die Flüchtlinge ihr Ziel, noch dazu waren es zunächst nur 28 junge Leute – anstelle der angekündigten mehr als hundert.

Für die Betroffenen hatte diese problematische Ankunft hohen Symbolwert: Viele von ihnen mussten auch in der Folgezeit spüren, wie schwer es für Deutsche sein kann, im anderen Teil Deutschlands Fuß zu fassen. Diese Zeitung hatte einige aus der Gruppe später interviewt – sieben Jahre danach, dann noch einmal zehn Jahre danach. Heute, 20 Jahre nach dem Ereignis, verwischen sich die Spuren. Ramona Friedrich, die damals mit ihrem Mann und dem sechsjährigen Sohn übersiedelte, beschrieb immer wieder ihre Probleme mit den „Wessis“, ihre Schwierigkeiten, in der dörflichen Gemeinschaft nahe Osnabrück heimisch zu werden. Am besten verstand sie sich noch mit früheren DDR-Bürgern. Als sie das letzte Mal über sich sprach, redete sie von Plänen, in die Ferne auszuwandern, nach Australien.

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Heute ist sie nicht mehr erreichbar, vermutlich hat sie ihren Traum wahr gemacht. Als Ramona und ihre Familie am 13. September 1989 im kleinen Liebenau bei Nienburg ankamen, war das eine politisch hoch brenzlige Situation. Ministerpräsident Ernst Albrecht hatte sich vorgenommen, die Flüchtlinge persönlich zu begrüßen. Aber in seinem Terminplan war noch ein anderer wichtiger Termin, der CDU-Bundesparteitag in Bremen. Albrecht zählte damals zur Gruppe um Heiner Geißler und Lothar Späth, denen ein geplanter Aufstand gegen Kanzler Helmut Kohl nachgesagt wurde. Albrechts Terminplan sah nun für 2 oder 3 Uhr nachts die Begrüßung der Flüchtlinge, anschließend dann die Fahrt nach Bremen vor. Doch sein Plan kam ins Rutschen. Der Bus, der die Flüchtlinge von Bayern nach Liebenau bringen sollte, hatte auf halber Strecke kehrt gemacht, weil der Fahrer zunächst seinen Ersatzfahrer vergessen hatte.

In Liebenau ahnte man davon nichts, und so wartete Albrecht Stund’ um Stund’, schließlich ließ die Landesregierung sogar im Radio nach dem Bus fahnden. Im Morgengrauen fuhr Albrecht entnervt nach Bremen, drehte aber bald wieder um – denn gegen 7.30 Uhr waren die Reisenden endlich in Liebenau. Damals hatte diese Gruppe noch den Ruf, aus mutigen und tatkräftigen jungen Leuten zu bestehen, die sich selbst aus der Diktatur befreit haben. Dass zwei Monate später die damals noch unüberwindliche Grenze gefallen war und jeder DDR-Bürger in den Westen kommen konnte, wusste noch niemand. Und so waren aus den Flüchtlingen mit der interessanten Biographie auf einmal völlig normale, nicht mehr besonders interessante Menschen geworden. Alltagsprobleme, Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West drängten in den Vordergrund. Auch Albrecht, der übrigens noch pünktlich zum Parteitag kam, hatte sein Ziel nicht wirklich erreicht. Die Kohl-Kritiker wurden damals auf dem Parteitag abgestraft und waren unterlegen.