Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Fitnessbranche entdeckt Kinder und Senioren als Kunden
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Fitnessbranche entdeckt Kinder und Senioren als Kunden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:23 20.08.2010
„Vielversprechende Zielgruppe“: Auch Kinder hat die Fitnessbranche neuerdings als Kunden im Blick.
„Vielversprechende Zielgruppe“: Auch Kinder hat die Fitnessbranche neuerdings als Kunden im Blick. Quelle: dpa
Anzeige

Gemeinsam mit den Senioren verkörpern die ganz Jungen die Hoffnungen der Fitnessbranche auf Wachstum. Nach Angaben des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen (DSSV) setzte die Fitnessindustrie 2009 fast 3,5 Milliarden Euro um. Die meisten der sieben Millionen Kunden pilgern in Studios des mittleren Preissegments mit Monatsbeiträgen zwischen 30 und 60 Euro, fand die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte heraus. Doch der Marktanteil von gut 60 Prozent schmilzt.

Discounter und sogenannte Premiumanbieter holen auf. Die billigen Anbieter sind bereits Heimat für 27,7 Prozent der Sportler, und auch das Angebot der besonders teuren Studios mit Inklusivpreisen für Sauna, Solarien und Gerätetraining verfehlt seine Wirkung nicht. Vergangenes Jahr wuchs ihr Kundenkreis um 7,9 Prozent auf 750 000.

Der Markt konsolidiert sich langsam. Durch die Discounter nimmt der Preisdruck zu, und das treibt die angestammten Platzhirsche auf neue Wachstumsfelder. „Kinderfitness in kommerziellen Einrichtungen ist im Ausland populärer als hierzulande“, sagt  Niels Gronau von Deloitte mit Blick auf die USA und Großbritannien. Für die deutschen Anbieter gebe es noch erhebliches Wachstumspotenzial.

Kinderfitness könne dabei helfen, nachhaltigen Schäden wie Übergewicht, Haltungsproblemen oder Konzentrationsstörungen vorzubeugen. Für den DSSV sind Jugendliche eine „vielversprechende Zielgruppe“. Er hat eigens ein „U18-Zertifikat“ aufgelegt und schätzt, dass sich derzeit 130 von 5700 Studios an dem Programm beteiligen, das Jugendliche behutsam an ein Fitnesstraining heranführen soll.

„Wir bieten in einigen Clubs Hip-Hop-Kurse, Rückenschulen und Eltern-Kind-Turnen an“, erläutert eine Sprecherin von Fitness First. Der deutsche Ableger eines britischen Fitesskonzerns ist mit 281 000 Mitgliedern derzeit Branchenzweiter. Davor rangiert McFit. Der Fitnessdiscounter, der durch das Loveparade-Unglück negativ in die Schlagzeilen geraten ist, verzeichnet 850.000 Kunden in seiner Kartei.

Die Fitnessanbieter betreten nun ein Feld, das jahrzehntelang von den Turnvereinen bestellt wurde. Diese sehen selbst aber im Vorteil: „Kinderturnen mit Bällen und Matten funktioniert in unseren großen Hallen sicher besser als in einem Gym“, sagt Jörn Rühl vom Deutschen Turnerbund. Am wichtigsten sei aber, dass man Kinder nicht an schwere Geräte lasse.

Diese Botschaft scheint bei den Anbietern angekommen zu sein. „Wir achten mit Zeit- und Gewichtsbeschränkungen darauf, dass die jungen Körper keinesfalls überbelastet werden“, sagt ein Sprecher von Kieser Training in Hannover. Kinder unter 1,50 Meter dürften überhaupt nicht an Geräten trainieren.

Das deutsche Jugendschutzgesetz sehe hingegen keine Regelungen zum Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen in Fitnessstudios vor, teilt das Berliner Familienministerium mit. Die meisten Studios akzeptieren Mitglieder ab 14 Jahren, so auch Fitness First.

Dem Nachwuchs stehen die „Best Ager“ gegenüber. So nennen die Fitnessunternehmen ihre über 50-jährigen Mitglieder. „Das wird noch ein ganz großes Thema“, schätzt ein DSSV-Sprecher, „denn durch den demografischen Wandel wird es immer mehr ältere Menschen geben, die sich ihre Lebensqualität sportlich erhalten wollen.“

Die Senioren wünschten sich ein individuell angepasstes Training mit physiotherapeutischen Kursen und Geräten, stellt Deloitte in einer aktuellen Studie heraus. Fitnessdiscounter würden diesen Erwartungen an die Ausstattung in der Regel nicht gerecht. Damit ergeben sich bei den sogenannten Best Agern vor allem für die teureren Fitnessanbietern Wachstumschancen. Ihr Kundenstamm besteht bereits jetzt zu rund 31 Prozent aus über 50-Jährigen.

Aber auch neue Unternehmen könnten in die Nische vordringen. Hoffnungen setzt die Fitnessbranche auch auf die Bonusprogramme der Krankenkassen und Beitragszuschüsse der Arbeitgeber. Einen weiteren Trend hat der DSSV in den sogenannten Mikrostudios entdeckt. Sie sind nicht besonders klein, wie der Name glauben machen könnte. Dafür fertigen sie ihre Kunden in besonders kurzer Zeit ab.

Der Anbieter Bodystreet etwa fragt auf seiner Internetseite: „Warum viel trainieren, wenn 20 Minuten pro Monat oft reichen?“ Versprochen wird ein maximaler Trainingserfolg bei minimalem Zeitaufwand mittels EMS. Das Kürzel steht für Elektromuskelstimulation. „Die Stromimpulse sollen das Training so effektiv machen, dass selbst die Mittagspause dafür ausreicht“, erklärt ein Branchenkenner. Das zeige, wie weit sich Fitness bereits vom Bodybuilding früherer Tage emanzipiert habe.

hk