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Deutschland / Weltweit Verdi: Die heimliche Großmacht
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20:53 20.09.2015
Von Marina Kormbaki
„Das ist eine neue soziale Bewegung“: Mit geballter Streikmacht sind die zwei Millionen Verdi-Mitglieder zu einem einflussreichen Gestalter der Republik geworden.
„Das ist eine neue soziale Bewegung“: Mit geballter Streikmacht sind die zwei Millionen Verdi-Mitglieder zu einem einflussreichen Gestalter der Republik geworden. Quelle: dpa
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Berlin

Montag: „Verdi ruft zu Warnstreik in Berliner Lufthansa-Callcenter auf.“ Dienstag: „Verdi in Schleswig-Holstein ruft zu sofortigem Warnstreik im Busverkehr auf.“ Sonnabend: „Verdi-Streik: Bei Amazon in Pforzheim bleiben nächste Woche die Pakete liegen.“ Das sind alles Schlagzeilen der vergangenen Woche. Verdi, so scheint es, ist überall.

Eine heimliche Großmacht, die in jedem Winkel der Republik und zu jeder Zeit ihre Leute dazu anhalten kann, Sand ins Getriebe zu streuen. Ein heimlicher Riese, der mit Streiks und Arbeitsniederlegungen einer Menge Menschen im Land die Bilanz und, häufiger noch, die Laune verhageln kann. Junge Eltern können zu dem Thema viel erzählen; ihnen hat der Kita-Streik im Sommer reichlich Geduld und Organisationstalent abverlangt. Und falls es doch noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dass die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zu den wirklich einflussreichen Gestaltern der Republik gehört, so wurde er gestern Abend in der Leipziger Messehalle erbracht. Angela Merkel hielt vor 1000 Delegierten die Eröffnungsrede. Es war ihr erster Besuch bei einem Verdi-Bundeskongress seit zehn Jahren.

Da sprach die Kanzlerin zuerst über die Flüchtlinge, über die Pflicht zum Helfen und auch darüber, dass „Wirtschaftsflüchtlingen“ gesagt werden müsse, dass sie auch wieder gehen müssten: „Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass wir auch nicht erfolgreich sein werden, wenn wir so tun, als würden wir alles schaffen.“ Dann hat Angela Merkel noch ein bisschen die Verdi-Seele gestreichelt. Für viele Arbeitnehmer sei der Mindestlohn, für den die Gewerkschafter gekämpft haben, ein Fortschritt: „Das ist wichtig, dass das erreicht wurde.“

Dass die Kanzlerin trotz Flüchtlingskrise und Griechen-Wahl Zeit für Verdi fand, sagt viel aus über die Bedeutung der mit zwei Millionen Mitgliedern zweitgrößten DGB-Gewerkschaft. Und doch werden sich die Delegierten in den nächsten sechs Tagen nicht in gegenseitigem Schulterklopfen ergehen. Es liegt einiges im Argen. Frank Bsirske, der Verdi seit der Gründung 2001 führt, mag zwar unangefochtener Chef sein. Ob er jedoch bei seiner für morgen geplanten Wiederwahl abermals auf jene 94,7 Prozent kommt, die er vor vier Jahren erzielte, ist fraglich. Denn Bsirske hatte bei den Erziehern und Sozialarbeitern, aber auch bei Paketzustellern große Erwartungen geweckt: 10 Prozent mehr Geld für Erzieher, Schluss mit der Ausgliederung der Paketboten in Billigtöchter der Post. Ziele, die sich im Laufe der Auseinandersetzungen mit den Arbeitgebern als unrealistisch erwiesen haben. Mal ganz abgesehen vom Dauerstreit mit Amazon. Über all dies wird in Leipzig zu reden sein.

„Der Bundeskongress markiert eine Wegscheide“, sagt der Gewerkschaftsforscher Prof. Klaus Dörre aus Jena. „Offen ist, ob die Gewerkschaft den Mitgliedern selbstkritisch vermitteln kann, dass sie im Tarifstreit der Erzieher oder auch der DHL-Paketboten die Erwartungen nicht erfüllt hat, dass die Art des Streikens nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat.“ Dörre meint aber, dass Bsirske für dieses heikle Unterfangen die nötigen Voraussetzungen mitbringt: „Er schätzt das offene Wort, und dafür schätzen ihn die Mitglieder.“

Bsirske hat Verdi in 14 Jahren aus fünf Spartengewerkschaften zu einer Großorganisation geformt, die rund 1000 Berufsgruppen vertritt. Mit seinen 13 Fachbereichen erinnert Verdi selbst an einen Dachverband. Wie hält man so einen riesigen Gemischtwarenladen zusammen? „Es ist schwer, eine Dienstleistungsgewerkschaft zu sein und Stärke durch Vielfalt zu entwickeln, wenn der Dienstleistungsbereich zunehmend ausfranst“, sagt Heiner Dribbusch, Tarifexperte der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Aber Kontinuität an der Spitze ist offenbar von Nutzen.

Frank Bsirske, 63, ist das Gesicht von Verdi. Mehr noch: Bsirkse ist Verdi. Einen potenziellen Nachfolger hat er nicht aufgebaut. Niemand schickt sich an, ihm in Leipzig den Spitzenposten streitig zu machen. Bsirske steuert seine fünfte Amtszeit an.

Was wiederum auf die Verdienste von Bsirske verweist. So hat der Kita-Streik der Gewerkschaft viele neue Mitglieder beschert. Überhaupt, so Dribbusch, seien Schätzungen zufolge 50 Prozent der heutigen Verdi-Mitglieder der Gewerkschaft erst nach dem Zusammenschluss beigetreten, unter Bsirske. Zudem habe es zuletzt auch Verhandlungserfolge im Gesundheitswesen und beim Sicherheitspersonal an Flughäfen gegeben. Und der Tarifexperte erinnert daran: „Die Einführung des Mindestlohns ist der größte Erfolg von Verdi. Eine kleine Einzelgewerkschaft wäre dazu allein nicht in der Lage gewesen.“

Bsirske selbst hat wiederum die Grundlagen dafür gelegt, dass sein Erfolg nicht nur anhand von Prozenten und Laufzeiten gemessen wird. Er denkt in größeren Zeiträumen. Beim Kita-Streit spricht er lieber von „Kulturkampf“ statt von „Tarifauseinandersetzung“, schwärmt gar von einer „neuen sozialen Bewegung“, die entstanden sei – und das in einem von Frauen dominierten Berufsfeld, wo dies lange Zeit niemand für möglich gehalten hätte. Doch seit dem gescheiterten Schlichtungsverfahren im Erzieherstreik liegt das große Dilemma von Verdi offen zutage.

Die Gewerkschaft spiegele einen zunehmend wichtigen Teil der Arbeitswelt wider, sagt Gewerkschaftsforscher Dörre: den Bereich der gesundheitlichen und sozialen Dienstleistungen. „Aber anders als bei Industriearbeitern oder Lokführern sind dies Bereiche, in denen Arbeitskämpfe nur bedingt ökonomisch zu gewinnen sind.“ So trifft der Erzieherstreik nicht in erster Linie die Arbeitgeber – sie mussten die Erzieher während ihres Streiks nicht bezahlen, kassierten aber die Gebühren der Eltern. Die litten am meisten unter dem Ausstand der Erzieher.

Arbeitskämpfe auf Kosten Dritter sind typisch für Verdi. Nicht weil sie in der Berliner Zentrale besonders fies sind. Aber wenn Dienstleister den Dienst einstellen, spüren das nun mal vor allem jene, die auf diesen Dienst angewiesen sind. Eltern, Kunden, Krankenhauspatienten. Das ist mit ein Grund für den weit verbreiteten Eindruck, Verdi sei dauernd am Streiken. Anders als bei den Metallern, deren Streiks bei Zulieferer XY oft weitgehend unbemerkt erfolgen, sind ausbleibende öffentliche Dienstleistungen in der Öffentlichkeit sehr präsent. Es werden gewiss nicht viele Tage vergehen, bis man wieder von Warnstreiks irgendwo in der großen, weiten Verdi-Welt lesen wird.

„Aufgeben ist keine Lösung“

Nachgefragt bei Frank Bsirske, Verdi-Chef und Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. 

Herr Bsirske, warum wollen Sie wieder als Verdi-Chef kandidieren? Anderen empfehlen Sie die Rente mit 63.
Ja, das ist ihnen auch gegönnt. Denn natürlich haben wir in der Gesellschaft viele Bereiche, wo die Menschen auch in ihrer Arbeitsfähigkeit durch die Belastung verschlissen werden. Dann sollten sie die Möglichkeit haben, in Rente zu gehen. Ich fühle mich fit. Ich glaube, dass ich dazu beitragen konnte, einiges nach vorne zu bringen in den letzten Jahren. Und ich habe noch eine Menge vor. Letztlich entscheiden darüber die Delegierten des Kongresses – dem überantworte ich mich gerne.

Ist es Ihr vorrangiges Ziel als Streikgewerkschaft, mit den Arbeitskämpfen in diesem Jahr Mitglieder zu gewinnen?
Es ist sicherlich nicht ehrenrührig für eine Gewerkschaft, Mitglieder gewinnen zu wollen – genauso wenig wie für eine Zeitung, die um neue Leser wirbt. Und vielen Beschäftigten wird der Wert einer Gewerkschaft gerade in aktuellen Streikauseinandersetzungen besonders plastisch vor Augen geführt. Aber wir streiken nicht um des Streikens willen, sondern weil wir in Tarifauseinandersetzungen immer öfter mit Arbeitgebern konfrontiert sind, die tarifliche Errungenschaften – bei Löhnen, Arbeitszeiten, Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder betrieblicher Altersversorgung – zurückdrehen wollen. Wenn wir bessere Arbeits- und Entlohnungsbedingungen durchsetzen wollen, bleibt häufig nur der Arbeitskampf als letztes Mittel.

Bei den Erziehern haben Sie die Forderungen so hoch gelegt, dass die Mitglieder den Schlichterspruch abgelehnt haben. Müssten Sie daraus nicht Konsequenzen ziehen? 
Was sollte diese Konsequenz sein?

Sie könnten zurücktreten.
Es kann doch nicht die Lösung sein, einfach aufzugeben, nur weil es nicht in einem Schritt gelingt, die jahrzehntelange Lohndiskriminierung pädagogischer Facharbeit in einem überwiegend von Frauen ausgeübten Beruf zu beenden. Ich halte unsere Forderung nach einer Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe, die durchschnittlich zu zehn Prozent mehr Gehalt führt, keineswegs für zu hoch. Wer den Wert frühkindlicher Bildung in Sonntagsreden zu Recht betont, wer ernsthaft bewertet, wie wichtig soziale Arbeit, egal ob in der Jugend-, der Behinderten- oder aktuell in der Flüchtlingshilfe für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist, der muss die dort Beschäftigten angemessen bezahlen.

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