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Deutschland / Weltweit „Der Mittelstand trägt die Energiewende“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit „Der Mittelstand trägt die Energiewende“
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09:12 27.03.2014
Von Jens Heitmann
Hans-Dieter Kettwig ist seit 1997 Geschäftsführer der Enercon GmbH und mehrerer Tochterunternehmen. Quelle: handout
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Die Bundesregierung will den Ausbau der Windenergie an Land bremsen. Was heißt das für die Branche – und wie reagiert Enercon darauf, Herr Kettwig?

Wenn die Bremse genauso kommt, wie sie im uns vorliegenden, noch nicht angepassten Referentenentwurf zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vorgesehen ist, dann werden wir in Deutschland einen Einbruch von rund 50 Prozent bei den Neuinstallationen erleben. Deshalb haben wir erst einmal alle in Deutschland geplanten Investitionen gestoppt – für 2014 reden wir hier von 110 Millionen Euro allein für unser Haus.

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Sie wirken überrascht. War nicht klar, dass die Politik auf die steigende Ökostromumlage reagieren würde?

Natürlich ist uns auch klar, dass man die Bevölkerung nicht überfordern darf. Uns geht es aber um eine verlässliche Politik – man darf nicht jedes Jahr mit neuen Vorschlägen kommen. Das führt immer zu Windhundrennen: Weil alle Angst haben vor sinkenden Vergütungssätzen, werden noch mehr Anlagen errichtet. Ein derart künstlicher Hype nützt niemandem. Zudem sah der Koalitionsvertrag von November 2013 noch etwas anderes vor als der letzte Referentenentwurf.

Niemandem? Hersteller und Projektierer machen mehr Umsatz, die Anlagenbetreiber sichern sich eine höhere Rendite ...

Beim letzten Boom dieser Art im Jahr 2002 wurden ebenfalls sehr schnell sehr viele Windräder installiert. Und was ist die Folge? Heute, nach nur zehn Jahren Betriebsdauer, sind viele dieser Anlagen „Erneuerungsprojekte“.

Sie meinen: Es wurde gepfuscht?

Wenn man sich die Bilanzen einiger Wettbewerber ansieht, dann fällt auf, dass sie ihr Geld vor allem mit dem Reparaturgeschäft verdienen. Wir wollen unser Geld lieber mit Anlagen verdienen, an denen auch unsere Kunden, also die Betreiber, Spaß haben.

Enercon ist Marktführer in Deutschland und weltweit Nummer zwei. Können Sie die Folgen der Ausbaubremse daheim im Auslandsgeschäft wettmachen?

Wenn die „Erfinder“ der Energiewende selbst plötzlich kalte Füße bekommen, kann das im Ausland einen verheerenden Effekt haben. Falls wir den Ausbau der Onshore-Windenergie wirklich bremsen, werden andere Länder sich davon wohl negativ beeinflussen lassen und das erfolgreiche EEG-Modell zieht nicht mehr. Aber: Enercon hat einen starken Vertrieb – und in Märkten wie der Türkei, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Österreich und Schweden sehen wir ein sehr großes Potenzial.

Sie bauen ausschließlich Windenergieanlagen an Land. Kann Enercon den Offshore-Markt auf Dauer ignorieren?

Selbst wenn wir einmal von allen praktischen Schwierigkeiten absehen, die daraus entstehen, Anlagen 90 Kilometer vor der Küste in 45 Meter tiefes Wasser zu stellen – dann bleibt immer noch ein fundamentales Problem: Wir erschaffen mit diesen Großprojekten wieder eine zentrale Versorgungsstruktur. Die Energiewende wird aber unsere Erachtens maßgeblich in und mit vielen kleinen Schritten gelingen – und dies vor allen Dingen dezentral mit neuen energiewirtschaftlichen Strukturen.

Was spricht per se gegen Großprojekte? Wenn Konzerne wie e.on oder RWE die erneuerbaren Energien für sich entdecken, werden sie sich nicht mit Klein-Klein zufriedengeben?

Die Propagandamaschinerie der „Großen“ läuft derzeit auf Hochtouren. Mal waren Gezeitenkraftwerke in Mode, von denen man dann nie wieder etwas gehört hat – jetzt will man „vorweggehen“, hat aber noch vor Kurzem kräftig in neue Braunkohlekraftwerke investiert. Diese Großprojekte wird es im Bereich der erneuerbaren Energien auf Sicht in Deutschland onshore so nicht geben. So muss jedes Unternehmen mit den neuen Herausforderungen zurechtkommen. Das Gegenteil ist richtig: Die Energiewende wird vom Mittelstand getragen und von mittelständisch geprägten Versorgern vorangebracht.

Enercon will in Aurich selbst vorangehen und den Landkreis als ersten in Deutschland zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgen. Wie soll das konkret funktionieren?

In unserem Landkreis stehen heute Windanlagen mit einer Kapazität von 620 Megawatt – das entspricht einem kleinen konventionellen Kraftwerk. Im vergangenen Jahr haben wir uns an einzelnen Tagen bereits zu 97 Prozent selbst versorgen können. An manchen Tagen wird Energie aus dem Landkreis exportiert. Wir sehen hier eine große Chance für die Region.

Und was machen Sie an einem kalten Wintertag mit wenig Wind und einer Lage Schnee auf den Solardächern?

Darum geht es ja gerade: Wir wollen beweisen, dass eine komplette Versorgung mit grünem Strom möglich ist. In Aurich stehen heute schon Biogasanlagen mit 20 Megawatt Kapazität, zudem erproben wir Batteriespeicher und neue Technologien wie „Power to Gas“, um Ökostrom in Wasserstoff umzuwandeln und ihn speicherbar zu machen.

Auf neue Speichertechnologien hofft die Branche schon länger, außer Ankündigungen gibt es bisher nicht viel ...

Es wird hier zu mehreren technologischen Revolutionen in den nächsten fünf bis zehn Jahren kommen, da bin ich ganz sicher. Und mit Blick auf Aurich haben wir auch noch ein bisschen Zeit: Im Jahr 2020 wollen wir so weit sein.

Aber schon am Anfang hakt es bedenklich: Enercon und EWE können sich nicht einigen, wer künftig das Stromnetz im Landkreis managen darf. Die Kommunalpolitiker denken daran, die Konzession neu auszuschreiben.

Was soll ich sagen? So ist das eben, wenn zwei Alphatiere aufeinander treffen und jeder auf dem Fahrersitz Platz nehmen will. Wir sehen uns beim Netz in erster Linie als Investor und „Neudenker“, um die Netzstrukturen nach dem Prinzip „Intelligenz vor Ausbau“ zu modernisieren. Den Betrieb soll zunächst jemand führen, der sich damit auskennt. Wir möchten hier unser Know-how erweitern und die Integration von Windanlagen ins Netz verbessern. Zudem habe ich die Hoffnung, dass trotz dieser Diskussionen das gemeinsame Ziel „Region Regenerativ“ auch Alphatiere zusammenkommen lässt.

Welches Interesse sollen Auricher Anlagenbetreiber an Ihrem Projekt haben? Das EEG garantiert hohe Vergütungssätze für 20 Jahre – wer seinen Strom selbst vermarktet, geht ins Risiko.

Richtig – aber die ersten Windanlagen hier in der Region laufen jetzt bald 20 Jahre und fallen also aus der festen Vergütung heraus. Da kann es attraktiv sein, die Kilowattstunde für sagen wir mal circa 7,5 Cent zu verkaufen. Und zu diesem Preis ist Windstrom wettbewerbsfähig. Wir denken dabei auch immer an die zukünftige Unabhängigkeit von Preistreibern im Bereich Einkauf von Energie, welche in der Herstellung weitaus teurer ist als eben die Onshore-Windenergie. Zudem sehen wir die erneuerbaren Energien als zukünftig preisstabiler an als andere Formen der Energieerzeugung.