Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit „Das ist ein perfides System“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit „Das ist ein perfides System“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 11.09.2013
Von Jens Heitmann
KKH-Chef Ingo Kailuweit. Quelle: dpa
Anzeige

Herr Kailuweit, die SPD will die Bürgerversicherung einführen, die FDP möchte die private Krankenversicherung für alle öffnen. Welches Modell wäre Ihnen lieber?
Ich halte das für eine Scheindebatte. Es geht doch nicht darum, wer wo wie versichert ist, sondern um die Qualität der Versorgung – und die ist überall gleich. Es gibt lediglich einen Unterschied im Service: Privat Versicherte werden nicht besser behandelt, sie bekommen aber schneller einen Termin.

Wenn ich Schmerzen habe, kann das sehr wohl ein Qualitätsunterschied sein ...
Einverstanden, aber wenn alle Patienten plötzlich gleich versichert wären, würde sich die Wartezeit für die meisten nur geringfügig verkürzen – weil es bei bestimmten Arztgruppen wie Rheumatologen oder Diabetes-Spezialisten eben Engpässe gibt. Und an diesem Punkt sollten wir ansetzen: Die Versorgung muss sich stärker am Bedarf der Kranken orientieren.

Anzeige

Ärzte sind Freiberufler, die selbst darüber entscheiden, wo sie sich niederlassen. Wollen Sie den Doctores dieses Recht nehmen?
Nein, aber wir möchten mehr Einfluss auf die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigungen gewinnen. Heute können sich die Ärzte ihre Nachfrage selbst schaffen: Die Zahl unnötiger Therapien und Operationen wächst mit der Dichte der Praxen, das lässt sich belegen. Die Ärzteschaft sollte jedoch auf den wirklichen Bedarf der Bevölkerung reagieren – und nicht umgekehrt.

Fordern Sie ein Veto für die Krankenkassen bei der Besetzung von Arztsitzen?
Wir wissen, dass unsere Gesellschaft altert und dass sich damit die Anforderungen an die Versorgung ändern. Es gibt dafür aber keinerlei Pläne. Schon heute haben wir eine Unterversorgung bei bestimmten Krankheitsbildern – darauf müssen wir flexibler reagieren als bisher. Man könnte zum Beispiel das Recht zur Niederlassung befristen oder die Ärzte zu entsprechenden Weiterbildungen animieren. Dafür fehlt uns aber der Hebel.

Sie wollen also den Kassenärztlichen Vereinigungen den Sicherstellungsauftrag für die ambulante Versorgung nicht länger allein überlassen?
Wir wünschen uns jedenfalls mehr Einfluss. Die Berufsfreiheit der Ärzte würde dadurch nicht eingeschränkt: Niemand ist ja gezwungen, mit den gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Krankenhäuser besser auf den demografischen Wandel vorbereitet sind als die niedergelassenen Kollegen?
Nein, hier sind die Probleme eher noch größer. Wir müssen uns dringend überlegen, wie die Zukunft der 2200 Kliniken hierzulande aussehen soll. Wenn die Qualität der Versorgung hoch bleiben soll, führt kein Weg daran vorbei, planbare Operationen auf einzelne Häuser zu konzentrieren – mehr Erfahrung bedeutet weniger Komplikationen. Leider war das politisch bisher nicht durchsetzbar.

Die Bundesländer ziehen sich aus der Finanzierung der Kliniken immer weiter zurück, obwohl sie für Investitionen in die Bausubstanz zuständig sind – gleichzeitig machen Abgeordnete sofort mobil, sobald die Schließung eines Krankenhauses droht ...
Ich beneide die Kollegen in den Krankenhäusern nicht und ziehe den Hut vor ihrer Improvisationskunst. Es ist aber auf Dauer nicht tragbar, dass die Kliniken ihre Investitionsmittel aus dem – im doppelten Sinne des Wortes – operativen Betrieb erwirtschaften müssen. Das erhöht den Druck auf Ärzte und Pfleger und gefährdet die Behandlungsqualität auf dem Rücken der Patienten.

Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?
Wir befinden uns in einer historisch wohl einmaligen Lage: Die Reserven im Gesundheitsfonds und bei den Kassen belaufen sich heute auf knapp 30 Milliarden Euro. Einige Wettbewerber schütten deshalb Prämien aus, andere erhöhen ihre Satzungsleistungen. Bevor wir dieses Geld jedoch für Blödsinn ausgeben, sollten wir lieber überlegen, wie wir die Lage der Krankenhäuser dauerhaft verbessern können. Alle Beteiligten aus Bund und Ländern sollten sich an einen Runden Tisch setzen.

Ihr Ersatzkassenverband würde sich mit der Forderung an den Tisch setzen, 33 der 193 Kliniken in Niedersachsen zu schließen. Glauben Sie, dass Land und Krankenhäuser das akzeptieren?
Beim Runden Tisch, den ich vorschlage, soll es gerade nicht um die Schließung von einzelnen Krankenhäusern gehen. Hier muss die Frage im Mittelpunkt stehen, wie wir auf Dauer eine hochwertige Versorgung in unseren Krankenhäusern – gerade im Rahmen der Akutversorgung und bei planbaren Operationen – durch weitergehende Spezialisierung – sicherstellen können.

Krankenkassen gerieren sich als Anwälte der Patienten. Wie passt das mit der Praxis zusammen, dass Kranke nicht bei allen Kassen gern gesehen sind und einige ihre Versicherten kränker machen, als sie sind?
Die gesetzlichen Krankenkassen müssen für alle offen sein: ob alt oder jung, krank oder gesund. Zu diesem Solidarprinzip stehe ich uneingeschränkt. Das Problem ist die Verteilung der Gelder durch den sogenannten morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich. Er soll dafür sorgen, dass keine Kasse Nachteile hat, weil sie mehr kranke und folglich teurere Versicherte hat als andere ...

So weit die Theorie ...
... in der Praxis aber ist das ein, gelinde gesagt, perfides System. Denn es profitieren alle – Ärzte, Kliniken und Kassen – davon, wenn sie die Kranken kränker machen, als sie sind. Das ist wie ein riesiges Hamsterrad und am Ende ein Nullsummenspiel. Es setzt die falschen Anreize, ist ungerecht und treibt die Kosten für die Bürokratie in die Höhe: Dieses Geld sollten wir lieber für die Versorgung der Versicherten einsetzen.

Das Interview führte Jens Heitmann

Jens Heitmann 08.09.2013
Deutschland / Weltweit Neues Samsung-Betriebssystem „Tizen“ - Smartphone, TV und Uhr bald vernetzt?
08.09.2013