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Landtagswahlen Aygül Özkan und ihre Chancen
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00:15 20.01.2013
Von Marina Kormbaki
Mit Aygül Özkan zieht erstmals eine türkischstämmige Ministerin in den Wahlkampf. Quelle: dpa
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Hannover

Süß lass uns essen und dann süß reden.“ So lautet ein türkisches Sprichwort, das an diesem trüben Mittag, vor Tor 3 des VW-Werks in Hannover, ganz besonders oft zitiert wird. Die Frühschicht geht, die Spätschicht kommt, während Aygül Özkan Schokotafeln verteilt, darauf ihr Bild und der Hinweis: „Am 20. Januar 2013 CDU wählen.“

Nicht jedem ist nach einem Plausch mit Niedersachsens Sozialministerin zumute. Viele hasten vorbei, manch ein Arbeiter meint, dass hier wohl irgendetwas Offiziöses vor sich geht, und hält Özkan vorsichtshalber seinen Betriebsausweis hin. Immer wieder aber bleiben türkische Arbeiter stehen, schauen genauer hin. Ihre Gesichter verraten Verblüffung, dann Freude; Özkan händigt die Schokolade aus, sagt den Spruch vom Süßen auf – und siehe da: Es folgen herzlichste Wortwechsel auf Türkisch; das also meint „süß reden.“ In diesen Momenten ist Özkan eine von ihnen, „die Aygül“, das Kind türkischer Kleinselbstständiger, das es in Deutschland ganz nach oben geschafft hat. Özkan also, die bundesweit erste Ministerin mit Migrationshintergrund und ganz engem Draht zu Zuwanderern, Vorzeigefrau einer CDU, die sich offen und modern geben will – ist das so? Auch.

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Aber eben nicht nur. Denn da ist auch die Karrierefrau hanseatischer Prägung. Die Juristin war Managerin der Hamburger Niederlassung des Briefzustellers TNT Post, bevor Christian Wulff Özkan in sein Kabinett nach Niedersachsen holte. Fast drei Jahre ist das nun her – eine Zeit, in der sich Özkan vom engen Image der Integrationsfachfrau qua Herkunft zu befreien suchte. Ihr Ministerium bot dazu auch reichlich Gelegenheiten. Özkan warb für mehr Ärzte auf dem Land, setzte sich ein für mehr Nachwuchs in Pflegeberufen, führte eine Meldepflicht für Krebserkrankungen im Umfeld des Atommülllagers Asse ein. Es ist ja nicht so, dass all dies kaum jemand wahrgenommen hätte. Aber Özkans politisches Wirken konnte in der öffentlichen Wahrnehmung nie ganz Schritt halten mit ihrer Biografie: Sie ist Deutschlands erste Ministerin mit Migrationshintergrund, und viele, die diesen Satz geäußert haben – Politiker, Migrantenvertreter, Journalisten –, haben damit nicht nur Özkan auf die Schulter geklopft, sondern immer auch sich selbst. Özkan hat diese Debatte nicht so gern. Sie sagt: „Durch meine Arbeit in einem so breit aufgestellten Ministerium werde ich nicht mehr reduziert auf Migrations- und Integrationsthemen.“

Gibt es ein Leitmotiv der Landtagskandidatin Özkan? Eine Botschaft, die ihrem Wahlkampf zugrundeliegt? „Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt“, sagt Özkan.

Nun ist der Begriff der „Chancengerechtigkeit“ kein neuer; seit den siebziger Jahren wird er besonders gern von CDU-Politikern gebraucht, die in ihm ihre bildungspolitischen Botschaften bündeln. Neu aber ist, dass die CDU mit Özkan offenbar jemanden gefunden hat, der diese Botschaft nicht bloß verkündet, sondern auch selbst verkörpert – eben weil Spitzenpolitiker aus ausländischen Familien noch immer selten sind.

Wie sehr ihre Partei auf Özkan setzt, hat sie auf ihrem Bundesparteitag im Dezember gezeigt, als Özkan mit großer Mehrheit neu in den CDU-Bundesvorstand gewählt worden ist. „Ein Bombenergebnis“, sagt Özkan. Was sie höflich unterschlägt: Mit ihren 76,7 Prozent beim Parteitag gaben die Delegierten Özkan sogar einen stärkeren Sympathiebeweis als der einst stets erfolgsverwöhnten Ursula von der Leyen mit ihren 69 Prozent.

Da drängt sich die Frage auf, was aus der Hoffnungsträgerin Özkan wird, falls die CDU die Regierungsmacht verliert. Auch ein Passant am Stand vor der Marktkirche wird prompt direkt: „Was machen Sie denn nach der Wahl, Frau Özkan?“ Der ältere Herr schiebt noch nach, dass Özkan seine Stimme ja sicher habe, aber gegen Rot-Grün werde es wohl leider nicht reichen. Freundlich macht Özkan dem Mann Mut, er solle Nachbarn und Freunde von der CDU überzeugen, „dann wird das schon“. Der Mann ist zuversichtlich. Und Özkan um eine Antwort herumgekommen.

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