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Deutschland / Weltweit „Wir stehen kurz vor dem Kollaps“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit „Wir stehen kurz vor dem Kollaps“
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08:00 24.01.2015
Wegen der niedrigeren Preise lohnt sich die Ölförderung in der Nordsee immer weniger. Quelle: dpa
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Hannover

„Wir stehen kurz vor dem Kollaps“, sagt Robin Allan, Chef des britischen Branchenverbandes Brindex, der kleinere Ölfirmen vertritt. „Beim derzeitigen Ölpreis ist es fast unmöglich, Geld zu verdienen.“ Damit deutet sich eine Trendwende an: Noch vor zwei Jahren hatte die Branche Investitionen von 120 Milliarden Dollar in der Nordsee angekündigt - verbunden mit der Aussicht, die Produktion vielleicht noch einmal steigern zu können.

Nun aber stellen die Förderunternehmen, ihre Lieferanten und Dienstleister Investitionspläne auf den Prüfstand. Die meisten Ölfelder mit vergleichsweise moderaten Förderkosten in der Nordsee sind alt und erschöpfen sich. Zu den besten Zeiten Ende der 90er-Jahre wurden dort mehr als 250 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr gefördert. Seither geht die Produktion immer schneller zurück: Mittlerweile ist die Förderung nicht einmal mehr halb so hoch wie vor 20 Jahren.

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Mit immer größerem technischem Aufwand haben es die Förderunternehmen geschafft, weiter Öl aus den Feldern herauszuholen. Speziell die Norweger gelten als Weltmeister darin, die Lagerstätten maximal „auszufördern“. Aber das kostet auch viel Geld. Seit 2011 sind auf den Ölfeldern vor der Küste Schottlands die Förderkosten um mehr als 60 Prozent gestiegen.

Die Zulieferer und Serviceunternehmen haben bei einem Ölpreis oberhalb von 100 Dollar ihren Teil vom Kuchen abbekommen. Seit dem Sommer hat sich der Ölpreis jedoch mehr als halbiert. „Dieser Preisschock wird die Ölwelt langfristig verändern“, sagt der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold. „Die Renditerisiken teurer Ölprojekte und alternativer Energieangebote müssen nun grundsätzlich anders bewertet werden.“ Riskante Hochpreisprojekte hätten es von nun an schwer, Investoren oder Kreditgeber zu finden.

In der schottischen Ölstadt Aberdeen geht mittlerweile die Angst um. Schon melden die ersten Ölkonzerne, dass sie ihr Personal verringern. In Norwegen steht jeder zehnte der rund 100 000 Arbeitsplätze in der Branche zur Disposition. Der staatliche Energiekonzern Statoil, dessen Geschäfte weit über die Öl- und Gasförderung in der Nordsee hinausreichen, will seine Kosten bis 2016 insgesamt um 1,3 Milliarden Dollar senken. Die norwegische Krone hat gegenüber dem Euro und dem Dollar schon kräftig abgewertet.

Die deutsche Förderung in der Nordsee ist vergleichsweise gering. Die Bohr- und Förderplattform Mittelplate im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein trägt 1,3 Millionen Tonnen jährlich zur deutschen Ölversorgung bei. „Die Erlössituation hat sich deutlich verschlechtert“, sagt ein Sprecher des Betreibers RWE Dea.

Von Eckart Gienke

Albrecht Scheuermann 23.01.2015