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Deutschland / Weltweit Deutschland importiert Strom – weil Kohlekraft nicht lukrativ genug ist
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Deutschland importiert Strom – weil Kohlekraft nicht lukrativ genug ist
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19:11 30.05.2019
Zuletzt lieferten deutsche Kohlekraftwerke kaum noch Strom. Quelle: imago stock&people
Frankfurt

Jahrelang war Deutschland der Export-Weltmeister beim Strom. Doch plötzlich haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Seit Ende April wird in die hiesigen Netze mehr elektrische Energie aus dem Ausland eingespeist als den Nachbarn liefert wird. Denn Gaskraftwerke jenseits der Grenzen erzeugen billigeren Strom als heimische Steinkohlekraftwerke. Diese Verschiebungen beweisen für die Denkfabrik Agora Energiewende vor allem eins: Die Bepreisung von CO2-Emissionen wirkt und hilft beim Klimaschutz.

Die Einfuhr-Ausfuhr-Bilanz fällt seit Wochenbeginn negativ aus: Dauerhaft wird mehr elektrische Energie vor allem aus Frankreich, den Niederlanden, Dänemark oder der Schweiz nach Deutschland gepumpt als in die andere Gegenrichtung exportiert wird. Am Dienstag waren es zeitweise mehr als zehn Gigawatt. Ein erstaunlicher Wert, wenn man bedenkt, dass zur selben Stunde zwischen Garmisch und Flensburg insgesamt gut 50 Gigawatt verbraucht wurden. Dies lässt sich dem Agorameter entnehmen, das die Entwicklungen auf dem Strommarkt zeigt und von Agora Energiewende und dem Öko-Institut berechnet wird.

Export lukrativer als Abschalten

Die Daten sind bemerkenswert, da hierzulande über viele Jahre hinweg konstant erheblich mehr Strom erzeugt als benötigt wurde, um ihn in die angrenzenden Staaten zu liefern. Die Ursache für Überschüsse war vor allem die Energiewende. Solar- und Windkraftanlagen erzeugen immer mehr Strom. Zugleich wurden konventionelle Kraftwerke, die mit Kohle, Erdgas oder Atomkraft arbeiten, nicht im gleichen Maß heruntergefahren – auch weil der Export vielfach ein lukratives Geschäft war.

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Das war er zuletzt aber nicht mehr. Ende April ist durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren eine neue Situation entstanden: Einerseits seien durch eine frühe Schneeschmelze in den Alpen und in Skandinavien die Speicherseen für Wasserkraftwerke bis an den Rand voll, erläutert Frank Peter, stellvertretender Direktor von Agora Energiewende. Das bedeute, dass das Wasser nun zur Stromerzeugung genutzt werden müsse. Ansonsten laufen die Reservoire über.

Erdgas ist derzeit günstig

Hinzu kommt, dass in Europa auch die Erdgasspeicher gut gefüllt sind. Das hat den Preis für den flüchtigen Brennstoff reduziert. Zugleich sind die Notierungen für Kohlendioxid-Zertifikate geklettert. Sie kosten aktuell gut 25 Euro pro Tonne CO2. Vor zwölf Monaten waren es nur rund 14 Euro. Diese Erlaubnisse für Emissionen müssen sich alle Kraftwerksbetreiber entsprechend der Mengen des Klimakillergases kaufen, das sie in die Luft blasen.

Da Steinkohlekraftwerke pro Kilowattstunde Strom erheblich mehr Kohlendioxid erzeugen als Anlagen, die Methan verbrennen, profitieren Letztere derzeit massiv von der Kombination aus niedrigem Gas- und hohen CO2-Preis. Seit Jahresbeginn sei etwa 20 Prozent weniger Steinkohlestrom erzeugt worden als in der Vorjahreszeit, betont Peter. Er fügt hinzu: „Für die CO2-Bilanz sind diese Entwicklungen sehr erfreulich.“ Wobei steife Brisen in den vergangenen Monaten ein Übriges taten und für jede Menge Strom durch Windkraftanlagen sorgten.

Kohlestrom macht nur noch 2 Prozent aus

Von dem fossilen Brennstoff, der einst das Rückgrat der hiesigen Stromversorgung bildete, haben Kraftwerksbetreiber am Mittwoch und Donnerstag an manchen Stunden bundesweit nur noch so wenig verfeuert, dass damit gerade einmal gut ein Gigawatt erzeugt wurde. Deutlich stärker, nämlich mit bis zu elf Gigawatt war das Erdgas im Strommix vertreten. Noch viel stärker schlägt aber durch, dass derzeit günstiger ausländischer Strom aus Gaskraftwerken in rauen Mengen zur Verfügung steht - in Nachbarländern stehen zahlreiche neuere, effiziente Anlagen, die vielfach mit Kraft-Wärme-Kopplung arbeiten und deshalb hohe Wirkungsgrade erzielen.

Gleichwohl geht Peter davon aus, dass der aktuell immense Importüberschuss zu kein Dauerzustand wird: „Vergleichbare Situationen auf dem Strommarkt wie gegenwärtig haben wir in der Regel nur über einen Zeitraum von drei bis vier Wochen im Jahr.“ So dürfte nach den vergangenen kühlen und wolkigen Wochen die Produktion von heimischem Solarstrom in der nächsten Zeit wieder anspringen, dann werde es vor allem zur Mittagszeit wieder mehr Energieexporte geben. Und: Wasserkraft wird wieder dosierter eingesetzt, wenn die Pegelstände in den Speicherseen gesunken sind.

CO2-Zertifikate zeigen Wirkung

Spannend wird, wie sich der Gaspreis entwickelt. Hier werden zwar Reserven in den großen Speichern abgebaut. Zugleich herrscht aber ein harter Wettbewerb. Auch weil zum Pipelinegas aus Russland immer mehr verflüssigter Brennstoff (LNG) per Schiff auf den europäischen Markt drängt. Ferner geht Peter davon aus, dass die CO2-Zertifikate auch weiterhin in der Region notieren werden, die Steinkohlestrom teuer macht: zwischen 25 und 30 Euro pro Tonne. Er setzt dabei auf eine Art automatische Stabilisierung. Wenn der Erdgas-Preis steige oder Steinkohle deutlich billiger werde, würden sich CO2-Zertifikate wegen steigender Nachfrage und damit letztlich auch der Kohlestrom verteuern. „So bleiben moderne Gaskraftwerke weiterhin wettbewerbsfähig“, erläutert der Vize-Chef von Agora Energiewende.

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Auswirkungen all dieser Mechanismen auf die Preise für die Verbraucher dürften indes gering ausfallen. Denn es spiele kaum eine Rolle, ob Erdgas oder Steinkohle die Preise für Großhandel an der Börse setzen, da sie sich auf einem vergleichbaren Niveau bewegen. Viel wichtiger ist dem Experten von der Denkfabrik, dass die aktuellen Entwicklungen zeigten, dass CO2-Preise wirken. „Über den Handel mit den CO2-Zertifikaten kann man den Strommarkt sehr gut steuern. Man könnte das sogar noch verstärken, indem man beispielsweise Mindestpreise für Kohlendioxid festlegt und dadurch Investitionssicherheit für CO2-arme Technologien schafft. “ Diese Lehre könne man auf andere Sektoren wie Wärme, Verkehr oder Gebäude übertragen. Wenn wir wollen, dass Klimaschutz über Marktmechanismen geregelt wird, dann muss CO2 einen Preis bekommen.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel