Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit „Zur vollen Zufriedenheit“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit „Zur vollen Zufriedenheit“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:02 18.11.2014
Foto: Arbeitszeugnis zwischen den Zeilen: Hinter wohlwollenden Formulierungen können sich negative Einschätzungen verbergen.
Arbeitszeugnis zwischen den Zeilen: Hinter wohlwollenden Formulierungen können sich negative Einschätzungen verbergen. Quelle: dpa
Anzeige
Erfurt

Wer sein Arbeitszeugnis richtig deuten will, der muss vor allem eins: zwischen den Zeilen lesen. Denn nicht immer ist alles so gemeint, wie es klingt. Hinter wohlwollenden Formulierungen können sich negative Einschätzungen verbergen. Auch für die Gesamtbewertung der Arbeitsleistung gibt es Standardfloskeln, die am Dienstag beim Bundesarbeitsgericht auf dem Prüfstand stehen.

Worum geht es in dem Streitfall vor dem Bundesarbeitsgericht?
Eine frühere Empfangsmitarbeiterin in einer Berliner Zahnarztpraxis will vor Gericht eine bessere Gesamtbewertung ihrer Arbeitsleistung erreichen. Ihr wurde im Zeugnis attestiert, die Aufgaben „zu unserer vollen Zufriedenheit“ erledigt zu haben. Das entspricht der Note 3 und nach der bisherigen Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts einer durchschnittlichen Leistung. Die Klägerin beharrt aber auf der Formulierung „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ und der damit verbundenen besseren Bewertung (Note 2).

Wie haben die Vorinstanzen entschieden?
Sowohl das Arbeitsgericht Berlin als auch das Landesarbeitsgericht gestanden der Klägerin eine gute Beurteilung („stets zur vollen Zufriedenheit“) zu. Die beiden Instanzen zweifelten an, dass die Leistungsbewertung „zur vollen Zufriedenheit“ (Note 3) nach dem heutigen Verständnis des Wirtschaftslebens noch einer durchschnittlichen Bewertung entspricht. Die meisten Arbeitszeugnisse würden inzwischen (sehr) gute Leistungsbewertungen enthalten. Daher könnte eine schlechtere Bewertung als Ausschlusskriterium bei der Personalauswahl betrachtet werden, argumentierten die Richter.

Welche Bedeutung hat der erwartete Richterspruch aus Erfurt?
Folgen die obersten Arbeitsrichter der Lesart der Vorinstanzen, hätte das erhebliche Auswirkungen in der Praxis. Denn damit würde der Maßstab für ein durchschnittliches Zeugnis von Note 3 auf Note 2 angehoben. Die Bewertung mit gut („stets zur vollen Zufriedenheit“) würde zum Richtwert. Arbeitgeber, die eine schlechtere Beurteilung ausstellen, müssten diese im Streitfall dann bereits ab Note 3 („zur vollen Zufriedenheit“) darlegen und beweisen. Das würde nach Expertenansicht die Aussagekraft von Zeugnissen weiter entwerten.

Wieso gibt es eigentlich eine Art Geheimsprache in Arbeitszeugnissen?
Obwohl Geheimcodes verboten sind, haben sich im Laufe der Zeit verschlüsselte Hinweise für die Personalleiter eingebürgert. Das gilt für gewisse Formulierungen ebenso wie für nicht getroffene Aussagen. Nach der gängigen Rechtsprechung müssen Arbeitszeugnisse sowohl wahrheitsgetreu, als auch wohlwollend formuliert sein, um das berufliche Fortkommen nicht zu erschweren. „Das Zeugnis muss so gut wie möglich sein, ohne dass es falsch ist“, beschreibt der auf Arbeitszeugnisse spezialisierte Freiburger Fachanwalt, Günter Huber, das Dilemma bei allen Arbeitsbeurteilungen.

Wer hat überhaupt Anspruch auf ein Arbeitszeugnis?
Jeder Arbeitnehmer kann bei Verlassen des Unternehmens eine schriftliche Beurteilung seiner Leistung verlangen. Der Anspruch ist gesetzlich geregelt. Dabei wird zwischen einem einfachen und einem qualifizierten Zeugnis unterschieden. In der Praxis ist das qualifizierte Zeugnis Standard, das neben Angaben zu Art und Dauer der Beschäftigung zugleich Arbeitsleistung und Verhalten bewertet.

Kommen Streitigkeiten über Arbeitszeugnisse oft vor Gericht?
Die meisten Zeugnis-Streitfälle werden außergerichtlich geklärt. Dennoch beschäftigen sie immer wieder auch die Gerichte. Zu Form und Inhalt dieses wichtigen Papiers in der Bewerbungsmappe gibt es zahlreiche - auch höchstrichterliche - Urteile. Zuletzt entschied das Bundesarbeitsgericht im Dezember 2012, dass Arbeitnehmer keinen Anspruch auf eine Dankesformel haben. 2005 stellten die Bundesrichter klar, dass ein Zeugnis von einem Vorgesetzten unterschrieben sein muss. Und 1999 erklärten sie Knicke im Zeugnisbogen für rechtens.

Das Arbeitszeugnis richtig lesen

Bekommen Mitarbeiter ein Arbeitszeugnis, müssen sie zwischen den Zeilen lesen. Denn nur, weil die Bewertung vom Chef gut klingt, müsse sie noch lange nicht gut sein, sagt Günter Huber. Er ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Autor des Buches „Das Arbeitszeugnis in Recht und Praxis“. Verlassen Berufstätige ihr Unternehmen, zum Beispiel bei einem Jobwechsel, haben sie Anspruch auf ein solches Arbeitszeugnis (Paragraf 109 Gewerbeordnung). Doch worauf sollten Berufstätige beim Zeugnis achten? Und wie können sie die Formulierungen richtig durchschauen?

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Einfaches oder qualifiziertes Arbeitszeugnis: In einem einfachen Arbeitszeugnis stehen lediglich die persönlichen Daten und die Dauer der Beschäftigung. Ein qualifiziertes Zeugnis hingegen enthält eine Leistungs- und Verhaltensbeurteilung. Arbeitnehmer können sich für eine der beiden Varianten entscheiden. Huber rät allerdings zu einem qualifizierten Zeugnis. „Bei einem einfachen vermutet man automatisch, dass der Mitarbeiter schlecht war.“

Formulierungen in Schulnoten übersetzt: Die Formulierung „stets zur vollsten Zufriedenheit“ ist gleichbedeutend mit der Schulnote „sehr gut“. Dabei kann das „stets“ auch mit den Worten „immer“ oder „jederzeit“ ausgetauscht sein. Um ein „gut“ handelt es sich beim Ausdruck „stets zur vollen Zufriedenheit“. Arbeitnehmer, die die Worte „zur vollen Zufriedenheit“ in der Bewertung finden, haben nur ein befriedigendes Zeugnis bekommen. Wer sich „stets bemüht“ hat, die Anforderungen zu erfüllen, hat die schlechteste der möglichen Beurteilungen erhalten.

Beurteilungen, die nicht fehlen sollten: „Wird bei einem Manager lediglich betont, dass er immer pünktlich war, stimmt etwas nicht“, erklärt Huber. Denn im Zeugnis sollten die Leistungen bewertet werden, die maßgeblich für den ausgeübten Job sind. Kommen in der Beurteilung stattdessen ganz nebensächliche Eigenschaften und Tätigkeiten vor, ist das ein Hinweis auf ein schlechtes Zeugnis.

Absichtlich zweideutige Formulierungen: Steht im Zeugnis, dass sich jemand gut mit den Kollegen verstanden hat, klingt das erst einmal positiv. Doch so eine Formulierung kann bedeuten, dass der Mitarbeiter geschwätzig war oder sich im Betriebsrat engagiert hat. „Solche Aussagen werden allerdings relativiert, wenn außerdem hervorgehoben wird, dass das Verhalten des Mitarbeiters stets einwandfrei war“, erklärt Huber. Angestellte, die sich nur „stets einwandfrei gegenüber Kollegen“ verhalten haben, sollten sich über diese Einschätzung allerdings nicht freuen. Denn was ist mit dem Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Geschäftskunden?

Was der Schlusssatz bedeutet: Eine fehlende Dankesformel am Ende kann das Zeugnis abwerten. Steht am Schluss „Wir wünschen Herrn Schmidt viel Erfolg für die Zukunft“, hört sich das zwar gut an. Besser wäre allerdings, wenn der Vorgesetzte Herrn Schmidt „weiterhin viel Erfolg“ wünschen würde.

dpa