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Deutschland / Weltweit Bahn erlaubt Pseudonyme für bedrohte Zugbegleiter
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Bahn erlaubt Pseudonyme für bedrohte Zugbegleiter
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22:14 18.10.2010
Wer will, darf unter falschem Namen kontrollieren.
Wer will, darf unter falschem Namen kontrollieren. Quelle: DB AG
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Decknamen sind eigentlich nur aus dem Agentenmilieu bekannt. Doch auch die Schaffner der Deutschen Bahn dürfen ihre Identität hinter einem Pseudonym verbergen, weil sie oft den Übergriffen oder Belästigungen von Fahrgästen ausgesetzt sind. Wie erst jetzt bekannt wurde, erlaubt die Bahn seit Anfang 2009, dass das Kontrollpersonal auf Antrag Phantasienamen auf den Schildern am Revers tragen darf. „Es geht dabei um die Fälle, in denen sich ein Mitarbeiter bedroht fühlt“, erklärt eine Sprecherin der Bahn gegenüber dieser Zeitung.

Anlass ist, dass sich Fahrgäste mitunter den Namen des Schaffners merken und ihn später, etwa mit Telefonterror, belästigen. Gerade unter Berufspendlern, die das Personal oft sehen, käme es zu solchen Auswüchsen, heißt es. Bisher ist das Pseudonym daher auch nur im Nahverkehr erlaubt. Es soll aber nach Bahnangaben auf die Mitarbeiter des Fernverkehrs ausgeweitet werden. Wie viele Schaffner mit falscher Identität in den Zügen unterwegs sind, kann die Bahn nicht sagen. Noch seien es aber wohl Einzelfälle, so das Unternehmen.

Die tätlichen Übergriffe auf Schaffner in den Zügen indes, die bei der Bundespolizei angezeigt wurden, gehen leicht zurück. Im Jahr 2008 wurden 865 Körperverletzungen angezeigt, 2009 waren 836 und bis August dieses Jahres wird in 413 Fällen ermittelt. Wesentlich größer sei allerdings die Grauzone von Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen, bei denen das Zugpersonal keine Anzeige mache, sagt die Bahnsprecherin. Besonders bei der Fahrkartenkontrolle käme es oft zum Streit; die Bundespolizei beklagt einen „allgemeinen Werteverfall, weil viele meinen, sie müssten eine Dienstleistung wie die Bahnfahrt einfach nicht bezahlen“. So wurde beispielsweise auf einem Bahnhof im bayerischen Kreis Erlangen vor einiger Zeit eine Zugbegleiterin auf den Kopf geschlagen. Der Lokführer fand sie bewusstlos am Bahnsteig. Im Kreis Lichtenfeld, ebenfalls in Bayern, traten zwei Jugendliche einen Schaffner aus dem Abteil, weil er sie beim Schwarzfahren erwischt hatte.

Bahn und Bundespolizei reagieren mit besonderen Schulungen, damit Schaffner deeskalierend auf rebellische Fahrgäste einwirken können. Polizeitrainer und Kommunikationsteams der Bundespolizei seien dazu im Einsatz, sagt ein Sprecher des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam. Mehr Videoüberwachung in den Zügen und auf den Bahnsteigen soll zusätzlich disziplinierend wirken.

Auch mehr Bahnpersonal – Schaffner wie Sicherheitsleute – in den Nahverkehrszügen könnte die Situation beruhigen. Doch dazu müssten nach Bahnangaben die Verträge mit den Bundesländern verändert werden, die das Zugangebot im Regionalverkehr bestellen und bezahlen. „Eine personelle Aufstockung dort wäre absolut berechtigt“, betonte die Bahnsprecherin in Berlin.

Alexander Dahl