Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Niedersachsen Berater verdienen gutes Geld bei Nordseewerken
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Berater verdienen gutes Geld bei Nordseewerken
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 18.01.2013
Von Jens Heitmann
Bei der Kiellegung des ersten Tripoden war man in Emden noch optimistisch - doch der Bau der Fundamente überforderte die Nordseewerke. Quelle: dpa
Anzeige
Emden

Ende Februar 2012 ahnen auch die Kontrolleure der Nord/LB, dass der „Fish“ stinkt. Unter diesem Projektnamen läuft bei der Landesbank in Hannover der Versuch, eine Emder Marinewerft in einen Zulieferer für die Windkraftindustrie zu verwandeln. Die Kredite von 70 Millionen Euro waren im eigenen Hause nicht unumstritten – erst eine Landesbürgschaft über 50 Millionen hatte seinerzeit den Weg frei gemacht.

Doch nun dämmert den Bankern, dass es bei den Siag Nordseewerken nicht so läuft wie erwartet: Von Juli bis November seien die üblichen monatlichen Lageberichte nicht fristgerecht eingegangen, beklagt die Nord/LB in einem Brief an die Geschäftsleitung. Inzwischen haben die Banker auch einen Verdacht, warum die Zahlen aus Emden so zögerlich übermittelt wurden: Sie sind miserabel. Mit
23 Millionen Euro ist der Verlust 2011 dort zehnmal höher ausgefallen als geplant. Damit sei die Fähigkeit des Unternehmens, seine „Verpflichtungen unter dem Kreditvertrag zu erfüllen, infrage gestellt“, konstatieren die Banker trocken.

Anzeige

Ende trotz bester Branchenperspektiven

Mit anderen Worten: Bereits acht Monate vor dem Insolvenzantrag der Siag Nordseewerke im Oktober 2012 ist den Bankern in Hannover klar, dass sich am Emder Zungenkai hundert Jahre Industriegeschichte dem Ende zuneigen – und das, obwohl die Perspektiven für die Branche kaum besser sein könnten: 170 Windparks mit 16.000 Anlagen sind in Planung; rund 18 Milliarden Euro Umsatz seien hier für die deutschen Werften zu holen, heißt es beim Schiffbauverband VSM.

Doch das setzt eben ein gewisses Know-how voraus – und daran fehlt es bei den Nordseewerken offenbar von Anfang an. „Diese Schiffbauer haben nie verstanden, wie eine Serienfertigung laufen muss“, sagt ein Aufsichtsratsmitglied. Als der Stahlbauer Siag Schaaf im März 2010 die Nordseewerke mehrheitlich von ThyssenKrupp übernimmt, sieht der Businessplan so aus: Parallel mit dem Auslaufen der letzten Marine-Aufträge soll die Produktion von Komponenten für die Energiewende hochgefahren werden: Türme und Fundamente für die Windkraftanlagen auf hoher See sowie Umspannplattformen.

Ehrgeizige Ziele

„Zukunft ist die Weitergabe des Feuers, nicht das Betrauern der Asche“, ist die erste PR-Botschaft aus Emden im März 2010 überschrieben – und entsprechend ehrgeizig klingen die Ziele: Der Umsatz soll sich bis 2013 auf 220 Millionen Euro mehr als verzwanzigfachen, aus einem Verlust von 9 Millionen Euro soll ein Gewinn von 16 Millionen Euro werden: „Der Markt für Offshore-Windenergieanlagen steht vor seinem Durchbruch aus der Prototypenfertigung in einen Serienmarkt.“

Die Auftragslage scheint diesen Optimismus zu rechtfertigen: Die Nordseewerke sollten 40 Fundamente für den Windpark Global Tech 1 bauen, 58 Türme für Offshore-Windkraftanlagen sowie eine Umspannplattform – insgesamt beläuft sich das Volumen auf mehr als 200 Millionen Euro. „Im Spätsommer 2011 hätte die Produktion eigentlich starten können“, berichtet ein Insider.

Bleche fallen durch Qualitätsprüfung

Es kommt anders. Noch bevor die Arbeiten beginnen können, stockt die Produktion bereits: Die für den Bau der Tripoden eingekauften Bleche fallen durch die Qualitätsprüfung – aber nicht wegen Mängeln am Material, sondern weil das Management für die Prüfung Normen aus dem Schiffbau („S-2“) ansetzt und nicht die für diesen Zweck nötigen „S-0“Kriterien. Allein das habe den Fertigungsbeginn um vier Wochen verzögert, heißt es in Emden.

Rasch offenbaren sich weitere Defizite im Aufbau der neuen Produktionslinien. Während in einzelnen Abschnitten die Umstellung wie geplant vorangeht und die Arbeitsabläufe an Effizienz gewinnen, passiert in anderen Bereichen wenig. Als besonderer Schwachpunkt gilt die Zentralrohrfertigung: Immer wieder kommt es zu Stockungen und Staus – zuweilen sei nicht einmal das nötige Arbeitsgerät vorhanden gewesen, berichten Mitarbeiter. So habe es etwa an Schweißdüsen und Beleuchtung gemangelt.

Erste Berater kommen im Dezember 2011

Aus der Geschäftsführung stemmt sich augenscheinlich niemand gegen das
Chaos, im Gegenteil: Verbesserungsvorschläge aus der Belegschaft habe das
 Management nicht angenommen, monieren Gutachter später. „Diese Verzögerungen im Geschäftsaufbau haben dazu geführt, dass weiterhin wesentliche Defizite in Fertigung, Projektmanagement und kaufmännischer Steuerung bestehen“, heißt es etwa in einem Sanierungsgutachten der Beratungsgesellschaft FMC.

„Schon im Herbst 2011 war eigentlich klar, dass die Umwandlung der Werft so nicht gelingen kann“, sagt ein Aufsichtsrat. Hilfe erhofft man sich in Emden nun von außen: Im Dezember 2011 kommen die ersten Berater an Bord. Kurz darauf muss der technische Geschäftsführer der Nordseewerke gehen, wenige Tage später auch der Finanzchef der Muttergesellschaft Siag Schaaf – im Februar dann der Finanzgeschäftsführer der Emder Tochter.

Beraterin bekommt Spitzensalär

An seine Stelle tritt nun eine Beraterin mit einem Spitzensalär: 50.000 Euro im Monat plus Spesen in Höhe von 10.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer stellt „Struktur-Management-Partner“ (SMP) dafür in Rechnung – das ist etwa das Zehnfache dessen, was der alte Finanzmann bekommen hat. Für zusätzliche Berater habe SMP noch einmal an die 200.000 Euro berechnet, heißt es. Hinzu kommen 240.000 Euro für ein sogenanntes Ertragssteigerungskonzept.

Im April 2012 stellt sich in Emden ein Berater vor, den etliche Mitarbeiter bereits kennen – doch in anderer Funktion: Peter Görgen war bis zu deren Insolvenzantrag Ende März Vorstandsmitglied der Muttergesellschaft Siag Schaaf. Nun bekommt er bei den Nordseewerken einen Beratervertrag für 22.000 Euro monatlich plus Mehrwertsteuer. Unterschrieben ist dieser vom dortigen Geschäftsführer Tomas Marutz – auch er war ursprünglich Vorstandsmitglied bei Siag Schaaf und wurde dann nach Emden abgeordnet. Auch für Marutz bedeutet die Pleite des Mutterkonzerns keine Einbuße: Zum 1. Mai 2012 bekommt er einen Anstellungsvertrag als Geschäftsführer bei den Nordseewerken – zu den gleichen Konditionen, die Rede ist von 15.000 Euro im Monat.

Berater helfen Produktion nicht auf die Beine

Unterdessen beschleunigt sich der Absturz des Unternehmens. Was immer die Berater tun – der Produktion helfen sie offenbar nicht auf die Beine. Im April lässt sich die Nord/LB noch auf eine Stillhaltevereinbarung ein, weil die Gutachter von FMC den Nordseewerken einen Turnaround zutrauen und selbst im „Worst-Case-Szenario“ die bestehenden Kreditlinien angeblich bis September 2013 ausreichen.

In Emden geht das Geld jedoch schon Mitte Oktober 2012 aus. Nur wenn die Nord/LB „zusätzliche Kreditlinien von mindestens 32 Millionen Euro“ zur Verfügung stelle, sei die Pleite noch abzuwenden, heißt in einem Ultimatum der Geschäftsführung ans Wirtschaftsministerium in Hannover. Kurz darauf melden die Nordseewerke Insolvenz an.

Für die Umwandlung der Werft standen insgesamt mehr als 100 Millionen Euro zur Verfügung – 70 Millionen Euro von der Nord/LB, 32 Millionen Euro Anschubhilfe von ThyssenKrupp. Anstatt der geplanten 40 Fundamente für Offshore-Windkraftanlagen seien in Emden lediglich drei gebaut worden, heißt es, von 58 Türmen etwa ein Drittel.

Mehr zum Thema

Nach einem dramatischen Jahr hoffen die Siag Nordseewerke in Emden auf bessere Nachrichten. Die Investorensuche ist immer noch nicht abgeschlossen, aber es gibt ein erstes Kaufangebot.

15.12.2012

Mit einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) haben Mitarbeiter der insolventen Emder Siag Nordseewerke zur Rettung ihrer Arbeitsplätze aufgerufen.

02.11.2012

Die Arbeit bei den insolventen Emder Siag Nordseewerken ist vorerst bis zum Jahresende gesichert. Die ehemalige Großwerft und der Großkunde Global Tech in Hamburg haben sich am Mittwoch auf die Fortführung des laufenden Großauftrags geeinigt.

21.11.2012
Niedersachsen Investor verliert Interesse - Siag Nordseewerke stehen vor dem Aus
Jens Heitmann 17.01.2013
14.01.2013