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Deutschland / Weltweit "Diesen Zug könnten Sie fahren"
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit "Diesen Zug könnten Sie fahren"
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18:00 21.03.2012
Von Dirk Stelzl
Lokführer Willibald Kistler im Führerstand eines ICE. Auch in diesem Beruf wird der Nachwuchs knapper. Quelle: Gabriel Poblete Young
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Hannover

Auch nach mehr als 30 Jahren ist Willibald Kistler noch mit Freude Lokführer. "Das ist ein schöner Beruf", sagt der Bayer im Führerstand seines ICE, der von Hannover in Richtung München unterwegs ist. Links und rechts rauscht die niedersächsische Landschaft vorbei. "Ich mache den Beruf heute noch gern."

Kistlers Arbeitstag hat morgens kurz nach 5 Uhr in München begonnen. Nach etwa zwei Stunden Pause in Hannover fährt er nun wieder in die Heimat zurück. Hier vorne im ICE-Cockpit, vor Bordcomputern, Funkgerät, Leuchtmeldern und allerlei Schaltern, "ist man sein eigener Herr", beschreibt der 51-Jährige den besonderen Reiz seiner Tätigkeit.

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Als Lokführer im Fernverkehr kommt man viel herum. Man fährt durch unterschiedliche Landschaften und hat nicht jeden Tag den gleichen Trott - das gibt ein bisschen das Gefühl von Freiheit. Das Lokführerdasein hat aber auch Schattenseiten: unregelmäßige Arbeitszeiten, besonders im Güterverkehr Einsätze auch in der Nacht oder Dienste an Wochenenden und Feiertagen. Nicht jede Familie kommt mit den Belastungen zurecht: "Da ist schon manche Ehe auseinandergegangen", sagt Kistler.

Gleichwohl übt der Beruf des Lokführers auf junge Leute nach wie vor Faszination aus. Bei der Deutschen Bahn (DB) haben im vergangenen Herbst rund 440 junge Leute die Ausbildung zum Lokführer begonnen. Insgesamt erlernen bei der DB etwa 1000 Auszubildende diesen Beruf. Zudem hat die Bahn im vorigen Jahr etwa 400 Lokführer von außen eingestellt.

Die demografische Entwicklung und rückläufige Schülerzahlen machen sich aber auch bei der Bahn und diesem Berufsstand bemerkbar. Es wird schwieriger, Nachwuchskräfte zu finden. Der Wettbewerb um tüchtige Mitarbeiter nimmt zu. Die Bahn wirbt deshalb nicht nur verstärkt um Ingenieure, sondern auch um Lokführer. Der Konzern verstärkt die Ausbildung und will Mitarbeiter weiterqualifizieren.

Nach Angaben der Gewerkschaften fehlen in der Branche allerdings schon jetzt zahlreiche Mitarbeiter. Es gebe zum Teil einen akuten Mangel an Lokführern, berichtet die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). "Die Unternehmen müssen massiv gegensteuern. Neueinstellungen auf breiter Front sind vonnöten." Der sich abzeichnende Personalmangel sei nicht nur ein Thema bei der Deutschen Bahn, sondern mittlerweile auch bei anderen Bahngesellschaften. Wenn nichts unternommen werde, warnt die EVG, "ist es nur eine Frage der Zeit, bis Züge wegen fehlender Lokführer ausfallen, im Personen- wie im Güterverkehr".

Die Lokführergewerkschaft GDL beklagt, dass wegen des Mangels das bisherige Personal eine "erhebliche Mehrbelastung" bewältigen müsse. Die Gründe für Engpässe seien auch Rationalisierungen und Personalabbau in den vergangenen Jahren sowie altersbedingte Abgänge. Bundesweit würden derzeit mehr als 800 Lokführer gesucht - insgesamt gebe es ungefähr 26000.

Von einem Mitarbeitermangel will der Marktführer Deutsche Bahn nicht sprechen. Mit seinen rund 20000 Lokführern sei das Unternehmen grundsätzlich "ordentlich aufgestellt", sagt eine DB-Sprecherin. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 45 Jahren.

Hier im Norden konnte die Bahn nach eigenen Angaben zuletzt alle Lokführerstellen besetzen. In anderen Regionen wie in Süddeutschland oder Berlin fällt dies jedoch schwerer. "Gerade im Süden Deutschlands herrscht ein großer Bedarf an Triebfahrzeugführern", heißt es in der Firmenzeitung "DB Welt".

Um Lokführer anzuwerben, hat das Unternehmen die Initiative "Triebfahrzeugführer gewinnen, ausbilden und entwickeln" gestartet. "Diesen Zug könnten Sie fahren" - mit diesem Slogan auf zwei Lokomotiven sowie mit Plakaten in Fahrzeugen machte die Bahn in Baden-Württemberg darauf aufmerksam, dass Lokführer für Regional- und S-Bahn-Züge sowie für den Güterverkehr gesucht würden. Getreu dem Motto: "Lok sucht Lokführer." Die Aktion blieb nicht ohne Resonanz: "Innerhalb weniger Wochen lagen bereits über 300 Bewerbungen vor", sagt die Bahn-Sprecherin. Hier im Norden ist eine solche Marketingkampagne bisher nicht geplant.

Fertig ausgebildete Lokführer seien am Markt eher knapp, berichtet derUelzener-Bahnkonkurrent Metronom. Das Unternehmen konzentriert sich darauf, Quereinsteiger oder auch bisherige Zugbegleiter in Lehrgängen für den Job zu qualifizieren. Auch Erixx ("Heidesprinter") bildet Leute zu Lokführern weiter. Allerdings, so erklärt eine Sprecherin, sei nicht jeder dem auf einem Triebfahrzeugführer lastenden Druck gewachsen.