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Deutschland / Weltweit Pläne für das Autonome Fahren: So könnte der TÜV für Roboterautos aussehen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Pläne für das Autonome Fahren: So könnte der TÜV für Roboterautos aussehen
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16:08 06.06.2019
Ein Roboterwagen der Firma Nuro.ai – doch wie der TÜV die autonomen Fahrzeuge testen soll, ist noch unklar. Quelle: dpa
München

Autonomes Fahren kommt allmählich in den Gang – doch viele Sicherheitsbedenken bleiben. Ausräumen könnten diese Prüfungseinrichtungen wie der TÜV, der für die Sicherheit technischer Anlagen zuständig ist. Doch die Computer-gesteuerten Fahrzeuge stellen die Prüfer vor neue Herausforderungen – auch, weil die Hersteller nicht mitspielen wollen.

Bislang untersuchen Prüfgesellschaften Autos vor allem noch physisch. Aber wenn Computer fahren und Algorithmen durch den Straßenverkehr lenken, braucht es digitale Prüfverfahren. Die entwickeln die Münchner hinter den Kulissen seit etwa drei Jahren und glauben nun, etwas vorzeigen zu können.

„Unsere Digitalisierungsstrategie trägt Früchte“, sagt Patrick Fruth, Chef der Mobilitätssparte beim Münchner TÜV Süd. „Wir haben eine Prüfmethode entwickelt, mit der wir autonome Fahrfunktionen abnehmen können“, erklärt der TÜV-Projektleiter für autonomes Fahren, Houssem Abdellatif.

Stichprobenartige Tests

Physisch getestet wie Computer auf der Straße zurechtkommen wird dabei nur stichprobenartig. Zwar gibt es ein Testgelände, auf dem bei Geschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern Alltagssituationen nachgefahren werden.

Bei einer Zahl von etwa 100 Millionen definierter Szenarien, die ein Computer am Steuer künftig beherrschen muss, wird aber vor allem per Simulation getestet.

Das sei aus Zeit- wie aus Kostengründen gar nicht anders möglich, erklärt Abdellatif. Auf der Straße im Realbetrieb geprüft würden nur 10 bis 100 Fahrszenarien also eine verschwindende Minderheit des Gesamtkatalogs. „Wir hoffen, dass sich die Ergebnisse als anerkannte Prüfmethode durchsetzen werden“, sagt der TÜV-Experte. Die Münchner hätten dann beim Prüfgeschäft der Zukunft die Nase vorn.

Anforderungen verändern sich

Weiter ist der TÜV Süd in Singapur. Der südostasiatische Stadtstaat gilt als besonders ambitioniert beim Thema autonomes Fahren, weil der innerstädtische Verkehr langsam Dimensionen erreicht, dass ihn nur Computer noch am Fließen halten können. In Singapur sind die Münchner am Projekt Cetran beteiligt, das mit der technischen Referenz TR 68 den weltweit ersten Standard für die Zulassung vollautomatisierter Fahrzeuge entwickelt hat. Auch der könne als eine Art Blaupause für internationale Standards auf diesem Gebiet dienen, sagt Abdellatif.

Obwohl Autobauer versprechen, dass Roboterautos sicherer unterwegs sein werden als von Menschen gesteuerte, glaubt der TÜV, dass Fahrzeugüberwachung im digitalen Zeitalter noch wichtiger als heute wird. Denn Verkehrssicherheit wird mehr denn je zu einer Frage der Technik. Zudem dürfte die Mobilität der Zukunft zumindest in Städten von Fahrdiensten und Carsharing bestimmt werden. Das erhöht dramatisch die Nutzungsdauer von Fahrzeugen. Heute steht ein Auto zu rund 90 Prozent. Künftig soll es zu 80 Prozent fahren, sagt Fruth. Das dürfte Spuren hinterlassen.

Dazu kommen Online-Updates. Was heute eine Fahrzeuginspektion in der Werkstätte ist, wird künftig das Aufspielen von neuen Softwarekomponenten per Mobilfunk sein. Ein Update kann aber sicherheitskritische Funktionen betreffen, was nach heutigen Kriterien die Betriebserlaubnis in Frage stellen würde, gibt Fruth zu bedenken. Derart upgedatete Autos müssten deshalb von einer unabhängigen Kontrollinstanz nachuntersucht werden. Auch dazu brauche es neue Regeln.

Nicht ausreichend Zugang zu Daten

Basis aller digitalen Kfz-Prüfungen ist ein Zugang zu den Daten, die Autos der Zukunft in riesigem Ausmaß produzieren werden. Der ist hart umkämpft. Prüfgesellschaften fordern unverfälschten Zugriff auf Originaldaten möglichst auch online und im Fahrbetrieb. Autohersteller wollen den Datenschatz nicht herausrücken. Sie argumentieren, dass ein solcher Zugang nicht nur vom TÜV zu Prüfzwecken sondern von Cyberkriminellen zum Hacken genutzt werden könnte. Das ist nachvollziehbar, auch wenn sich dahinter noch ein anderes Begehr verbirgt.

„Daten sind Geld“, sagt Gerhard Müller. Er hält beim TÜV Kontakt zur Politik in Berlin und Brüssel. Wenn Autohersteller ihre Datenhoheit verteidigen, wüssten nur sie per Onlineüberwachung, wann ein Auto in die Werkstatt muss und können damit lukratives Wartungsgeschäft im Haus halten. Anders wird es, wenn Dritte Datenzugang erhalten. Entschieden ist noch nichts. Lange kann die Politik eine Antwort aber nicht mehr vor sich herschieben, weil der Automatisierungsgrad von Fahrzeugen immer mehr steigt. Schon wäre technisch mehr möglich als regulatorisch erlaubt ist.

„Es braucht einen gesetzlichen Rahmen“, stellt Müller klar und erwartet ihn von der EU. Spätestens Mitte der 20er Jahre müsse es ihn geben. Angesichts der üblichen Dauer EU-politischer Entscheidungsprozesse ist das praktisch nächste Woche. „Die technische Entwicklung ist viel schneller als der Gesetzgeber“, sagt Müller. In diesem Punkt sind sich Prüforganisationen und Autobauer anders als bei der Frage des Datenzugangs vollkommen einig.

Von RND/Thomas Magenheim