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Deutschland / Weltweit Hannover Messe kann starker Indikator werden
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Hannover Messe kann starker Indikator werden
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12:14 16.04.2010
Hannes Hesse
Hannes Hesse Quelle: Michael Thomas
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Herr Hesse, die diesjährige Hannover Messe fällt in eine Zeit des Trübsinns im Maschinen- und Anlagenbau. Wann wird sich was drehen?

Es dreht sich ja schon was, aber sehr langsam. Zum Messestart im vergangenen Jahr waren die Chancen sehr viel schlechter. Heute wissen wir, dass es Licht am Ende des Tunnels gibt. Damals dachten viele, es könnte auch ein Stollen sein. Die Industrie legt inzwischen wieder zu, aber das ist noch kein Grund für Euphorie.

Welche Bereiche in ihrer Branche haben denn schon wieder Oberwasser?

Gerade die Anbieter von Antriebs- und Fluidtechnik spüren wieder eine verbesserte Auftragslage, die energierelevanten Bereiche ohnehin, auch die Baumaschinenhersteller und die Spezialisten für Holzbearbeitung. Aber bitte: Sie alle kommen von ganz unten und sind auch jetzt noch weit von der Nulllinie entfernt. Besonders schwierig ist die Lage noch im Anlagenbau. Dort vergehen vom Auftrag bis zur Fertigung viele Monate, sodass die Produktion nach wie vor unterbeschäftigt ist.

Die mangelnde Auslastung ist die größte Bürde für die Betriebe. Hat sich die Situation gebessert?

Hat sie, wenn auch nicht gewaltig. Im vergangenen Sommer waren die Kapazitäten zu weniger als 70 Prozent ausgelastet, jetzt liegt der Wert zwischen 70 und 75 Prozent. Noch 2008 waren es mehr als 90 Prozent. Deshalb sind wir froh über die Möglichkeiten der Kurzarbeit, die noch vielen Unternehmen über die Durststrecke hilft.

Wie lange kann man damit noch durchhalten?

Das ist genau die Preisfrage, die auch uns umtreibt. Die Betriebe halten erstaunlich lange durch. Bislang gab es weder eine Insolvenz-, noch eine Entlassungswelle – und das, obwohl die Krise schon mehr als anderthalb Jahre dauert. Der Vorteil ist, dass die Firmen sich in den sehr guten Jahren etwas Speck anfressen konnten, von dem sie noch zehren. Außerdem wollen sie die Fachkräfte so lange halten, wie es nur geht, weil sie sonst später fehlen werden.

Zumal sich die Nachwuchssuche immer schwieriger zu gestalten scheint. Immer mehr Lehrlinge müssen nachgeschult werden, sagt die Industrie.

Wir haben hier ein doppeltes Problem. Zum einen ist die Qualität dessen, was von der Schule kommt, alles andere als berauschend. Zum anderen steigen die Anforderungen der Unternehmen an das Personal laufend. Früher reichte eine kurze Einweisung an der Maschine und man konnte loslegen. Bei den komplexen Prozessen und Geräten ist das heute überhaupt nicht mehr möglich. So geht die Schere zwischen dem, was ein Lehrling mitbringt und dem, was von ihm gefordert werden muss, immer weiter auseinander. Gleichzeitig werden wir aber in Zukunft jeden brauchen. Deshalb müssen wir auf Biegen und Brechen in die Bildung investieren. Die Industrie allein kann das nicht leisten.

Die Hannover Messe wartet mit immer neuen Teilausstellungen auf, um Aussteller und Besucher anzulocken. In diesem Jahr gibt es erstmals eine Messe für Elektromobilität. Muss man jetzt schon bei den Automessen wildern?

Die MobiliTec ist wie geschaffen für die Hannover Messe, nicht umsonst ist der VDMA hier Partner. Schließlich geht es um Fragen elektrischer Antriebstechniken, der Energieinfrastruktur und -speicherung. Wenn wir nicht sicherstellen können, dass diese Zukunftstechnologien in Deutschland produziert werden, haben wir mit Zitronen gehandelt. Die Messe kann dafür eine Plattform bieten. Auf klassischen Autoausstellungen, wo es doch stark um Design und PS geht, würde das Thema neben den Fahrzeugen nur untergehen.

Die Hannover Messe scheint sich ohnehin zu einer Art Energieschau zu wandeln…

Ich würde es anders sagen: Fragen der Energieversorgung und -einsparung werden immer mehr an Bedeutung gewinnen. Da stecken noch gewaltige Potenziale – und das Gute für uns: Sehr vieles davon ist Maschinenbau.

Sind die Hotelpreise in Hannover für ihre Branche immer noch ein Ärgernis?

Das ist ein Thema – aber kein spezifisch hannoversches. Die Unternehmen gehen deshalb generell dazu über, die Übernachtung komplett einzusparen. Ich kenne viele Messebesucher, die sich morgens um 4 Uhr ins Auto setzen, um nach Hannover zu fahren. Und nach einem vollen Messetag landen sie um Mitternacht wieder im eigenen Bett. Für die Hotelerie ist das natürlich ein Problem – aber ein selbst verschuldetes.

Und nach der Messe wird wie immer alles besser sein als vorher?

Hannover hat eine große Chance, ein starker Indikator zu werden. Die weitere Entwicklung kann eigentlich nur positiv werden.

Interview: Lars Ruzic

Lars Ruzic 16.04.2010
Albrecht Scheuermann 16.04.2010