Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Niedersachsen Bauernpräsident Rukwied: „Gentechnikfrei ist Illusion“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Bauernpräsident Rukwied: „Gentechnikfrei ist Illusion“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 18.01.2013
 „Lebensmittel sind in Deutschland sehr günstig zu bekommen“, so Bauernpräsident Joachim Rukwied. Quelle: Handout
Anzeige
Hannover

Herr Rukwied, wozu braucht man eine Grüne Woche, die der Berliner liebevoll „längste Fresstheke der Welt“ nennt? Politische Gespräche könnten Sie auch ohne Agrarmesse führen.

Die Grüne Woche in Berlin hat nicht nur eine jahrzehntelange Tradition für die deutsche und internationale Agrar- und Lebensmittelbranche und für die Politik, sondern sie ist zugleich eine einzigartige Präsentation der Vielfalt unserer Produkte für die Verbraucher. Sie ist heute aktueller und notwendiger denn je.

Anzeige

Werden Sie den Verbrauchern sagen, um wie viel die Lebensmittelpreise in diesem Jahr steigen werden?

Lebensmittel sind in Deutschland sehr günstig zu bekommen. Die stabilen Preise waren jahrzehntelang eine Inflationsbremse. Gerade mal 11 Prozent seines Einkommens gibt der Durchschnittshaushalt für Essen und Trinken aus. Dafür bekommt er Produkte höchster Qualität frisch auf den Tisch. Marktexperten erwarten in diesem Jahr einen leichten Anstieg bei den Agrarrohstoffen, was zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise von etwa 3 Prozent führen kann. Selbst wenn der Anstieg damit einen Tick über der allgemeinen Inflationsrate liegen sollte, ist das nichts Beunruhigendes.

Ärgert es Sie, wenn etwa Joghurt, Milch und andere Produkte verramscht werden?

Ja, natürlich ärgert es jeden Landwirt, wenn seine Produkte unter Wert verkauft werden. Das ist nicht nur aus Sicht der Landwirte schwer zu ertragen.

Was tut der Bauernverband dagegen, dass gute Erzeugnisse nach dem Motto Billig-Billig verhökert werden?

Eine wirksame Möglichkeit, dagegen vorzugehen, ist das Gesetz, das den Verkauf unter dem sogenannten Einstandspreis verbietet. Das muss allerdings überall durchgeführt werden.

Gentechnisch veränderte Pflanzen kommen mit weniger Wasser aus oder brauchen keine Pestizide. Warum sollen deutsche Bauern auf diese Vorteile verzichten?

Aufgrund der strengen Haftungsregeln für gentechnisch veränderte Pflanzen raten wir von ihrem Anbau in Deutschland ab. Er findet auch nicht statt, im Gegensatz zu anderen Regionen der Welt. Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Verbraucher keine gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmittel haben will. Es gibt also für uns Bauern keinen Grund, solche Pflanzen anzubauen.

Aber ist über Gensoja oder -mais in Futtermitteln nicht längst die Hintertür geöffnet?

In Futtermitteln dürfen solche Produkte verwendet werden, denn sie sind im Endprodukt nicht mehr nachweisbar. Bei der Herstellung vieler Lebensmittel werden zudem gentechnisch hergestellte Enzyme verwendet. Ein völlig gentechnikfreies Lebensmittelregal gibt es also heute nicht mehr.

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner propagiert doch aber ein gentechnikfreies Land?

Ich halte das für eine Illusion. Weltweit wachsen die Flächen für den Anbau solcher Pflanzen stürmisch an. Es bleibt eine spannende Frage, ob sich die EU und damit vor allem Deutschland auf Dauer diesem Trend entziehen können.

Trotz wütender Anwohnerproteste werden in Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern riesige Schweine- und Hühnerbetriebe gebaut. Haben die Investoren recht oder die Anwohner, die gegen die Belästigungen protestieren?

Grundsätzlich muss landwirtschaftliche Entwicklung möglich sein, egal an welchem Standort. Schon um im künftigen Wettbewerb bestehen zu können. Ich trete allerdings auch dafür ein, solche Großanlagen an die jeweils örtlichen Gegebenheiten anzupassen und gesellschaftliches Einvernehmen herzustellen. Anwohner dürfen nicht über Gebühr beeinträchtigt werden, sondern sollten frühzeitig einbezogen werden. Das ist freilich nicht immer einfach zu bewerkstelligen.

Aber gerade in Großanlagen mit vielen Tausend Tieren werden massenhaft Antibiotika eingesetzt, gegen die viele Krankheitserreger auch beim Menschen Resistenzen zeigen. Wird nicht einfach zu viel verabreicht?

Das kann man so nicht schlussfolgern. Wir haben ein Monitoring begonnen. Erste Auswertungen zeigen, ob viel oder weniger Antibiotika – es hängt von vielen Faktoren ab wie auch Stallbau, Herkunft der Tiere oder Management.

Bedeutet die Energiewende in der Landwirtschaft noch mehr Maisanbau für Biogasanlagen?

Die Energiewende bringt für die deutschen Landwirte enorme Chancen, aber auch Belastungen durch erhöhte Energiepreise. Im Moment geht die Bautätigkeit für Biogasanlagen zurück. Und 22 Prozent Maisanbau auf den Feldern sind kein Problem. Wir haben nach wie vor echte Fruchtfolgen und damit Biodiversität.

Wie beantworten Sie die Frage: Tank oder Teller, Landwirtschaftsprodukte für die Energieerzeugung oder die menschliche Ernährung?

Wir können beides. Nehmen wir den Rapsanbau, bei dem parallel zur Treibstoffproduktion ein Eiweißfuttermittel entsteht, das den Import von 2 Millionen Tonnen Soja ersetzt. Ein Hektar angebauter Zuckerrüben für Bioethanol liefert uns so viel Futtermittel wie rund 1,2 Hektar Soja in Südamerika.

Und was kommt bei Ihnen privat auf den Tisch: Tofu oder Steak?

Ich liebe es abwechslungsreich. Gerne auch mal ein Steak.

Interview: Reinhard Zweigler

Jens Heitmann 18.01.2013
Niedersachsen Investor verliert Interesse - Siag Nordseewerke stehen vor dem Aus
Jens Heitmann 17.01.2013