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Niedersachsen Blaupunkt-Beschäftigte bangen um ihren Job
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18:55 07.07.2009
Die Bosch-Verwaltung in Hildesheim. Der Name Blaupunkt, der früher an dieser Stelle stand, ist bereits verschwunden. Quelle: Gossmann

Nicht nur, weil im Hildesheimer Wald Menschen sowohl für Bosch als auch für Blaupunkt arbeiten. Sondern auch, weil beide Unternehmen für die Einheimischen untrennbar miteinander verbunden waren.

Doch die Zeiten sind vorbei. Bosch hat die Marke Blaupunkt mit dem Handelsgeschäft und Komponenten wie Lautsprechern oder Antennen vor vier Monaten an den Finanzinvestor Aurelius abgegeben – mitsamt 300 Beschäftigten in Hildesheim. Die Zukunft ihrer Jobs ist unsicherer denn je, und für ihren alten Arbeitgeber haben sie nur Bitterkeit übrig: „Der Bosch hat uns verkauft“, sagt einer. „Die Kiste wird brachial gegen die Wand gefahren, die Leute werden mit einer Zermürbungstaktik unter Druck gesetzt. Jeder fragt sich, ob er heute noch drin ist“, berichtet ein anderer. Von einem „zweiten BenQ“ ist oft die Rede – jenem Fall, bei dem Siemens sein Handygeschäft an den taiwanesischen Konzern abgab, und der es später abwickelte.

Spätestens seit dieser Woche fühlen sich auch die Blaupunktler so. Denn einem Teil der Belegschaft hat Aurelius inzwischen nahegelegt, „anstelle einer ansonsten unvermeidbaren betriebsbedingten Kündigung“ für zwei Monate in eine bereits geschaffene Transferagentur (TA), danach für sechs oder zwölf Monate in eine Transfergesellschaft (TG) zu wechseln. Ein Mitarbeiter, der seit 32 Jahren bei Blaupunkt arbeitet und sich geweigert hatte, den Wechsel in die TA/TG mitzumachen, erhielt nun prompt die Kündigung, heißt es.

Anderen wurde mit Datum vom 1. Juli das „verbindliche“ Angebot unterbreitet, die Abfindungssumme nicht erst am Ende der Transferzeit zu bekommen, sondern „vorfällig“ – gegen einen Abschlag von 10 Prozent. Sofern die Angeschriebenen den Vertrag bis gestern unterzeichnet zurückgegeben haben. Zwar gilt bis Februar 2010 der nach Übernahmen übliche einjährige Kündigungsschutz. Doch gerade weil die Zukunft danach unklar ist, wird das Angebot in der Belegschaft als reines Druckmittel empfunden, sie möglichst schnell loszuwerden. Denn was Aurelius mit Blaupunkt vorhat, hatte Konzernchef Dirk Markus schon Ende vergangenen Jahres in einem Interview erklärt: „Das Kerngeschäft ist ein Sanierungsfall, aber Blaupunkt ist eine starke Marke, aus der wir mehr machen wollen.“ Denkbar seien etwa Lizensierungsmodelle, bei denen Aurelius anderen Herstellern die Markenrechte für bestimmte Produkte überlassen würde. Hildesheim hätte davon nicht viel.

Entsprechend groß war das Interesse, als sich rund 100 Betroffene am Montag abend vom hannoverschen Arbeitsrechtler Rolf Schaefer erklären ließen, wo nach seiner Ansicht die Fallstricke des Abfindungsangebots liegen: Die Wirksamkeit der Vereinbarung steht nämlich unter dem Vorbehalt, dass die TA bis spätestens 1. August, die TG bis 1. Oktober eingerichtet sind – beide Gesellschaften müssen von der Arbeitsagentur genehmigt werden, die den Hauptteil der Kosten trägt. Bleibt deren Zustimmung aus, „haben Sie also ohne Rechtsgrund Geld bekommen“, warnte Schaefer die Mitarbeiter.

Sonderbar sei auch der Vorbehalt einer „abschließenden Berechnung der Abfindung“. Der Blaupunkt-Betriebsrat hatte im Oktober 2008 einen Sozialplan ausgehandelt, der 40 Prozent des Bruttomonatslohn pro Jahr Betriebszugehörigkeit festschreibt. Für Schaefer ohnehin eine läppische Zahl angesichts der Stärke von Bosch. Üblich seien bei Konzernen 100, manchmal sogar 200 bis 300 Prozent. Wer aber den Vertrag unterschreibe, verzichte nicht nur auf 10 Prozent – sondern sei auch „definitiv draußen“ aus der Firma und verbaue sich eventuell mögliche juristische Schritte.

„Der heilen Bosch-Welt“, die den Konzern noch immer zum beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands mache, stehe nun das „Geschäftsmodell Aurelius“ gegenüber, sagte Schaefer, der die Vorgehensweise des Investors nach eigenem Bekunden seit Langem kennt. „Dieser Vertrag macht hinreichend deutlich, dass Aurelius Sie nicht mehr haben will“, sagte der Jurist.

Den Vertrag zwischen Bosch und Aurelius kennen nur Insider. Beharrlich hält sich das Gerücht, dass Bosch Aurelius für die Übernahme noch 120 bis 150 Millionen Euro mitgegeben haben soll. „Wo ist dieses Geld?“, fragt sich Schaefer. Das Nennkapital der acht Hildesheimer Aurelius-GmbHs jedenfalls reiche nicht einmal aus, um die Lohnsummen zu decken.

Schaefer ist daher inzwischen zu allem entschlossen: In einem stillen Protestzug zog er Montag Nacht mit Blaupunktlern zum Briefkasten der Staatsanwaltschaft Hildesheim, um im Fall seines gekündigten Mandanten und mehrerer Kollegen eine Strafanzeige gegen unbekannt einzuwerfen. Sein Vorwurf: unter anderem Erpressung und Insolvenzverschleppung. Eine Stellungnahme dazu war bei Aurelius gestern nicht zu bekommen.

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