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Niedersachsen Weil und Lies konkurrieren um die SPD-Spitzenkandidatur
Nachrichten Politik Niedersachsen Weil und Lies konkurrieren um die SPD-Spitzenkandidatur
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07:33 02.11.2011
Von Michael B. Berger
Torlos in die Verlängerung: SPD-Kandidatenanwärter Olaf Lies (links) und Stephan Weil. Quelle: Dröse
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Lüneburg

Die „Schrotttrommler“ aus Lüneburg marschieren vor die Bühne im „Vamos“, der großen Veranstaltungshalle auf dem Lüneburger Universitätsgelände. Stimmung sollen sie machen für den Abend, mit dem Niedersachsens SPD ihren ganz persönlichen Landtagswahlkampf eröffnet.

Wo sonst die „Ten Tenors“ ihre Arien schmettern oder Hannelore Elsner aus ihrem bewegten Leben berichtet, wollen Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil und der Landtagsabgeordnete und SPD-Landeschef Olaf Lies dem Publikum darlegen, wie sie ihre Partei zum Sieg bei der Landtagswahl am 20. Januar 2013 tragen wollen – nach zehn Jahren christdemokratisch-liberaler Herrschaft. Etwa 50 der 350 Sitzplätze in der Halle bleiben unbesetzt.

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Ein bisschen nervös sind die beiden, die dereinst Ministerpräsident David McAllister (CDU) herausfordern wollen, bei ihrem Eintreffen in Lüneburg. „Na klar“, sagt Lies, „sonst wär’s ja komisch“. Stephan Weils Händedruck ist ein wenig fester als sonst, und einmal verhaspelt er sich, spricht vom schlechten Erscheinungsbild der „Bonner“, nein, der Berliner Regierung.

Die innere Anspannung, oder nennen wir es Konzentration, kommt nicht von Ungefähr. Denn noch scheint wirklich offen, wer bis zum 1. Advent das Rennen macht, obwohl der 52-jährige Weil, seit 2005 Hannovers Oberbürgermeister, die wesentlich größere politische Erfahrung und Reife mitbringt als sein acht Jahre jüngerer Konkurrent, der erst seit neun Jahren in der SPD ist. Aber genau diese Karte spielt Olaf Lies: Der SPD-Landeschef gibt den Herausforderer gegen den Wunschkandidaten großer Teile des Parteiestablishments.

„Die Tür öffnen, den Menschen die Hand geben“ wolle er, sagt Lies. „Aus der Basis heraus“ die Partei zum Sieg führen – so wie er selbst 2010 aus einer Mitgliederbefragung zum SPD-Landesvorsitzenden siegreich gegen den Hannoveraner Stefan Schostok hervorging. Der ist jetzt im Landtag Fraktionsvorsitzender und könnte im Rathaus den bisherigen OB beerben. Falls der das SPD-interne Rennen macht.

In Lüneburg gibt sich Weil als Langstreckenläufer und Teamspieler im Gegensatz zu einem „Sprinter“, den er offenbar in Lies sieht. „Ich komme vom Fußball, das ist ein Mannschaftsspiel.“ Der Hannoveraner beschreibt sich als zuverlässigen Anwalt sozialdemokratischer Werte, der aber auch über seine Partei hinaus bürgerliche Wählerschichten ansprechen und gewinnen kann. Als Bürgermeister sei er gleichsam von Amts wegen auf Bürgernähe „getrimmt“, sagt Weil.

Fünfzehn Minuten haben die Kandidaten zu ihrer Selbstpräsentation, freundlich befragt von einer Moderatorin, die auch schon das ähnliche SPD-Schaulaufen in Schleswig-Holstein geleitet hat. Dann folgen Fragen aus dem Publikum sowie aus der Internetgemeinde, die das geradezu provozierend sachliche Geschehen in Lüneburg auch verfolgen konnte.

Kandidat Lies versteht sich auf plakative Aussagen, sagt, er wolle sofort nach Regierungsantritt die Studiengebühren abschaffen, und erntet dafür Applaus. Beifall rauscht aber auch auf, als der Hannoveraner Weil die Landesregierung kritisiert, die sowohl in der Steuer- wie auch in der jeweiligen Atompolitik „immer die Hacken zusammenknallt“.

In der Sache liegen die beiden nicht weit auseinander. Beide versprechen, für noch mehr Krippenplätze zu sorgen, den „leidigen Schulstreit“ um Integrierte Gesamtschulen zu beenden wie auch die Endlagersuche in Gorleben. „Im Zweifel wissen es die Eltern besser, welche Schulen sie wollen. Und die Kommunen“, sagt Weil. „Dort, wo es die Eltern wollen, wird es neue Gesamtschulen geben“, sagt Lies. Einig sind sie sich auch, dass die Energiewende eine echte Chance für Niedersachsen sei und dass die Landwirtschaft noch nachhaltiger werden müsse – auch wenn sich Weil als Nicht-Landwirtschaftsexperte outet.

Ein klarer Sieger ist bei der ersten Vorstellungsrunde nicht auszumachen, Sie ähnelt eher einem torlosen Spiel in der Verlängerung, wie ein Beobachter meint. Der Applaus verteilt sich auf beide Kandidaten, die sich manchmal sogar gegenseitig Beifall spenden und den Respekt nicht absprechen. „Große Unterschiede werden Sie bei uns nicht feststellen“, hatte schon anfangs der Hannoveraner Weil prophezeit: „Wir sind nur unterschiedliche Typen.“

In der Tat: Olaf Lies gibt sich lauter, zum Teil auch kämpferischer als der eher nachdenklichere Weil, der aber wesentlich stärker als Lies die Politik der Bundesregierung kritisiert, die im Land Niedersachsen derzeit einen viel zu willfährigen Partner finde. „Wir müssen wieder eine Landesregierung haben, die in Berlin für niedersächsische Interessen kämpft“, sagt der Hannoveraner.

Wer dies für die SPD tun darf, wird erst am 27. November entschieden. Ob nach den insgesamt sieben dieser Vorstellungsrunden der Kandidaten im Land wirklich ein Ruck durch die Partei geht, darf bezweifelt werden.