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Deutschland / Weltweit Michael Corbat ersetzt Vikram Pandit
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Michael Corbat ersetzt Vikram Pandit
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18:44 16.10.2012
Foto: Ein undatiertes Foto von Michael Corbat - der nun für die Geschicke der Citigroup verantwortlich ist.
Ein undatiertes Foto von Michael Corbat - der nun für die Geschicke der Citigroup verantwortlich ist. Quelle: dpa
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New York

Nach fünf Jahren an der Spitze der Citigroup reicht es Vikram Pandit. Viel hat der gebürtige Inder in dieser Zeit durchgemacht: Erst die Finanzkrise, dann die Proteste der "Occupy Wall Street"-Bewegung und schließlich die Europäische Schuldenkrise. Er war dabei zumeist das nette Gesicht der Wall Street, äußerte als einer der wenigen Spitzenbanker Verständnis für die Bankenkritiker, begnügte sich sogar lange mit 1 Dollar Jahresgehalt. Nun geht er vollkommen überraschend.

„Ich habe beschlossen, dass es jetzt die richtige Zeit ist, dass jemand anderes das Ruder bei der Citigroup übernimmt“, erklärte Pandit am Dienstag in New York. „Wir sind aus der Finanzkrise als eine starke Institution hervorgegangen.“ Die Menschen werde er vermissen, gestand er ein. Doch er wisse die Citigroup in besten Händen, versicherte er.

Der Chef des Verwaltungsrats, des höchsten Firmengremiums, dankte Pandit zum Abschied. Das „Wall Street Journal“ berichtete jedoch, dass Pandit nach einem Krach mit dem Verwaltungsrat über die Strategie und Leistung der Bank gegangen sei. Die Citigroup ist deutlich weniger profitabel als die Konkurrenz von JPMorgan Chase oder Wells Fargo. Zuletzt verdiente sie wegen einer milliardenschweren Wertberichtigung bei einer Tochterfirma vergleichsweise magere 468 Millionen Dollar im Quartal, während die genannten Rivalen 5,7 Milliarden beziehungsweise 4,9 Milliarden Dollar scheffelten.

Spekulationen über Zusammenhänge mit Libor-Skandal

Ein Analyst spekulierte, dass Pandits Abgang etwas mit dem Libor-Skandal um manipulierte Zinnsätze zu tun haben könnte, der bereits den Chef der britischen Barclays-Bank das Amt gekostet hatte. Wieder andere nannten derartige Theorien unsinnig. „Es könnte ein Zeichen sein, dass er einfach etwas anderes machen wollte“, sagte der Chef des US-Versicherungskonzerns AIG, Robert Benmosche, nach Angaben des US-Wirtschaftssenders CNBC. Pandits Nachfolger ist Europachef Michael Corbat, ein Veteran, der seit 29 Jahren im Unternehmen ist.

Zuletzt war er für die Region Europa, Naher Osten und Afrika zuständig. Die Personalentscheidung werteten Beobachter als Zeichen der Kontinuität. Allerdings erklärte Corbat in einer internen Mitteilung an die Mitarbeiter, dass es „einige Veränderungen“ geben werde. Er ging jedoch nicht ins Detail.

Der gebürtige Inder Pandit hatte im Dezember 2007 das Ruder bei der Citigroup übernommen und trat damals ein schweres Erbe an. Die Citigroup hatte sich wie so viele Konkurrenten am einbrechenden US-Hypothekenmarkt verspekuliert und musste in der Finanzkrise vom Steuerzahler mit 45 Milliarden Dollar vor dem Zusammenbruch bewahrt werden.

Vom Primus zum Almosenempfänger

Der einstige Stolz der Wall Street wurde zu einem Almosenempfänger. Pandit musste einen radikalen Schnitt machen. Aus dem Finanzkoloss, der spekulierte und in Versicherungen machte, sollte wieder eine klassische Bank werden. Pandit stieß Problemsparten ab, Zehntausende Stellen fielen weg. Das deutsche Privatkundengeschäft verkaufte er an die französische Genossenschaftsbank Crédit Mutuel; die einstige Citibank firmiert hierzulande nun unter Targobank. Durch den Umbau gelang der Citigroup die Wende.

Das vergleichsweise schlechte Abschneiden gegenüber der Konkurrenz ließ den Aktienkurs jedoch bei zuletzt 37 Dollar dümpeln. Anfang vergangenen Jahres waren es noch 50 Dollar. Angesichts dessen musste sich Pandit auf der Hauptversammlung im April herbe Kritik anhören. Die Aktionäre sprachen sich gegen seinen Millionenbonus aus, den er nach langer Zurückhaltung beim Gehalt einforderte. Eine derartige Rebellion war ein Novum an der Wall Street.

Dennoch deutete zuletzt nichts auf einen Rücktritt hin. „Das ist total ungewöhnlich. Es gab keine Gerüchte, keine Hinweise“, sagte Bankenkenner, Buchautor und Bloomberg-Kolumnist William Cohan. Erst am Vortag hatte die Bank ihre Zwischenbilanz fürs dritte Quartal vorgelegt. Auch der fürs Tagesgeschäft zuständige Citigroup-Vorstand John Havens quittierte nun seinen Job. Er war ein langjähriger Weggefährte von Pandit.

Michael Corbat als Erneuerer

Der neue Citigroup-Chef Michael Corbat sagte, die Citigroup stehe auf einem soliden Fundament. Die Bank konzentriert sich heute vor allem auf das klassische Bankgeschäft mit Krediten und Einlagen. Zweites Standbein ist ein geschrumpftes Investmentbanking. Die Bank ist in mehr als 160 Ländern aktiv und hat rund 200 Millionen Kunden.

Corbat lenkte zuletzt mitten in der Schuldenkrise das Europageschäft. Davor wickelte er als Chef der sogenannten „Citi Holdings“ die toxischen und ungeliebten Teile der Bank ab, die die Citigroup in der Finanzkrise in die Tiefe gerissen hatten. Er habe mehr als 40 Geschäftszweige abgestoßen, rechnete die Bank vor, und damit die Risiken reduziert.

Er sei ein glühender Anhänger des Unternehmens, schrieb Corbat den Mitarbeitern zu seinem Amtsantritt. „Ich habe meine ganze Karriere hier verbracht.“ Allerdings ließ er gleichzeitig wissen, dass es „einige Veränderungen“ geben werde. Er werde sich in den kommenden Wochen die Geschäfte genau anschauen, schrieb Corbat. Er wird sicherlich etwas zum Reparieren finden.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.