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Deutschland / Weltweit Sorge um Italien erschüttert Märkte
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Sorge um Italien erschüttert Märkte
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20:23 09.11.2011
Zweifel an einem raschen Schuldenabbau in Italien haben zur Kursverlusten an den Börsen – wie hier in Frankfurt – geführt. Quelle: dpa
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Frankfurt

Trotz des absehbaren Rücktritts des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi wird befüchtet, dass auch die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ohne finanzielle Hilfen umfallen könne. „Der exorbitante Anstieg der Renditen für italienische Staatsanleihen ist schon sehr bedenklich“, sagte ein Händler. Der Dax fiel bis zum Handelsschluss um 2,2 Prozent auf 5829 Punkte. In Mailand sackte der Standardwerte-Index Mib um 3,8 Prozent ab. Erst ein nach Angaben von Händlern „aggressives“ Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) am Sekundärmarkt für Anleihen brachte etwas Entspannung an den Finanzmärkten.

Auslöser der Verkaufswelle: Am Rentenmarkt waren die Renditen für italienische Staatsanleihen über alle Laufzeiten massiv gestiegen. Sowohl für die zehn- als auch für die fünfjährigen Anleihen muss Italien nun deutlich mehr als 7 Prozent Zinsen zahlen – so viel wie noch nie seit der Einführung des Euro im Januar 1999. Metzler-Bank-Analyst Mario Mattera warnte, bei Renditen über 7 Prozent werde die Lage für ein Land kritisch. So sei es zumindest bei Irland und Portugal gewesen. „Allein die Tatsache, dass die Rendite der zehnjährigen italienischen Anleihen die wichtige Marke von 7 Prozent übersprungen hat, deutet darauf hin, dass die Krise mit dem quälend langsamen Abgang Berlusconis nicht zu Ende ist“, meinte Joshua Raymond, Chef-Marktstratege des Händlers City Index.

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Zunächst hatten die Anleger auf die Ankündigung Berlusconis noch mit vorsichtigen Aktienkäufen reagiert. Der umstrittene langjährige Regierungschef will erst nach der Verabschiedung einer geplanten Haushaltsreform zurücktreten. Die Opposition will darüber in den nächsten Tagen abstimmen. „Es gibt keine Garantie, dass Berlusconis Nachfolger einen besseren Job macht“, sagte Fondsmanager Christian Jimenez von der Vermögensverwaltung Diamant Bleu Gestion.

Im Deutschen Aktienindex kamen besonders die Aktien der Allianz unter die Räder, sie gaben um 5 Prozent nach. Vor allem über seine italienische Tochter hatte Europas größter Versicherer Ende 2010 etwa 28,2 Milliarden Euro in italienische Staatsanleihen investiert. Die Aktien der Commerzbank fielen um 6 Prozent und die der Deutschen Bank um 4,4 Prozent. „Jetzt wird mal durchgerechnet, was die Banken so an italienischen Anleihen in den Portfolien halten und was an Abschreibungen auf sie zukommen könnte“, erklärte Kapitalmarktstratege Jens Beulke von Silvia Quandt Research.

Die Euro-Finanzkrise hat sich somit noch einmal stark beschleunigt. Der Euro-Rettungsschirm EFSF ist für Italien zu klein. Er kann maximal 440 Milliarden Euro vergeben. Durch die Kredite an Irland und Portugal plus demnächst Griechenland ist schon ein großer Batzen weg. Hinzu kommen noch 50 Milliarden Euro für die Banken-Rekapitalisierung. Nach Angaben der fünf Wirtschaftsweisen bleiben dann noch etwa 250 Milliarden Euro übrig. Italien muss jedes Jahr etwa 300 Milliarden Euro alter Schulden verlängern. Zwar ist der Hebel zur Vergrößerung der Finanzkraft des EFSF grundsätzlich beschlossen, aber es ist noch unklar, wie dies über eine Versicherungslösung oder zusätzliche Fonds, in die außereuropäische Länder oder der Internationale Währungsfonds (IWF) einzahlen könnten, gehen kann.

Der Fondsmanager Mohamed El-Erian hat die Europäische Zentralbank aufgefordert, Italien aus der Schuldenmisere zu befreien. „Nur die EZB kann Italien jetzt retten“, schrieb er in einem Kommentar für die „Financial Times“. El-Erian ist Chef des Investmenthauses Pimco, einer Tochter der Allianz. „Europas Schuldenkrise hat eine neue, gefährliche Phase erreicht.“ Die EZB müsse italienische Anleihen kaufen.

Kirsti Knolle, Hakan Ersen und Harald Schultz