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Deutschland / Weltweit Windbranche will Netzausbau selbst vorantreiben
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Windbranche will Netzausbau selbst vorantreiben
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15:04 24.04.2012
Die Windkraftbranche drückt aufs Tempo und will einen Teil des Netzausbaus übernehmen.
Die Windkraftbranche drückt aufs Tempo und will einen Teil des Netzausbaus übernehmen. Quelle: dpa (Archivbild)
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Hannover

Die Windkraftbranche will einen Teil des weiterhin stockenden Netzausbaus in Deutschland in die eigene Hand nehmen und den erneuerbaren Energien so zusätzlichen Schub verleihen. Der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers, forderte die Bundesregierung am Dienstag am Rande der Hannover Messe auf, ein Konzept zur Finanzierung und rechtlichen Absicherung für den Bau sogenannter Einspeisenetze zu entwickeln.

Diese lokalen Teilnetze könnten die Stromerzeugung einzelner Anlagen oder Windparks bündeln und Schnittstellen zu überregionalen Übertragungsnetzen bilden, erklärte Albers. So lasse sich auch die zu geringe Kapazität bestehender Verteilernetze relativ rasch ergänzen.

Eine vom Verband in Auftrag gegebene Studie der Beratungsfirma Ecofys habe entsprechende Einsparpotenziale sowie eine Beschleunigung des Netzausbaus durch eigene Einspeisenetze der Anlagenbetreiber angedeutet, sagte der BWE-Chef: „Es gibt nichts Günstigeres, als solche Puffer zu bilden, in denen man das Netz ausbaut.“ Dies liege auch daran, dass dabei nicht - wie bei großen Netzen - teure Reservekapazitäten für Ausfälle bereitgehalten werden müssen.

Zur Finanzierung empfiehlt der Verband ein Modell, das den bisherigen Netzentgelten ähnelt, die Betreiber großer Netze von den Nutzern erhalten. „Wir fordern die Bundesregierung auf, einen Mechanismus der Netzumlage einzuführen“, sagte Albers. „Die rechtlichen Möglichkeiten hierfür sollten geklärt werden“, fügte Ecofys-Experte Marco Nicolosi hinzu.

Jörg Müller, Chef des brandenburgischen Betreibers Enertrag, warb ebenfalls für die Alternative lokaler Einspeisenetze. Sie seien „eine unabdingbare Voraussetzung, um die Energiewende zum Erfolg zu führen“, sagte der Manager, dessen Unternehmen bereits ein 250 Kilometer langes Einspeisnetz aufgebaut hat. Der BWE glaubt, dass sich mit Hilfe der Technologie die Akzeptanz neuer Stromleitungen in der Bevölkerung verbessern lässt. „Wir gehen davon aus, dass in diesem Bereich überwiegend Erdkabel eingesetzt werden“, sagte Albers.

Grundsätzlich verlaufe der Netzausbau in der Bundesrepublik zu schleppend, etliche Windkraftunternehmen würden bereits darunter leiden und müssten Anlagen abschalten: „Ein Jahr nach Fukushima geht es uns nicht unbedingt besser“, berichtete Albers. Der für dieses Jahr geplante Kapazitätsausbau in der Windkraft um weitere 2000 bis 2300 Megawatt bleibe hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. Beim für Anfang Mai geplanten „Kraftwerksgipfel“ im Kanzleramt will Albers nicht fehlen - wartet aber noch auf eine Einladung: „Ich würde empfehlen, dass wir bei Fragen der Netzausbaus mit am Tisch sitzen.“

Auch der Ausbau der Hochspannungsnetze sei erforderlich, räumte der BWE-Chef ein. Der erste Teil eines Ultra-Netzes zur Stromübertragung von Nord- nach Süddeutschland soll bis spätestens 2019 entstehen. Dazu wollen die Netzbetreiber Amprion und Transnet BW eine 430 Kilometer lange Gleichstrom-Hochspannungsleitung zwischen dem Niederrhein und Baden-Württemberg installieren.

Mit Blick auf die wachsende Konkurrenz aus China gab sich Albers gelassen: „Ich glaube, dass die europäische und deutsche Windindustrie hervorragend aufgestellt ist.“ Das Vordringen von mittlerweile fünf chinesischen Anbietern unter die weltweiten Top Ten liege vor allem an der immensen Größe des chinesischen Heimatmarktes. „Es ist klar, dass die Chinesen da ihre Stärken ausspielen.“

Nach Einschätzung des TÜV Rheinland droht deutschen Windradbauern dagegen ein ähnlicher Niedergang wie der unter asiatischer Billigkonkurrenz leidenden Solarindustrie. „In China wächst eine Windkraftindustrie heran. In der Technologie liegt sie einige Jahre zurück, aber die Produkte sind jetzt schon wirtschaftlich“, sagte TÜV-Chef Manfred Bayerlein der „Financial Times Deutschland“.

Aus Müllers Sicht dürfte dennoch der schwierige Transport die Exportchancen chinesischer Anbieter in Europa schmälern - anders als in der Photovoltaik: „Windkraftanlagen sind Schwersttransporte. Es macht keinen Sinn, die über einen ganzen Kontinent zu fahren.“

st/dpa

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