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Niedersachsen Bosch plant Umstrukturierung
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Bosch plant Umstrukturierung
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00:16 24.07.2013
Von Lars Ruzic
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Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Forstwirte würden das, was derzeit im Hildesheimer Wald geschieht, wohl Kulturpflege nennen. Alte Bäume werden abgeholzt, junge Setzlinge sollen die Lücken füllen – irgendwann einmal. Nur dass hier nicht von Pflanzen die Rede sein soll, sondern von der größten Bosch-Fabrik in Norddeutschland.

Dort will das Management nun ausgerechnet die ältesten Eichen mit den tiefsten Wurzeln kappen. Vor mehr als 75 Jahren wurde der Standort auf Geheiß der Wehrmacht in den Wald gesetzt, um Starter und Generatoren für die Kriegsmaschinerie herzustellen. Millionen und Abermillionen Anlasser haben seitdem die Fabrik verlassen. Hildesheim ist bis heute im Konzern das weltweite Leitwerk für diese Autokomponente.

Und doch lohnt sich die Produktion im Hochlohnland Deutschland nur noch bedingt. Die Automatisierung sei schon bis zum Ende ausgereizt, es gebe kaum noch Produktivitätsspielräume für die vergleichbar einfachen Produkte, sagte ein Bosch-Sprecher. Lediglich die komplexeren Starter für Start-Stopp-Autos, die sich an der roten Ampel ausschalten, hätten hier mittelfristig noch Chancen. Die einfacheren Varianten sollen allerdings in Niedriglohnländer verlagert werden.

Bereits seit dem Frühjahr verhandelt der Konzern deshalb mit den Arbeitnehmervertretern über eine entsprechende Standortvereinbarung. Die IG Metall fürchtet, dass jeder zweite der gut 1300 Jobs im Starterbereich wegfallen könnte. Bei Bosch spricht man dagegen über „die eine oder andere Zehnerschaft pro Jahr – und ausschließlich auf sozialverträglichem Wege“. Wohl erst im Herbst werden sich die Parteien einigen, dann lasse sich auch das Ausmaß des Abbaus beziffern, heißt es von beiden Seiten.

Fest steht aber: Die Kapazitäten in der Starterproduktion, die zuletzt gut 3,5 Millionen Komponenten pro Jahr herstellte, werden heruntergefahren. Dafür soll der Bereich in ein „wissenbasiertes Leitwerk“ umgewandelt werden, wie es bei Bosch heißt. Hildesheim wäre dann noch stärker für Entwicklung und Produktanläufe zuständig als bislang – dafür wiederum könnten Beschäftigte aus der Fertigung auch fortgebildet werden, versichert der Bosch-Sprecher.

Ein Standort – viele Facetten

Insgesamt beschäftigt Bosch im Hildesheimer Wald rund 3500 Mitarbeiter. Der Standort ist Sitz der Sparte Car Multimedia mit einem Umsatz von zuletzt rund 1,4 Milliarden Euro. Neben Startern werden in Hildesheim auch elektronische Lenkungen und elektrische Maschinen gefertigt. Jüngstes Kind auf dem 80 Hektar großen Gelände, das zu besten Blaupunkt-Zeiten weit mehr als 10 000 Menschen Arbeit gab, ist die gemeinsame Tochter von Bosch und Daimler zur Produktion von Motoren für Elektroantriebe. Beide Konzerne hatten die Zusammenarbeit erst vor wenigen Monaten ausgeweitet. Die Tochter EM-motive mit rund 200 Mitarbeitern stattet sowohl reine Elektro- als auch alle Hybridautos mit Motoren aus. lr

Der Starterbereich geht damit den Weg, den andere auf dem Gelände im Hildesheimer Wald schon hinter sich haben. So war der Standort einst Hochburg der Autoradioproduktion. Nach mehr als 100 Millionen Einheiten war zur Jahrtausendwende Schluss, schon zehn Jahre später endete die Produktion von Navigationsgeräten, wurde die Tochter Blaupunkt verkauft. Und doch arbeiten heute 1250 Menschen für die Sparte Car Multimedia in Hildesheim – alles Forscher, Entwickler und Beschäftigte in Zentralfunktionen.

Dass der Standort den Wandel nun auch bei den Startern vorantreibt, kommt nicht von ungefähr. Zum einen liegt die Autoproduktion in Europa, der Hildesheim vor allem zuliefert, weitgehend am Boden. Zum anderen hat der neue Bosch-Chef Volkmar Denner dem Konzern eine Rosskur verschrieben, mit der Wachstum und Profitabilität angekurbelt werden sollen.

Der Stuttgarter Riese in Stiftungsbesitz muss im Autogeschäft Boden auf den hannoverschen Rivalen Continental gutmachen. Conti sei in den vergangenen fünf Jahren doppelt so schnell gewachsen wie Bosch, mache mehr Umsatz pro Mitarbeiter und bringe es auf eine mehr als doppelt so hohe Gewinnmarge wie Bosch, rechnet der Duisburger Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer vor. Im vergangenen Jahr haben die Hannoveraner Studien zufolge sogar erstmals Bosch als weltgrößten Autozulieferer abgelöst. „Denner setzt jetzt an den richtigen Stellen an“, meint Dudenhöffer – und dazu gehört eben auch die Kulturpflege im Hildesheimer Wald.

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