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Deutschland / Weltweit Deutsche Autobauer fahren auf Brasilien ab
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Deutsche Autobauer fahren auf Brasilien ab
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12:21 19.10.2012
Arbeiter montieren im Volkswagen Werk Anchieta in Sao Bernardo do Compo bei Sao Paulo, Brasilien, ein Neufahrzeug. Quelle: dpa
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Hannover/São Paulo

Zwischen Zuckerhut und Amazonas ist die Goldgräberstimmung unter Autobauern aus aller Welt groß. Das boomende Brasilien folgt in den Schwärmereien vieler Manager gleich auf China - und liegt oft vor den Schwellenland-Rivalen Indien und Russland. Bei der wichtigsten Branchenmesse Südamerikas, der São Paulo Motor Show (24. Oktober bis 4. November), wollen sich die Hersteller ins Zeug legen, um für den Wachstumsmarkt zu werben. Langfristig sind die Chancen enorm. Aber auch Lateinamerikas Staaten können sich aktuell nicht von den trüben globalen Konjunkturaussichten abkoppeln.

Rund 195 Millionen Einwohner und ein Bruttoinlandsprodukt von 2,5 Billionen US-Dollar haben Brasilien 2011 zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt reifen lassen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnt allerdings vor allzu großer Euphorie: Wegen der ökonomischen Abkühlung brach der Markt für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis Ende Mai ein. Die Regierung in Brasília steuerte gegen, indem sie unter anderem den Zugang zu Krediten erleichterte.

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Seither zog der Absatz wieder an, die Anbieter liefern sich ein Wettrennen um die ehrgeizigsten Ziele. Nach Daten des Dachverbands OICA wurden in Brasilien im vorigen Jahr mehr als 2,5 Millionen Pkw gefertigt. Der Marktanteil der Deutschen liegt bei gut 21 Prozent, ihre Exporte sanken zuletzt jedoch stark - vor allem, weil das Land die Importsteuer IPI angehoben hatte. „Das stellt ein massives Hemmnis dar, das den Marktzugang erschwert“, kritisierte der VDA.

Auch Thomas Schmall kann davon ein Lied singen. Der Brasilien-Chef von Europas größtem Autobauer Volkswagen sieht die Wirtschaftspolitik aber auf Kurs. „Man hat im richtigen Moment Impulse geschaffen“, sagte der Manager bei einem Südamerika-Kongress der Wolfsburg AG zu der Entscheidung, etwa die Kfz-Steuer zu reduzieren. „Die Perspektiven sind positiv.“ 3,4 Milliarden Euro will VW bis 2016 investieren.

Das Kalkül von Präsidentin Dilma Rousseff ist klar: Ausländer ins Land locken, um eigene Ausfuhren zu stimulieren. So gibt es Regeln zum Anteil lokaler Komponenten. „Man zwingt die Industrie dazu, vor Ort zu produzieren“, sagte Manfred Wiedmann aus der VW-Entwicklung. Dabei haben sich die Niedersachsen eine gute Position erarbeitet.

Derzeit liegt die brasilianische Jahresproduktion der VW-Gruppe bei über 825 000 Fahrzeugen und knapp 900 000 Motoren. Bis Ende September legten die Verkäufe der Kernmarke in ganz Südamerika um 8,1 Prozent auf 626 200 zu. Der Tochter Audi gelang es, ihren Absatz in Lateinamerika nach drei Vierteln des Jahres um 12 Prozent zu erhöhen.

Schon 1953 gründeten die Wolfsburger ihren Brasilien-Ableger, als größter Autobauer im Land beschäftigten sie rund 24 000 Menschen. Das 1959 fertiggestellte Werk Anchieta im Speckgürtel São Paulos war ihr erstes ausländisches überhaupt. Inzwischen sind 22 Modelle im Programm, die Töchter MAN und Scania sind im Lkw-Geschäft aktiv. In Taubaté, Curitiba und São Carlos betreibt VW drei weitere Standorte.

Die Nachfrage der jungen Bevölkerung werde für zusätzlichen Schub sorgen, sagte Schmall: „Man muss bedenken, dass sich 38 Prozent der Leute heute noch kein Auto leisten können.“ Und die Fußball-WM 2014 sowie die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 sollen durch neue Infrastruktur-Investitionen auch das Nutzfahrzeuggeschäft ankurbeln.

Doch die Konkurrenz steht ebenfalls in den Startlöchern. Wenn Brasiliens Autofahrerdichte weiter zunimmt, kommt das aus Sicht von BMW auch der Premium-Segment zugute - ungeachtet aller Planspiele zu Niedrigpreismodellen. Die Oberklasse werde „noch weit positiver als das Wachstum des Gesamtmarkts“ beurteilt. Bisher sprechen die Zahlen dafür: 2011 fuhren die Bayern ein Absatzplus von 52 Prozent ein. Dass es Anfang 2012 vorerst abwärts ging, habe mit der umstrittenen Importsteuer zu tun; der Bau eines Werks wurde zunächst aufgeschoben.

Bei Daimler gibt man sich im Grundsatz ähnlich optimistisch. Die Stuttgarter schraubten ihre Pkw-Verkäufe 2011 um 35,3 Prozent nach oben. Die gestiegene Einfuhrsteuer sorgte aber für Stirnrunzeln: „Das bekommen wir natürlich auch bei Mercedes-Benz zu spüren.“ Bei den Nutzfahrzeugen produziert Daimler schon jetzt auch in Brasilien.

Und die Zulieferer? Ihnen verspricht die Deutschland-Connection große Möglichkeiten. Nebenbuhler aus anderen Ländern stehen dem indes kaum nach. „Wir haben Fabriken von Fiat, Toyota und Hyundai“, sagte der Präsident des brasilianischen Verbands SINDIPEÇAS, Paulo Butori. Schmall ist überzeugt: Auf dem drittgrößten VW-Absatzmarkt dürfte der Wettbewerb steigen - den handelspolitischen Untiefen zum Trotz. „Auch die Koreaner und Chinesen kommen ja mit sehr guten Technologien.“

dpa

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