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Deutschland / Weltweit Hundt erwartet stärkeres Wachstum
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Hundt erwartet stärkeres Wachstum
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21:15 28.05.2012
Von Lars Ruzic
Foto: Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände im HAZ-Interview.
Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände im HAZ-Interview. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Was glauben Sie, Herr Hundt: Bei welchen Themen hat sich in Ihrem Verband am meisten Gesprächsbedarf angestaut, wenn sich die Geschäftsführer heute in Hannover treffen?

In Politik und Wirtschaft beherrscht unverändert die europäische Schuldenkrise die Diskussion. Es geht darum, den richtigen Kurs der Haushaltskonsolidierung in den Ländern beizubehalten - und allen falschen Vorschlägen zu widerstehen, die dieses Ziel aufweichen wollen. Vor allem darf es kein Wachstum auf Pump geben.

Diese Haltung verbindet Sie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber unter den Staatenlenkern der Welt scheint sie damit inzwischen weitgehend isoliert zu sein.

Ich appelliere nachdrücklich an die politisch Verantwortlichen, hier standhaft zu bleiben, auch wenn dies für Frau Merkel nicht einfach ist.

Wie aber sollen die Staaten sparen und gleichzeitig Wachstum schaffen? Das klingt nach der Quadratur des Kreises.

Wenn Strukturveränderungen in Angriff genommen werden, ist dies möglich. Dazu gehört beispielsweise, die Verwaltungen effizienter zu organisieren, die Sozialsysteme und Arbeitsmärkte zu reformieren. Die Entwicklung in Deutschland im Verlauf der vergangenen Jahre ist ein gutes Beispiel dafür, dass dies geht.

Frankreichs neuer Präsident François Hollande will hoch verschuldeten Ländern mit gemeinsamen Anleihen aller Euro-Staaten helfen - den Eurobonds.

Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Lösung - weil die Schuldenländer dadurch nicht mehr gefordert wären, ihre Schuldensituation zu verbessern und ihre Haushalte wieder ins Lot zu bringen. Erst wenn alle Mitglieder der Euro-Zone deutlich sichtbare Erfolge bei der Konsolidierung erzielt und eine Schuldenbremse in ihre Verfassung aufgenommen haben, kann über weitergehende Schritte nachgedacht werden.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen muss?

Das entscheidet die griechische Bevölkerung bei den anstehenden Neuwahlen. Wer den Euro behalten will, darf die dafür notwendigen Maßnahmen nicht ablehnen. Das eine geht nicht ohne das andere. Es müssen alle vertretbaren Anstrengungen unternommen werden, um den Euro-Verbund zusammenzuhalten.

Wie groß ist die Gefahr einer neuen Wirtschaftskrise?

Ich schätze die Wahrscheinlichkeit eines dramatischen Einbruchs wie 2008/2009 heute wesentlich geringer ein als noch vor ein bis anderthalb Jahren, weil in den letzten Monaten viele Schritte in die richtige Richtung erfolgt sind. Die Konjunkturentwicklung in Deutschland ist stabil. In vielen Branchen herrscht eine gute Grundstimmung, inzwischen auch wieder im Maschinenbau. Auch Konsum, Bau und Inlandsinvestitionen laufen gut. Ich bin davon überzeugt, dass wir in diesem Jahr ein Wachstum deutlich über einem Prozent erreichen und sich die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt fortsetzt. Im Jahresdurchschnitt werden wir 2012 erneut weniger Arbeitslose zählen als 2011.

Glaubt man den Auguren, muss sich Deutschlands Wirtschaft schon bald Sorgen machen, überhaupt noch genug Personal zu bekommen.

Das ist kein Zukunftsszenario, sondern bereits Realität. In einzelnen Regionen ist der Mangel an Fachkräften schon heute bedrohlich. Wir haben derzeit rund eine Million offene Stellen in Deutschland, allein 280000 davon im Bereich der sogenannten MINT-Qualifikationen, also bei Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Auch mit allen Anstrengungen, eigenen Nachwuchs und Frauen für diese Berufe stärker zu begeistern, können wir die Lücke nicht schließen. Deshalb brauchen wir zusätzlich eine gezielte, gesteuerte Zuwanderung. Hier hat die Bundesregierung - etwa mit der Senkung der Gehaltsgrenzen für hochqualifizierte Zuwanderer - erste Maßnahmen für Verbesserungen beschlossen.

Vielleicht werden die Fachkräfte ja auch von den jüngsten Tarifeinigungen angelockt. Sie sehen allesamt satte Lohnsteigerungen vor...

... weil sie dem richtigen Prinzip folgen: Geht es dem Unternehmen gut, soll es auch seinen Mitarbeitern gut gehen. Die Abschlüsse in der Metall- und Elektroindustrie sowie der chemischen Industrie werden der Situation in den jeweiligen Branchen gerecht. Das gilt auch für die mit den Zeitarbeitsfirmen vereinbarten Branchenzuschläge für Zeitarbeitnehmer in der Metall- und Elektroindustrie. Die Tarifpartner haben einmal mehr bewiesen, dass die Sozialpartnerschaft in Deutschland sehr gut funktioniert.

In der Chemieindustrie will man das Arbeiten im Alter durch kürzere Wochenarbeitszeiten erleichtern. Kann das ein Modell sein, mit dem demografischen Wandel umzugehen?

Besonders wichtig ist, dass die Tarifpartner der chemischen Industrie mit ihrem Abschluss die betrieblichen Möglichkeiten zur Verlängerung der Wochenarbeitszeit erweitert haben. Das ist vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ein tarifpolitisch bedeutendes Signal, das für andere Branchen Vorbildcharakter hat. Mit diesen Optionen zur Arbeitszeitverlängerung verfügen die Betriebe über zusätzliche Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung mit einem optimalen Einsatz der Belegschaft.

Interview: Lars Ruzic

28.05.2012
28.05.2012