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Deutschland / Weltweit Weselsky will mit Streiks einheitliche Löhne durchsetzen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Weselsky will mit Streiks einheitliche Löhne durchsetzen
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21:22 08.03.2011
Claus Weselsky. Quelle: dpa
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Nach dem Winterchaos bei der Deutschen Bahn (DB) will die GDL den Fahrgästen nun ein Streikchaos bescheren. Halten Sie das für zumutbar?

Klar ist doch: Das Winterchaos hat die DB-Spitze zu verantworten, nicht die GDL. Die Ursachen dafür sind krasses Missmanagement und der frühere radikale Renditekurs des Staatskonzerns, gegen den wir immer gekämpft haben. Was die DB inzwischen anbietet, zum Beispiel bei der S-Bahn Berlin, ist eine einzige Zumutung. Im Sommer fallen Züge wegen Hitze aus, im Winter wegen Kälte. Dafür muss man sich schämen.

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Und die GDL sorgt mit Streiks nun für das nächste Chaos …

Wer uns das vorwirft, liegt falsch. Die GDL setzt sich für faire Bezahlung im Schienenverkehr ein und lehnt Dum- pinglöhne ab. Dafür werden wir auch streiken, wenn man uns faktisch dazu zwingt. Das ist unser gutes Recht – und diese beiden Dinge wissen die Bahnkunden auch zu trennen.

Wann sollen die Streiks beginnen?

Noch diese Woche. Wir werden die Öffentlichkeit wie bei den Warnstreiks spätestens zwölf Stunden vorher informieren. Unsere Mitglieder sind zum Arbeitskampf entschlossen, das zeigt die sehr hohe Zustimmung bei der Urabstimmung von 92 Prozent bei der DB und 96 Prozent bei den DB-Konkurrenten. Wir wollen aber mit Streiks nicht die Bahnkunden treffen, sondern die Unternehmen, die faire Bezahlung der Lokführer verweigern. Deshalb werden sich die ersten Aktionen auch auf den Güterverkehr konzentrieren.

Die DB beklagt, dass sie völlig unberechtigt in den Arbeitskampf hineingezogen und in Geiselhaft genommen werde. Warum bestreiken Sie den Konzern, wenn es darum geht, bei den DB-Konkurrenten höhere Löhne durchzusetzen?

Es ist für mich unfassbar, dass solche Märchen der DB überall aufgegriffen und weitergegeben werden. Fakt ist: Die GDL führte auch mit der DB ganz normale Tarifverhandlungen, die für gescheitert erklärt wurden. Wir fordern von der DB 5 Prozent höhere Löhne für 2011 beim Haustarifvertrag sowie die Unterschrift unter einen Flächentarifvertrag, der dieses Lohnniveau für die Lokführer in der gesamten Branche garantiert. Die DB lehnt beide Forderungen ab – und zwingt uns damit in den Streik. Das hat mit Geiselhaft überhaupt nichts zu tun.

Die DB behauptet aber, sie habe die Forderungen der GDL erfüllt …

Wäre das so, dürften und würden wir den Konzern nicht bestreiken. Die DB will uns aber mit einer geringen Lohnerhöhung abspeisen. Und das, obwohl die Geschäfte sehr gut laufen, voriges Jahr fast 2 Milliarden Euro Gewinn erzielt wurden und Lokführer mit im Schnitt rund 2700 Euro Monatsgehalt alles andere als Spitzenverdiener sind. Das werden wir nicht hinnehmen.

Die Gewerkschaft EVG hat aber schon vor Wochen einen Branchentarifvertrag für den Regionalverkehr unterzeichnet. Warum ist die GDL so störrisch?

Dieser Vertrag ist für uns völlig inakzeptabel. Die Vereinbarung erlaubt den DB-Konkurrenten, auch künftig faktisch 6,5 Prozent weniger Lohn als der Marktführer zu zahlen. Warum aber sollen Beschäftigte dort für die gleiche Arbeit weniger verdienen? Zudem wurden bei der DB nur Lohnzuschläge von 1,8 Prozent und 2 Prozent für 2011 und 2012 vereinbart. Die EVG mag das ihren Mitgliedern als Erfolg verkaufen. Wir werden so etwas nicht unterschreiben.

Auch aus der Politik kommt bereits Kritik, die GDL verfolge egoistische Ziele einer Spartengewerkschaft und wolle für ein paar Euro mehr die Republik lahm legen. Fürchten Sie nicht, dass Sie bald öffentlich am Pranger stehen?

Nein. Wir wissen, dass in den Hinterzimmern der Regierung und der Arbeitgeber längst Strategien gezimmert werden, um ungeliebten Spartengewerkschaften wie der GDL oder der Pilotenvereinigung Cockpit die Existenzbe- rechtigung zu entziehen. Das sähen ja auch Großgewerkschaften gerne, die ebenfalls auf wieder gesetzlich geregelte Tarifeinheit in Unternehmen pochen. Vergessen wird dabei, dass die Koalitionsfreiheit im Grundgesetz festgeschrieben ist.

Der letzte Arbeitskampf der Lokführer hat mehr als ein Jahr gedauert und sorgte monatelang für Aufregung. Hält die GDL so etwas nochmals aus?

Unser Ziel ist nicht ein langer Streik, sondern eine rasche, faire Einigung. Aber wenn wir dafür kämpfen müssen, werden wir kämpfen. Wie gut sich unsere Mitglieder durch die GDL vertreten sehen, hat die Urabstimmung mit mehr als 80 Prozent Wahlbeteiligung ja gerade wieder eindrucksvoll gezeigt. Unsere Lokführer sind entschlossen und stehen hinter uns. Die Streikkasse ist gut gefüllt – und wird viel länger reichen, als es den Unternehmen lieb sein kann.

Interview: Thomas Wüpper

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