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Deutschland / Weltweit Geht es auch ohne Lokführer?
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Geht es auch ohne Lokführer?
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17:31 08.11.2014
Von Thorsten Fuchs
Lok ohne Führer: In Nürnberg sind U-Bahnen bereits seit sechs Jahren ohne Fahrer unterwegs.
Lok ohne Führer: In Nürnberg sind U-Bahnen bereits seit sechs Jahren ohne Fahrer unterwegs. Quelle: Daniel Karmann
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Hannover

Überflüssig? Die Lokführer? Ersetzt durch Roboter? Vielleicht schon in nicht gar zu ferner Zeit? Der sonst so strenge Claus Weselsky gibt sich demonstrativ gelassen. „Spätestens wenn ein Zug liegen bleibt, stellt sich doch die Frage: Wer übernimmt die Evakuierung?“, fragt der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer rhetorisch. Die Technik, will Weselsky sagen, sei keine Bedrohung. „Der Lokomotivführer ist durch nichts zu ersetzen.“ Wenn er sich da mal nicht täuscht.

Am fahrerlosen Zug arbeiten Forscher jedenfalls längst intensiv - und mancher vom Bahnstreik genervte Bahnreisende wird ihnen dieser Tage wohl auch von Herzen rasche Fortschritte wünschen. Tatsächlich können Wissenschaftler auf diesem Feld bereits beachtliche Erfolge vorweisen. Sie zeigen: Es geht auch ohne - schon heute.

U-Bahnen zum Beispiel sind in vielen Städten weltweit bereits ohne Fahrer unterwegs. In Paris, Barcelona und Kopenhagen, in Singapur und in São Paulo fahren auf bestimmten Strecken längst Bahnen, in denen kein Mensch mehr im Führerstand sitzt. Auch in einer deutschen Stadt ist die automatische U-Bahn bereits unterwegs: In Nürnberg verkehren die U2 und U3 seit sechs Jahren ohne Fahrer - ohne Probleme, wie eine Sprecherin der Verkehrsbetriebe betont. Überwachungssysteme registrieren jedes Hindernis auf den Gleisen und stoppen bei Bedarf den Zug. Die Menschen hätten den ungewohnten Anblick voll akzeptiert, und auch finanziell hat die Neuerung für die Verkehrsbetriebe offenbar Vorteile: Rund 100 Stellen haben die Nürnberger nach eigenen Angaben eingespart.

Selbst dort, wo es noch Menschen in den Führerständen gibt, bestimmen sie nicht mehr immer die Fahrt: In München etwa überwachen die Fahrer nur noch die Einfahrt und das Ein- und Aussteigen. „Wenn die Türen zu sind, können sie sich bis zur nächsten Station langweilen“, sagt Professor Jürgen Siegmann, Leiter des Fachgebiets Schienenfahrwege und Bahnbetrieb an der Technischen Universität Berlin.

Automatik ist dem Menschen überlegen

Tatsächlich ist die Automatik dem menschlichen Fahrer überlegen. Sie trifft die idealen Bremspunkte besser, U-Bahnen können deshalb im extrem kurzen Abstand von nur 75 Sekunden aufeinander folgen. „Ein Mensch kann das gar nicht so exakt“, sagt Siegmann. „Deshalb sind praktisch alle neuen U-Bahnen automatische Systeme.“ Doch was unter der Erde schon so perfekt funktioniert, bereitet den Wissenschaftlern auf den Zugstrecken über der Erde noch größere Probleme. „Im normalen Bahnbetrieb sehe ich den fahrerlosen Zug noch lange nicht“, erklärt der Eisenbahnforscher Siegmann.

Dabei gibt es auch hier längst vielversprechende Ansätze. Ab Tempo 160 sind die ICE bereits heute mit einer Art Autopilotsystem unterwegs, das Beschleunigen und Bremsen weitgehend selbstständig regelt. Zudem arbeiten Wissenschaftler an einem europäischen Zugkontrollsystem, das hier demnächst auf der neuen Strecke zwischen Leipzig und Nürnberg zum Einsatz kommen soll und theoretisch auch weitgehend automatische Fahrten ermöglichen könnte.

Trotz aller Hochtechnologie gibt es dann jedoch immer noch einige sehr bodenständige Probleme: „Da ist zum Beispiel der umgefallene Baum, der quer über den Schienen liegt“, sagt Siegmann. Fernbahnstrecken sind weit schwieriger und aufwendiger zu überwachen als U-Bahn-Tunnel - und bei Hindernissen traut Siegmann der menschlichen Reaktion derzeit noch weit mehr als der Technik.

Selbst wenn die Forscher hier bald Lösungen fänden: Es gibt noch andere Gründe, die den fahrerlosen Zug in größere Ferne rücken. Da ist vor allem die Psychologie: Würden wir uns ruhigen Gewissens in einen ICE setzen, in dem wir vorne kein menschliches Gesicht mehr erkennen? „Und was ist, wenn die Technik einmal versagt und es zu einem Unfall kommt?“, fragt Siegmann. Die Akzeptanz wäre wohl schnell erschüttert. Die Bahn hat auch deshalb trotz des Streiks nach eigener Auskunft derzeit keine Pläne für fahrerlose Züge. „Die Präsenz eines Lokführers ist für das Sicherheitsempfinden und den Betriebsablauf derzeit unerlässlich“, sagt Personalvorstand Ulrich Weber. Wobei die Betonung wohl auf „derzeit“ liegt. „Technologische Entwicklungen“, fügt er hinzu, „können wir natürlich nicht ignorieren.“

Entschlossener Gegner könnte sich die Bahn bei einer solchen Neuerung allerdings sicher sein. In Berlin zum Beispiel verkehrte bereits in den neunziger Jahren eine automatische U-Bahn. Sie wurde jedoch wieder abgeschafft. Warum? Technische Gründe, sagt der Berliner Eisenbahnforscher Siegmann, seien es nicht gewesen. Er hat eine andere Vermutung: „Sie kennen doch die Macht der Gewerkschaften.“

08.11.2014
Lars Ruzic 08.11.2014