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Deutschland / Weltweit Viel Arbeit für den neuen EADS-Chef
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Viel Arbeit für den neuen EADS-Chef
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12:44 12.04.2012
Foto: Thomas Enders (rechts) und Horst Seehofer haben den ersten Streit schon hinter sich.
Thomas Enders (rechts) und Horst Seehofer haben den ersten Streit schon hinter sich. Quelle: dpa
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Berlin

Rund sechs Wochen bleiben Thomas Enders noch, bis er am 1. Juni die Führung des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS übernimmt. Auf dem Papier sieht die Lage für den neuen Chef komfortabel aus, die wichtigste Tochter Airbus hat eine Auftragsflut wie noch nie abzuarbeiten. Doch den neuen Chef erwarten ganz andere Probleme: Mit dem Aufstieg vom Airbus- zum EADS-Chef gerät „Major Tom“, wie er wegen seiner Vergangenheit als Luftwaffen-Offizier genannt wird, mitten hinein ins politische Getriebe.

„Tom wird im Juni und Juli reden, im September regnet es Entscheidungen“, heißt es in seiner Umgebung.  Dass er dabei auch vor heiklen Themen nicht zurückschreckt, hat er bereits mit seinen Plänen bewiesen, Funktionen im französischen Toulouse zu bündeln – zum Ärger deutscher Politiker. Peter Hintze, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, forderte Enders im März in einem geharnischten Brief auf, die künftige EADS-Führung auf den oberen fünf Ebenen paritätisch mit Deutschen und Franzosen zu besetzen. Enders lehnte das im großen Bogen ab. Hintze gilt als enger Vertrauter von Bundeskanzlerin Angela Merkel, weswegen es in Berlin hieß, Merkel habe Hintze gegen Enders – einen erklärten Gegner des Staatseinflusses im Konzern – von der Leine gelassen. Das dürfte ganz im Sinne von CSU-Chef Horst Seehofer gewesen sein, denn der fürchtet um den EADS-Standort Ottobrunn – abgesehen davon, dass Enders vor einigen Monaten aus der CSU ausgetreten ist.

Der Plan, Teile der Konzernfunktionen aus Ottobrunn bei München nach Toulouse zu verlegen, habe in Berlin „das Fass zum Überlaufen gebracht“, heißt es. Jetzt sei Enders bestrebt, das Thema mit Hintze und Seehofer zu einem Ende zu bringen. Offen bleibe allerdings, warum Wirtschaftsminister Philipp Rösler den Brief seines Staatssekretärs Hintze Brief geduldet habe, denn dessen Einflussnahme passe so gar nicht zur wirtschaftsliberalen Linie des FDP-Vorsitzenden.

Auch wegen dieses Grundkonflikts wenden Skeptiker ein, der „Kampf der Gladiatoren“ stehe erst am Anfang. Während Enders – wie Vorgänger Louis Gallois – EADS unabhängiger machen möchte von Staaten und Regierungen, pochen Frankreich, Spanien und immer mehr auch Deutschland auf ihren Einfluss. Die Staaten haben den Konzern als europäisches Vorzeigeprojekt aufgebaut, sind direkt oder indirekt beteiligt und achten auch ein Jahrzehnt nach der Gründung auf nationalen Proporz.

Wie Enders diese Kluft überbrücken will, ist unklar. Zwar gilt der Konflikt mit Seehofer inzwischen als beigelegt. Seehofer stimmte der Teilverlegung nach Toulouse zu, im Gegenzug werde Ottobrunn mit Investitionen versorgt. Doch mit dem Wahlkampf in Frankreich droht Unruhe auf der anderen Seite. Die Hoffnung auf mehr unternehmerische Freiheit bei EADS musste Enders bereits kurz vor seiner Berufung begraben, als die Bundesregierung eine 7,5-Prozent-Beteiligung der staatlichen KfW-Gruppe am Konzern beschloss. Der Daimler-Konzern wollte seinen Anteil schon lange verkaufen und einigte sich mangels anderer Interessenten mit der KfW. Zu Enders’ Leidwesen drohen weitere Schritte in dieser Richtung: Auch das von diversen Banken gebildete Dedalus-Konsortium will seine 7,5 Prozent loswerden. Bleibt auch hier der Bund als einziger Käufer, wüchse sein Anteil auf 15 Prozent. Der „Gang zurück in die Steinzeit“, wie es Enders nennt, ginge weiter, wenn  Daimler auch seine restlichen 7,5 Prozent abgäbe.

Ebenfalls mehr als bedrohlich stellt sich für Enders die französische Seite dar. Dort ist Arnaud Lagardère eine kaum kalkulierbare Größe. Sein Vater gründete den Flugzeugkonzern Matra und baute das Medienimperium Hachette Livre zu großer Pracht auf, doch der 50-jährige Sohn trat bisher vor allem durch seine Heirat mit einem knapp halb so alten Fotomodell hervor. Immer wieder wird über seinen Ausstieg bei EADS spekuliert – zum Verwaltungsratsvorsitzenden ließ er sich dennoch wählen. Sollte der Erbe die Lust an seinem ebenfalls 7,5-prozentigen Anteil verlieren, könnte auch der französische Staat seine direkte Beteiligung aufstocken. Angesichts des Dschungels aus politischen und persönlichen Interessen wird vielen im EADS-Management dann doch schwindelig: „Enders wird viel Verhandlungsgeschick abverlangt.“

Hartmut Reichardt