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Niedersachsen Aufsichtsratsmitglieder von Nordzucker haben zu viel Sitzungsgeld kassiert
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Aufsichtsratsmitglieder von Nordzucker haben zu viel Sitzungsgeld kassiert
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19:22 23.03.2011
Von Carola Böse-Fischer
Aufsichtsratsmitglieder bei Nordzucker haben in die Konzernkasse gegriffen. Quelle: dpa
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Kleinaktionäre, die ihr Unternehmen kritisch unter die Lupe nehmen, gibt es viele. Nur wenigen gelingt es, einen Stein ins Rollen zu bringen, der sogar eine Lawine auslöst. Bei der Braunschweiger Nordzucker ist das geschehen.

Im vergangenen Juli rechnete ein Aktionär auf der Hauptversammlung der Nordzucker Holding, mit 76,23 Prozent größte Anteileignerin des Nordzucker-Konzerns, vor, dass sich seine Aufsichtsräte über Jahre zu viele Sitzungsgelder genehmigt und damit Vermögen der Gesellschaft „veruntreut“ hätten. Konsequent stellte er den Antrag, die Holding solle dem Aufsichtsrat der Nordzucker AG die Entlastung verweigern.

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Damit hatte der Aktionär in ein Wespennest gestochen. Helle Empörung sei ihm entgegengeschlagen, berichtet er. Die Kontrolleure hätten einen großen Teil ihrer (Frei-)Zeit für das Unternehmen verwandt, sei ihm beschieden worden. Wer das anzweifele, sei ein Nestbeschmutzer. Von Unrechtsbewusstsein keine Spur, sagt der Aktionär. Die „strafrechtliche Brisanz ihres Griffs in die Konzernkasse“ sei den Betroffenen gar nicht klar gewesen. Sein Antrag wurde „abgeschmettert“, die Sache schien erledigt.

Das gilt allerdings nicht für den Vorstand um Konzernchef Hartwig Fuchs, der erst gut fünf Monate im Amt war. „Wir hatten keine Wahl“, erklärt Fuchs. Nach dem Aktiengesetz sei der Vorstand verpflichtet, das Vermögen der Gesellschaft zu schützen. Fuchs ließ die Vergütungspraxis des Aufsichtsrats von einer „in aktienrechtlichen Fragen erfahrenen Anwaltskanzlei“ in Hamburg gleich für die vergangenen zehn Geschäftsjahre überprüfen. Das wäre schon die Pflicht früherer Vorstände gewesen, betont der Konzernchef, der – selbst unbelastet – nun die heikle Altlast beseitigen muss.

Das Ergebnis der Experten bestätigte die Recherche des kritischen Aktionärs: 45 ehemalige und amtierende Aufsichtsräte von Nordzucker haben in den vergangenen zehn Jahren mehr Sitzungsgelder eingestrichen, als ihnen laut Satzung zustanden. Pro Jahr seien von den Aufsichtsräten etwa 35.000 Euro zu viel abgerechnet worden, insgesamt rund 380.000 Euro, berichtet der Nordzucker-Chef.

Um reinen Tisch zu machen, haben auch die Anteilseigner Nordzucker Holding und Nordharzer Zucker ihre Vergütungspraxis überprüfen lassen. Insgesamt hätten hier 55 Personen zu viel Sitzungsgeld abgerechnet. Zur Höhe dieser Summe wollte sich Fuchs nicht äußern.

Mit dem Sitzungsgeld wird die Teilnahme an den Treffen des Aufsichtsrats und seiner Ausschüsse vergütet. Bis 2009 waren das 150 Euro pro Sitzung. Die Aufsichtsräte kassierten aber auch, wenn sie an Verbandstagungen oder „Beerdigungen“ teilnahmen, wie es heißt. Wenn sie mehrere Termine am Tag wahrnahmen, wurden demnach sogar mehrfach Sitzungsgelder abgerechnet.

So ist es zu erklären, dass Aufsichtsratschef Harald Isermeyer etwa im Geschäftsjahr 2008/09 neben einer Festvergütung von 26.000 Euro und einer von der Dividende abhängigen variablen Vergütung von 1796,88 Euro Sitzungsgelder von 19.050 Euro einstrich, wie im Geschäftsbericht nachzulesen ist. Das entspricht 127 Tagen, an denen der Agrarunternehmer aus Vorhof bei Gifhorn „im Dienst“ des Konzerns war. Wer ein Drittel des Jahres dafür aufwende, scheine mit dem Amt des Chefkontrolleurs überfordert zu sein, sagen Brancheninsider süffisant.

Fuchs spricht lieber vom „Systemfehler“ in den Abrechnungen. Zudem hätten bereits alle amtierenden Aufsichtsräte die zu viel kassierten Gelder zurückgezahlt, betont der Vorstandschef.

Das hätten sie kaum getan, wenn sie ein sauberes Gewissen gehabt hätten, meint ein Rübenanbauer. Dass sie genau gewusst hätten, was sie taten, zeige überdies die vom Aufsichtsrat initiierte Satzungsänderung, die auf der Hauptversammlung 2009 beschlossen wurde. Damit sei die „illegale Selbstbedienungspraxis“ für die Zukunft „legalisiert“ worden. Normal abgerechnet werden dürfen seither auch alle Termine, die mit der Aufsichtsratstätigkeit nichts zu tun haben. Zugleich wurde die Vergütung auf 300 Euro pro Sitzung erhöht.

Dadurch hat sich das Sitzungsgeld für Aufsichtsratschef Isermeyer laut Geschäftsbericht für 2009/10 mit 42.300 Euro mehr als verdoppelt und ist sogar noch höher als die um 50 Prozent aufgestockte feste Vergütung von 39.000 Euro. Insgesamt erhielt Isermeyer 81.300 Euro, verglichen mit 46.846,88 im Jahr zuvor. Für den Vorsitzenden des Finanzausschusses, den Landwirt Henning Hansen-Hogrefe, dessen feste Vergütung unverändert 19.500 Euro betrug, erhöhte sich das Sitzungsgeld von 5700 auf 13.050 Euro.

Isermeyers Stellvertreter, der Landwirt Helmut Meyer, bekam neben der Festvergütung von 19.500 Euro 9300 Euro Sitzungsgeld, nach 4500 Euro 2008/09. Es gab aber auch Aufsichtsräte, etwa externe, die „korrekt“ abrechneten, wie der Aktionär sagt.

Trotz Rückzahlung sind die Aufsichtsräte nicht aus dem Schneider. Nach einer Strafanzeige gegen die betroffenen Kontrolleure hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig Verfahren wegen Untreue gegen über 30 Beschuldigte eingeleitet. Ein Drittel der Fälle sei wegen geringen Verschuldens eingestellt worden, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. In den anderen Fällen werde derzeit geklärt, ob ein „hinreichender Tatverdacht“ bestehe. Ergebe sich dies, werde Anklage erhoben. Käme es zu einer Verurteilung, könne den Betroffenen eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren drohen.

Als Kavaliersdelikt könne der Griff in die Konzernkasse mithin nicht abgetan werden, meinen Branchenkenner. Vom Imageschaden für den Konzern ganz zu schweigen. Eigentlich müsse sich Nordzucker einen neuen, unbelasteten Aufsichtsrat suchen.

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