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Niedersachsen Kehrtwende bei Branchenriese: „Maximierung des Gewinns ist nicht unser Markenkern“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Kehrtwende bei Branchenriese: „Maximierung des Gewinns ist nicht unser Markenkern“
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20:08 09.10.2019
„Angesichts unserer schmalen Händlermarge dürfen wir keine Fehler machen“: Der Handel mit Tierfutter ist eines der Kerngeschäftsfelder von Agravis.   Quelle: Oliver Krato/dpa
Hannover

Wer ein Unternehmen unter dem Slogan „Hanse“ neu ausrichten will, weckt gewisse Erwartungen: In seiner Blütezeit gehörten dem gleichnamigen Städtebund fast 200 Handelsplätze in 16 Ländern an. Eine Art europäischer Binnenmarkt wie einst im Mittelalter hatte offenbar auch Andreas Rickmers im Blick, als er den Agrarhändler Agravis auf einen anderen Kurs führen wollte: „Mit Hanse setzen wir uns ambitionierte Wachstumsziele, die deutlich über die aktuellen Umsatz- und Renditeziele der Mittelfristplanung hinausgehen“, verkündete der damalige Agravis-Vorstandschef im Sommer vergangenen Jahres.

Ziele von Vorgänger Rickmers waren „zu wolkig“

Inzwischen ist beides Vergangenheit: Rickmers musste Ende Februar gehen, weil seine Ziele den Anteilseignern „zugleich zu ambitioniert und zu wolkig waren“, wie es im Unternehmen heißt. Auch vom raumgreifenden Konzept einer „Hanse“ hat sein Nachfolger wieder Abstand genommen: „Der Schwerpunkt unserer Aktivitäten liegt zwischen Holland und Polen“, sagt Dirk Köckler. „Unser Auftrag ist die Versorgung der Mitglieder und nicht die Maximierung des Gewinns – das ist unser Markenkern.“ Der 52-Jährige ist der ältere Bruder des Chefs der Deutschen Messe, Jochen Köckler. Beide stammen aus einer Landwirtschaftsfamilie aus dem westfälischen Hamm.

„Wir dürfen keine Fehler machen“

Der Konzern ist 2004 aus dem Zusammenschluss der Raiffeisen Hauptgenossenschaft Nord in Hannover und der Raiffeisen Central-Genossenschaft Nordwest in Münster entstanden – in beiden Städten unterhält Agravis jeweils eine Zentrale. Mit mehr als 6500 Mitarbeitern hat das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Umsatz von 6,6 Milliarden Euro erwirtschaftet. Der operative Gewinn (Ebit) lag bei 81 Millionen Euro, vor Steuern blieben davon rund 30 Millionen Euro übrig, unter dem Strich waren es rund 18 Millionen Euro. „Angesichts unserer schmalen Händlermarge dürfen wir keine Fehler machen“, sagt Köckler. Das Ziel seien stabile Vorsteuer-Ergebnisse zwischen 30 und 50 Millionen Euro: „Mehr Spielraum ist nicht da.“

„Der Schwerpunkt unserer Aktivitäten liegt zwischen Holland und Polen“: Agravis-Chef Dirk Köckler sieht sich vor allem als Dienstleister für Genossenschaften und Landwirte. Quelle: Samantha Franson

Handel mit Ölsaat, Futter und Maschinen

Agravis ist in fünf Kerngeschäftsfeldern aktiv: Der Handel mit Getreide, Ölsaaten und Futterrohstoffen, die Tiersparte mit Misch- und Spezialfutter sowie der Tiergesundheit und der Technik-Bereich – hier ist der Verkauf und die Vermietung von neuen und gebrauchten Landmaschinen gebündelt – machen rund 70 Prozent des Umsatzes aus. Darüber hinaus tritt der Konzern als Händler von Energie, Baustoffen und als Nahversorger im ländlichen Raum mit Raiffeisen-Märkten auf.

Nummer zwei der Branche

Hinter der Baywa ist Agravis die Nummer zwei der Branche in Deutschland. „Wir verstehen uns aber nicht als Großkonzern, sondern wollen unseren Kunden auf Augenhöhe begegnen“, sagt Köckler.

Agravis betreibt 60 Märkte und mehr als 90 Tankstellen

Agravis beliefert als Großhandelspartner die Raiffeisen-Genossenschaften vor Ort, aber auch einzelne Landwirte direkt – ein Drittel des Umsatzes stammt aus dem Geschäft mit der Industrie, den Mühlen sowie dem Export. Mehr als 400 eigene Standorte gehören zur Agravis – 60 Raiffeisen-Märkte und mehr als 90 Tankstellen betreibt der Konzern selbst. „Am Ende entscheidet auch bei uns der Kunde“, sagt Köckler. „Wir müssen den Landwirten und den Genossenschaften das Richtige bieten.“ Das müsse nicht immer nur der beste Preis sein – entscheidend sei das Gesamtpaket aus Leistung, Liefersicherheit, Beratung und Verlässlichkeit.

Die Zahl der Bauernhöfe wird sich mehr als halbieren

Zuletzt hat das Geschäft unter der Dürre gelitten – doch neben den Folgen des Klimawandels macht dem Konzern vor allem die Konsolidierung in der Branche zu schaffen. Von den aktuell 250.000 landwirtschaftlichen Betrieben werde in 20 Jahren weniger als die Hälfte übrig sein, sagen Studien voraus. Demnach werden immer größere und kapitalstarke Agrarunternehmen den Markt prägen und weniger der bäuerliche Familienbetrieb. „Wenn sich das Umfeld so verändert, dürfen wir nicht stehen bleiben“, sagt Köckler. Noch unterhält Agravis rund 400 Standorte, darunter 130 Werkstätten für Landtechnik. Wie lange sich der Konzern eine solche Präsenz leisten könne, sei ungewiss.

Umzug aufs Land: 150 Mitarbeiter sollen d Quelle: Samantha Franson

Die Zentrale in der hannoverschen Plathnerstraße will Agravis in ein bis zwei Jahren räumen und mit 150 Mitarbeitern in einen Neubau neben dem Saatgut-Zentrallager in Isernhagen ziehen. Zum einen spare der Konzern dadurch die Miete im Zooviertel, zum anderen rücke man näher ans operative Geschäft, heißt es: „Kürzere Wege – bessere Abstimmung.“

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Von Jens Heitmann

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