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Deutschland / Weltweit Voll auf die Rübe
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Voll auf die Rübe
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09:31 08.05.2014
Von Carola Böse-Fischer
„Coca-Cola steht schon Gewehr bei Fuß“: Etablierte Anbieter – hier Nordzucker – müssen sich auf neue Wettbewerber einstellen.
„Coca-Cola steht schon Gewehr bei Fuß“: Etablierte Anbieter – hier Nordzucker – müssen sich auf neue Wettbewerber einstellen. Quelle: Jens Wolf
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Hannover

Neue Zeiten brechen 2017 für die Zuckerbranche in Europa an. Dann läuft die EU-Zuckermarktordnung aus und mit ihr die Zuckerquoten, die bisher das Angebot regulieren und dadurch – verglichen mit dem Weltmarkt – für höhere Zuckerpreise sorgen.

Vorbei sind dann die Zeiten, als die Zuckerkonzerne sich in ihren jeweiligen Absatzgebieten – Nordzucker etwa im Nordwesten oder Südzucker im Süden Deutschlands – nicht ins Handwerk pfuschten. Nach dem Wegfall der Quote werde in der EU mehr Zucker produziert als konsumiert, sagt Nordzucker-Chef Hartwig Fuchs voraus. „Ab 2017 werden Geschäfte nur noch über den Preis gemacht.“ Das geht zulasten der Margen.

Nicht nur das. Ein Produkt, das bisher für die Zuckerhersteller kaum eine Rolle spielte, könnte den Wettbewerb zusätzlich anheizen: Isoglukose. Das ist ein Stärkezucker, der aus Mais oder Weizen gewonnen wird. Auch für Isoglukose gilt eine Quote in der EU. Sie endet ebenso wie die Zuckerquote.

Stärkezucker wird von der Lebensmittelindustrie wie Getränkeherstellern erst wenig eingesetzt. Der Marktanteil beträgt noch nicht einmal 5 Prozent, berichtet Yelto Zimmer vom Thünen-Institut in Braunschweig. Das könnte sich schnell ändern. In einer Studie, die die künftigen Marktchancen von Isoglukose und Zucker untersucht, zieht der Thünen-Forscher den Schluss, dass es ab 2017 „zu Umwälzungen in der europäischen Zuckerwirtschaft kommt“.

Technisch ist es nach Angaben von Zimmer kein Problem, 25 bis 30 Prozent des Zuckerabsatzes durch Isoglukose zu ersetzen. Wichtige Spieler auf diesem Markt sind der US-Konzern Cargill und das österreichische Unternehmen Agrana. Die Zuckerverarbeiter, vor allem die Getränkeindustrie, seien grundsätzlich am Einsatz von Isoglukose interessiert, sagt Zimmer. „Coca-Cola steht hierzulande sogar schon Gewehr bei Fuß.“

Den Zuckerkonzernen droht der Verlust wichtiger Kunden und Umsatzbringer. Denn die Kosten für die Produktion von Isoglukose, die vom Maispreis abhängen, sind laut Thünen-Studie deutlich geringer als für die Zuckerherstellung aus Zuckerrüben. Um keine Marktanteile an Isoglukosehersteller zu verlieren, müssten die Zuckerkonzerne ihre „bisherige Verarbeitungs- und Gewinnmarge um etwa 40 Prozent oder 150 Euro je Tonne senken“, hat Zimmer ausgerechnet.
So dramatisch schätzt der Chef von Europas zweitgrößtem Zuckerhersteller die Entwicklung offenbar nicht ein. Der Nordzucker-Manager Fuchs erwartet nach 2017 durch ein Hochfahren der Anlagen eine Verdoppelung der Isoglukoseproduktion. Darüber hinaus könne es zum Bau neuer Kapazitäten kommen – wenn denn Zuckerverarbeiter zum Umstieg auf Isoglukose bereit wären. Denn dafür müssten sie in die Umrüstung von Anlagen investieren. In Nordeuropa kennt Fuchs „keinen, der da einsteigt“.

Ein Grund, dass Getränkehersteller und andere Zuckerverwender trotz des Kostenvorteils vor einem Wechsel zurückschrecken, dürfte nach seiner Einschätzung eine Geschmacksveränderung der Produkte durch den Einsatz von Isoglukose sein. Zudem sei der Süßungsgrad bei Isoglukose um 10 Prozent geringer als bei Zucker aus Rüben, sodass ein höherer Rohstoffeinsatz nötig sei.

Trotzdem bestreitet Fuchs nicht, dass es auch Nordzucker mit einer „echten Konkurrenz“ zu tun bekommt, die „margenbeißend“ wirken werde. „Das geht voll gegen den Zucker.“ Ob es da ausreichen wird, die Produktionskosten noch weiter zu drücken, wie es Fuchs ankündigt, ist nicht sicher. Mit jährlich 90 bis 95 Millionen Euro will Nordzucker bis Ende 2017 seine Fabriken effizienter machen. Selbst in die Isoglukoseproduktion einzusteigen, schließt der Konzernchef kategorisch aus. Noch.

Süße aus Weizen und Mais

Nicht nur aus der Zuckerrübe lässt sich Süße gewinnen. Stärkezucker aus Mais oder auch aus Weizen, Isoglukose genannt, erfüllt den gleichen Zweck. Die Isoglukose wird als Sirup verwendet, daher rührt der Name Maissirup, wie es auf der Website von zuckerinfo.de heißt. Enzyme spalten die Maisstärke auf und wandeln dann Glukose in Fruktose um. Vor allem in den USA wird der Stärkezucker seit den achtziger Jahren in großen Mengen bei der Herstellung von Limonaden und Erfrischungsgetränken verwendet. In Europa verhindert dies bislang die EU-Zuckermarktordnung, die auch die Produktion von Isoglukose durch eine Quote beschränkt. Das ändert sich 2017, wenn die Zuckermarktordnung samt Quoten wegfällt.

08.05.2014
07.05.2014