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Niedersachsen Die Not macht Unternehmen erfinderisch
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Die Not macht Unternehmen erfinderisch
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13:36 10.05.2012
Von Lars Ruzic
Foto: Training on the Job: Marcel Grigorew (rechts) geht Jäger-Mitarbeiter Nemi Demircan beim Bearbeiten von Gummibahnen zur Hand.
Training on the Job: Marcel Grigorew (rechts) geht Jäger-Mitarbeiter Nemi Demircan beim Bearbeiten von Gummibahnen zur Hand. Quelle: Surrey
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Hannover

Damals, in der Realschule, „da hab’ ich ein bisschen Mist gebaut“, räumt Marcel Grigorew offen ein. Er flog von der Schule und will nun im Alter von 17 Jahren noch die Kurve kriegen. An der Berufsbildenden Schule 6 in Hannover arbeitet Marcel auf seinen Hauptschulabschluss hin. Der junge Mann steht für die Gruppe von Schülern, deren Chancen auf eine Lehrstelle noch vor wenigen Jahren gegen null tendierten: „Nicht ausbildungsreif“ nannten sie das in den Personalabteilungen gern.

Doch Marcel hat einen Job gefunden, noch bevor er überhaupt einen Schulabschluss vorweisen kann. Seit sechs Wochen ist er Praktikant beim hannoverschen Gummispezialisten Jäger. Und wenn alles gut geht in den kommenden zweieinhalb Monaten, dann hat er einen Anspruch auf einen Ausbildungsplatz zum Maschinen- und Anlagenführer. Wenn er dann noch ein Jahr dranhängt, kann er sich als Verfahrensmechaniker spezialisieren. „Das ist mein großes Ziel“, sagt der 17-Jährige.

Marcel  gehört zu einer Gruppe von zwölf Jugendlichen, die von einer neuen Initiative  des hannoverschen Vereins Zukunftinc. profitieren. Unter dem Motto „Fit für die Ausbildung“ wollen die beteiligten Unternehmen ganz bewusst benachteiligten Jugendlichen eine Chance geben. Zukunftinc. hatte sich vor anderthalb Jahren gegründet, um Mittelständlern in Hannover die Personalanwerbung zu erleichtern. Derzeit hat der Verein acht Mitglieder, darunter  neben Jäger auch Firmen wie Bahlsen, Kind oder die Vereinigten Schmirgel- und Maschinenfabriken (VSM). Sie alle gehören in ihren Branchen zu den Marktführern.

Der demografische Wandel erschwert gerade den Mittelständlern die Nachwuchssuche. „Wir müssen uns an die veränderte Lage des Arbeitsmarkts anpassen und unsere eigenen Antworten finden“, sagt VSM-Personalchef Fritz Kelle. Die üblichen Tests bei der Bewerberauswahl entschieden oft Realschüler für sich, berichtet Jäger-Personalmanager Alexander Walter. Für Industrieberufe wie Maschinenführer oder Fachlagerist sei das aber „gar nicht unsere Zielgruppe“. Allzu oft hätten die Realschüler nach der Ausbildung das Unternehmen verlassen, um sich neue Herausforderungen zu suchen. „Es kann aber nicht unser Ziel sein, Mitarbeiter auszubilden, die eigentlich in eine ganz andere Richtung wollen.“

Ganz bewusst sind die Zukunftinc.-Mitglieder an Schulen herangetreten, um Jugendliche mit schlechten Ausbildungschancen zu suchen. Bei der Auswahl setzte man auf eine Art Speeddating. 20 Schüler stellten sich jedem der vier beteiligten Unternehmen – neben Jäger VSM, Kind und Sennheiser – in einem fünfminütigen Gespräch vor. Zwölf erhielten am Ende den Zuschlag. Die Sorge der Personaler, sie könnten sich am Ende um die besten Köpfe balgen, erwies sich als übertrieben. „Alles lief ganz harmonisch ab“, beteuert Kelle. „Am Ende hat eben doch jedes Unternehmen einen anderen Bedarf.“

Die Jugendlichen sind während des Praktikums drei Tage im Betrieb, zwei Tage in der Schule. Zudem werden sie vom Bildungswerk der niedersächsischen Wirtschaft bei der Verbesserung ihrer Sozialkompetenz unterstützt. Die Doppelbelastung sei zu verkraften, beteuert Marcel Grigorew. Seine größte Herausforderung ist eher der frühe Schichtbeginn: Um 6 Uhr muss er im Unternehmen sein. Aber auch daran gewöhnt sich Marcel gerade.

10.05.2012
Lars Ruzic 10.05.2012
Alexander Dahl 09.05.2012