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Deutschland / Weltweit Wer wirklich Schuld ist am Amazon-Irrsinn
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Wer wirklich Schuld ist am Amazon-Irrsinn
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23:06 11.06.2019
„Perversion der Wegwerfgesellschaft“: Versandhändler wie Amazon – hier ein Lager in Berlin – vernichten Teile der zurückgeschickten Waren, weil neu verpacken zu teuer wäre. Quelle: dpa
Hannover

„Qualität bedeutet, der Kunde kommt zurück, nicht die Ware“, hat Hermann Tietz mal gesagt. Der deutsch-jüdische Kaufmann war im 19. Jahrhundert Namensgeber der Hertie-Warenhäuser. Fast 150 Jahre alt ist sein Bonmot, und wenn der Hertie-Patron heute die prallvollen Rücksendelager von Amazon, Zalando oder Otto sähe, die Berge von Kartons voller ungewollter Kaffeemaschinen, Sneakers, Handys, Bügeleisen, DVDs, Bücher oder Kopfhörer – dann käme er gewiss nicht auf die Idee, dass Amazon und Otto tatsächlich zu den erfolgreichsten Firmen ihrer Zunft gehören könnten. Amazon ist aktuell die wertvollste Marke der Welt. Tietz‘ würde sich wundern.

Der moderne Kunde verhält sich wie ein Kleinkind

Qualität zum attraktiven Preis gleich Erfolg? Die alte Formel des Hertie-Pioniers ist auf den Kopf gestellt. Längst gilt: Komfort schlägt Qualität. Dank Globalisierung gibt’s sowieso fast überall dieselben Produkte zu kaufen. Eine Xbox ist eine Xbox ist eine Xbox. Wer also gewinnt im Wettbewerb? Wer es als Verkäufer schafft, den Aufwand eines Kaufvorgangs maximal zu minimieren. Denn der moderne Kunde ist ein Faulpelz. Er nutzt jede Gelegenheit, sich das Leben leichter zu machen. Im Zeitalter der Instant-Bedürfnisbefriedigung verhält sich ein Kunde nicht anders als ein Kleinkind: Er ist trotzig, egozentrisch, uneinsichtig, geizig und schnippisch. Das ist beiden nicht vorzuwerfen. Beim Kleinkind erfüllt die egomanische Teilzeitborstigkeit eine evolutionäre Funktion. Und beim Kunden ist sie die logische Folge jahrelanger Rundum-Verwöhnung auf Knopfdruck.

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Nicht nur, dass der Paketbote zum „Ganzjahres-Nikolaus“ wird, wie Stephan Grünewald sagt, Chef des Kölner Instituts Rheingold. Es ist längst die Regel, dass der moderne Kunde für den kleinen Glückskick an der Haustür lieber Schlechtes schnell zum Quatschpreis kauft als Gutes zügig zum Normalpreis. Und dass er, was ihm nicht gefällt, flugs wieder eintütet.

„Eine Perversion der Wegwerfgesellschaft“

487 Millionen bestellte Artikel schicken die Deutschen jährlich an Onlinehändler zurück. Läuft nicht, gefällt nicht, falsch bestellt, zu groß, zu klein, zu hässlich, Grund egal, weg damit, ich wollte nur mal gucken. Jedes sechste Paket geht zurück. Deutschland ist damit Europameister im Retournieren. Die Folgen der Retourkutscherei: wachsende Pappberge, Lieferdienste am Limit und 5,5 Milliarden Euro Kosten für den Handel. Und der macht sich’s angesichts des Kostendrucks naturgemäß so einfach wie möglich: Vieles landet zwar wieder im Verkauf, vieles aber geht direkt in den Schredder oder ins Feuer. Fabrikneue Ware. Teils originalverpackt. Ein Fall für die Müllverbrennung. Denn jede Retoure kostet den Händler im Schnitt elf Euro, hat die Universität Bamberg berechnet. Unabhängig vom Paketinhalt. „Ich vernichte jeden Tag neuwertige Waren im Wert von 23 000 Euro“, sagte eine Amazon-Mitarbeiterin in einer „Frontal 21“-Doku im ZDF: nagelneue Kühlschränke, Spülmaschinen, Smartphones, Matratzen, Kleidung, Möbel, Schuhe – weg damit.

„Eine Perversion der Wegwerfgesellschaft“, nennen die Grünen das Phänomen. Und wollen die Firmen jetzt zwingen, neuwertige Rücksendungen nicht zu vernichten, sondern erneut zu verkaufen, zu verschenken – etwa über Sozialkaufhäuser – oder wenigstens die Rohstoffe in den Wertstoffkreislauf zurückzuführen.

Zustellfristen von 48 Stunden gelten schon als unzumutbar

In der Sache hat die Partei Recht. Natürlich ist es ein absurdes Krankheitssymptom des Turbokapitalismus, wenn fabrikneue Markenware massenhaft im Schredder landet. Wenn es billiger ist, überschüssige Produkte zu verbrennen, als sie neu zu verpacken und zu verkaufen. Wenn die Versandkosten höher sind als der Warenwert. Wenn trashige Onlineversender wie Wish mit teils absurden Rabatten von fast 100 Prozent asiatischen Murks verticken. Wenn GPS-überwachte Paketdienste minutengenaue Standortdaten an die sehnsüchtig lauernde Kundschaft senden. Wenn Zustellfristen von mehr als 48 Stunden schon als unzumutbar gelten. Oder wenn Lieferanten aus Fernost zwar den Kaufpreis erstatten, aber die Waren gar nicht zurückfordern, weil es sich nicht lohnt, den Billigturnschuh nach Hongkong zurückzuschicken. 100 Milliarden Kleidungsstücke werden pro Jahr hergestellt. Niemand kann das alles anziehen.

Das System ist an eine Grenze gelangt. Die schöne neue Warenwelt ist aber nicht nur ein Klimakiller. Es geht auch nicht bloß um die moralische Frage, ob Neuware im Müll landen sollte. Es geht auch um die Frage, welche Zukunft überhaupt ein Warenwirtschaftssystem haben kann, das Kosten spart, wenn es nagelneue Produkte vernichtet, statt sie zu verkaufen. Wie kann es überhaupt sein, dass Vernichtung billiger ist als Verkauf? „Weil Menschen in den Erzeugerländern so schlecht bezahlt werden und Umweltschäden wie beispielsweise vergiftete Seen und Flüsse nicht in den Verkaufspreis einfließen“, erklärt Greenpeace-Expertin Kirsten Brodde im „Greenpeace“-Magazin. Bis zu 80 Prozent aller Schuhe würden zurückgesendet, bis zu 30 Prozent der Retouren vernichtet. „Den Händlern ist der Respekt für ihre Produkte komplett verloren gegangen.“

Ein Problem der Gesellschaft – nicht nur des Handels

Wer trägt die Schuld? Die Grünen hüten sich, den Konsumenten direkt anzugehen. Sie haben sich gerade erst vom klebrigen Ruf der Verbotspartei gelöst, der Veggie-Day liegt der Partei noch schwer im Magen. Sie wird den Teufel tun, jetzt mit Drohappellen die just gewonnene Wählerkundschaft zu vergraulen. Die Grünen sehen Politik und Konzerne in der Pflicht. Dabei hat – so ehrlich muss man sein – die meiste Macht natürlich der Kunde in den Händen. Wir alle sind Teil des Zyklus. Das ist kein Problem des Handels. Das ist ein Problem der Gesellschaft. Die Verbrennung von Neuware ist gängige Praxis, weil die Konsumgesellschaft sie zulässt – und befeuert.

19 Jahre alt ist das sogenannte Fernabsatzgesetz, das es Onlinekäufern gestattet, auch im Netz gekaufte Waren innerhalb von 14 Tagen ohne Begründung zurückzugeben. So, wie das im stationären Einzelhandel seit Jahr und Tag gängige Praxis war. Tatsächlich brachte das Gesetz Ordnung in den Wildwest-Zirkus, der der Onlinehandel bis dahin war. Doch die Sache hatte Folgen, die tief ins Kundenbewusstsein hinabwirken: Mit sinkendem Beschaffungsaufwand ging auch der Respekt vor dem Wert einer Ware verloren. Ein Phänomen, das Konsumforscher seit Jahrzehnten beobachten. Reparieren ist out. Neu kaufen ist einfacher. Und warum verschenken Firmen nicht mehr Zurückgeschicktes? Weil sie auf Spenden 19 Prozent Umsatzsteuer entrichten müssen. Ware wegzuschmeißen ist steuerfrei – und damit billiger.

Klimanation Deutschland? Das ist Selbstbelügung

Was tun? Ein erster Schritt wäre, sich einzugestehen, dass Deutschland eben noch lange nicht der Ökomusterschüler ist, der das Land zu sein behauptet. Klimanation Deutschland? Das ist Selbstbelügung. Klimakanzlerin Angela Merkel? Den Nachweis ist sie noch schuldig. Der zweite Schritt wäre, die Industrie zu echter Nachhaltigkeit zu verpflichten. Dass Millionen Privatdeutsche jeden Joghurtbecherdeckel sorgsam sammeln, während Konzerne parallel tonnenweise Neuware ins Feuer werfen, ist schlicht absurd. Und der dritte Schritt? Konsumenten müssen sich eingestehen, dass nachhaltiges Leben nicht nur bedeutet, mit dem Fahrrad zum Bäcker zu fahren. Sondern auch, die Privatmodenschau im heimischen Wohnzimmer zwischen Zalando-, Otto-, Amazon- und About-You-Kartons zu überdenken.

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Von Imre Grimm

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