Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Der „supergeile“ Arbeitgeber
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Der „supergeile“ Arbeitgeber
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:48 21.01.2014
Von Alexander Dahl
Ein Job, der körperlich anspruchsvoll ist: Amazon-Mitarbeiter legen täglich viele Kilometer zwischen den Regalreihen mit den Waren zurück, damit die Kunden ihre Bestellungen schnell erhalten. Quelle: dpa
Anzeige
Bad Hersfeld

Es ist sauber. Es ist hell. Und es ist, mitten im Winter, angenehm warm in den Hallen von Amazon in Bad Hersfeld. 22 bis 23 Grad, Wohnzimmertemperatur. Die Amazon-Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen. Nicht nur hier, sondern überall auf diesem Planeten, wo sie in den Diensten des größten Online-Versandhändlers der Erde Waren aus Regalen greifen und in Kartons versandfertig verpacken. Das Geschäft ist bereits gigantisch. Und es wächst immer weiter. Mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz macht der Konzern im 20. Jahr nach seiner Gründung, 110 000 Mitarbeiter in 23 Ländern arbeiten bei Amazon. In jeder Sekunde treffen 23 Bestellungen ein.

Amazon hat, Jahr für Jahr, schon vieles verändert: Einkaufsgewohnheiten, Geld- und Datenströme, nicht zuletzt aber auch die Arbeitswelt. Durch die Hallen von Amazon, wo die „Picker“, die Einsammler der bestellten Waren, im Eilschritt in Jeans und T-Shirt unterwegs sind, weht ein Hauch von Amerika – auch wenn sie auf deutschem Boden stehen. Wie in Seattle, am Firmensitz im Bundesstaat Washington an der Pazifikküste der USA, gelten auch hier zwei Gesetze. Der Kunde ist König. Jeff Bezos aber, Gründer und Eigentümer von Amazon, ist etwas noch Höheres. Er wird verehrt und gefürchtet wie ein Gott.

Anzeige

Dieser Gott, das hat sich bis nach Bad Hersfeld herumgesprochen, will keine Götter neben sich haben. Gewerkschaften? Wozu braucht man so etwas? Genügt es nicht, wenn man sich mit den eigenen Mitarbeitern vernünftig verständigt?

Knallharte Effizienz

Robert G. Marhan kann nichts Verwerfliches an der Amazon-Kultur entdecken. „Wir gehen respektvoll miteinander um, hören einander zu – das macht das Arbeiten hier so angenehm“, sagt der „General Manager“ des Standorts im hessischen Bad Hersfeld, wo rund 4000 der bundesweit etwa 9000 Amazonier beschäftigt sind.

Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, sieht das alles ganz anders. Er hat Amazon im vergangenen Weihnachtsgeschäft vorgehalten „Menschen zu Robotern zu machen“. Das sei Wildwest: „Das mag in Texas gehen, aber hier kann man mit Menschen so nicht umgehen.“

Einer der vielen Steine des Anstoßes ist die knallharte Effizienz, mit der Amazon organisiert ist. Kaum eine Firma weiß so gut Bescheid über jeden Schritt und Tritt, den ihre Mitarbeiter machen. Jeder „Picker“ trägt ein Gerät bei sich, das ihm die bestellten Produkte anzeigt und den Weg zu ihnen durch die Regalreihen berechnet. Man muss schnell sein. Wer die Vorgabe nicht erfüllt, muss zum „Feedback-Gespräch“. Und wenn der Scanner zweimal in fünf Minuten eine „Inaktivität“ bei einem Beschäftigten registrierte, reichte dies laut ver.di für eine Abmahnung.
Aber wie hart sind die Bedingungen wirklich? Fragt man die Leute in den Hallen, fallen die Antworten differenziert aus und irgendwie gedämpft, auf beiden Seiten. Ermahnungen, so hört man von Beschäftigten, seien „klar in der Ansage“, würden aber meist „amerikanisch freundlich“ formuliert.

Auch Amazon-Standortchef Marhan, 36 Jahre alt, setzt auf entspannte Töne. „Rock ’n’ Roll“ steht in großen Lettern über dem Eingang zur Packhalle, die im Amazon-Englisch „shop floor“ heißt. Die Konferenzräume hat Marhan nach Elvis Presley, Jimmy Hendrix und anderen Rockgrößen benannt. Man duzt sich bei Amazon, auch Marhan, in verwaschener Jeans und Karohemd unterwegs, ist einfach nur „der Robert“, der mitunter am Band steht und mit anpackt, um das Gefühl für das, was die Mitarbeiter machen, nicht zu verlieren. Ein-, zweimal pro Woche lädt er Kollegen, die in letzter Zeit Geburtstag hatten, zu Kaffee und Kuchen ein.

Kollegiale Typen wie er sind es, die die Attacken auf Amazon im Alltag ein bisschen komplizierter machen, als es sich die Gewerkschaft vorstellt. „Ja, sicher“, räumt Marhan ein, „der Job ist körperlich fordernd.“ Acht Stunden lang gehen, Artikel bewegen und verpacken, das sei anspruchsvoll. Aber dafür biete man auch einiges: einen Einstiegslohn von 10,01 Euro, der im zweiten Jahr automatisch auf 11,59 Euro und im dritten Jahr auf 11,71 steigt. Hinzu kommen ein monatlicher, leistungsabhängiger Bonus von bis zu acht Prozent des Bruttolohns, Weihnachtsgeld, jährliche kostenlose ­Aktienzuteilungen, Überstunden- und Nachtzuschläge, Rabatte auf persönliche Amazon-Bestellungen, eine kostenlose Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung und ein Beitrag zur Altersvorsorge von bis zu zwei Prozent des Grundlohns. „Und das alles für einen Job, den Sie in vier Tagen lernen können“, sagt Marhan und verweist auf Mitarbeiter in der Altenpflege: „Die haben eine höhere Verantwortung und verdienen oft viel weniger als einer bei uns.“

Sklavereivorwürfe hört man seltener

Marhan spricht viel von Respekt. Respekt für die eigenen Mitarbeiter. Respekt für Menschen in anderen Branchen. Und er hat sogar Respekt vor jenen, die seit Monaten einen für Amazon ungewohnten Ärger machen und draußen vor der Tür streiken. Als es zu Halloween eine Mitarbeiterparty gab, wurden ausständigen Kollegen heiße Getränke nach draußen gebracht.

Dennoch wuchs die Spannung zwischen drinnen und draußen. Die Mitarbeiter, die weiter drinnen arbeiteten, hatten genug davon, dass draußen so getan wurde, als würden sie „Sklavenarbeit“ verrichten. Als sich schließlich sogar eine Mitarbeiterbewegung „Pro Amazon“ formierte, die öffentlich gegen ver.di protestierte, wusste die Gewerkschaft, dass sie ihren Kurs ändern muss.

Sklavereivorwürfe hört man mittlerweile seltener. „Wir haben Amazon nie verteufelt; es ist definitiv nicht schlecht, dort zu arbeiten“, sagt Heiner Reimann, als Gewerkschaftssekretär für Amazon zuständig. Wer langzeitarbeitslos ist oder schwer vermittelbar sei, für den sei der Job eine gute Alternative. Weiche Worte in einem harten Tarifkonflikt, bei dem es darum geht, ob für Amazon der Tarifvertrag für Logistiker oder der – für die Beschäftigten lukrativere – des Einzelhandels gelten soll.

Doch was nützt den Ungelernten das eine oder andere theoretische Tarifsystem? Der Einzelhandel rund um Bad Hersfeld bietet ihnen weniger als Amazon. Für sie ist und bleibt das praktisch verdiente Geld die einzige entscheidende Kennziffer.

Zufriedene Amazon-Mitarbeiter sind jedenfalls keine reine Erfindung der Geschäftsleitung. Es gibt sie wirklich. „Wieso streiken? Die Arbeit ist nicht schwer, und am Monatsende ist das Geld auf dem Konto“, sagt die Mitarbeiterin Katarzyna Wojtasik, die vor zwei Jahren aus Polen kam. „Ist supergeil hier, ich bleibe bis zur Rente“, sagt Daniel Lange, der früher in Thüringen als schlecht bezahlter Gemeindearbeiter tätig war. Dirk Wenzel wünscht sich zwar mehr Geld, aber damit, „wie ver.di Amazon darstellt, bin ich nicht einverstanden“, sagt er und überlegt, aus der Gewerkschaft auszutreten, wenn es so weiter gehe. Serdal Kahraman setzt auf gegenseitigen Respekt. Hat er die Formel irgendwie von seinem Chef aufgeschnappt? Jedenfalls sagter, er verstehe die, die streiken. „Aber irgendwie müssten die auch mal verstehen, warum ich nicht streike.“

„Es gibt keine Basis für Gespräche mit ver.di“

Nachgefragt bei Armin Cossmann, Logistikchef Amazon Deutschland.

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di fordert, dass Amazon die Eingruppierung in den Tarifvertrag für den Einzelhandel akzeptiert und nicht länger nach Logistiktarif bezahlt. Verhandeln Sie noch darüber?
Nein, ich sehe derzeit keine Notwendigkeit mehr, mit ver.di zu sprechen. Dafür gibt es keine Basis. Wir konzentrieren uns auf die Kommunikation mit unseren Mitarbeitern und fragen diese direkt, wie wir gemeinsam vorankommen können. Dies ist uns wichtiger. Die Gewerkschaft sollte sich ernsthaft fragen, warum sie ein derart großes Problem mit uns hat. Der weitaus größte Anteil der Mitarbeiter, da bin ich mir sicher, hat mit uns jedenfalls keins.

Wird der Tarifstreit von Ihrer US-Zentrale in Seattle argwöhnisch verfolgt?
Wie andere weltweit operierende Unternehmen stehen natürlich auch wir in Kontakt zu unserer Zentrale. Probleme daraus erwachsen für uns daraus aber nicht.

Amazon plant, neue Standorte in Polen und der Tschechischen Republik zu eröffnen. Werden die deutschen Standorte darunter leiden?
Nein, ganz sicher nicht. Es gibt definitiv keine Pläne, deutsche Standorte zu schließen oder gar im Zuge dessen Mitarbeiter zu entlassen. Das würde sich auch gar nicht mit unserem ehrgeizigen Ziel vereinbaren lassen, dass kundenorientierteste Unternehmen der Welt zu werden. Und vom Umsatz her wäre ein Jobabbau in Deutschland geradezu widersinnig: Das vergangene Weihnachtsgeschäft war das beste, das wir hierzulande je hatten. Im Vergleich zum Jahr 2012 gab es ein Umsatzplus von rund 15 Prozent am Spitzentag 15. Dezember. Die neuen Standorte in Osteuropa dienen lediglich dazu, das große Wachstum, das wir auch in diesen Ländern verbuchen können, mit neuen logistischen Möglichkeiten aufzufangen.

Es gibt also weitere Investitionen von Amazon in Deutschland?
Wir investieren alles, was an Finanzmitteln übrig bleibt in unsere Standorte, damit unsere Kunden die besten Leistungen und die günstigsten Produkte erhalten.

Seit Kurzem ist eine neue Bundesregierung im Amt. Was erwarten Sie von ihr im Hinblick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland?
Da möchte ich mich zurückhalten. Für die großen Rahmenbedingungen ist die Politik in Berlin verantwortlich, da mischen wir uns nicht ein.