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Niedersachsen Die TUI wartet auf den Neuen
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20:14 19.04.2012
Von Jens Heitmann
Quelle: dpa
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Hannover

Als die Mitarbeiter von TUI Deutschland gestern früh ihre Büros betraten, standen ihre Vorgesetzten schon bereit. Die Führungskräfte sollten noch einmal Auge in Auge erklären, was im Unternehmen kaum jemand versteht: Obwohl sich die Mannschaft auf einem guten Weg wähnt, die gesetzten Gewinnziele zu erreichen, muss sie künftig unter einem neuen Chef weiterziehen - der Schwede Christian Clemens soll im Sommer an die Stelle von Volker Böttcher treten.

Der 52-Jährige hatte die Führung des Reiseveranstalters kurz vor den Terroranschlägen am 11. September 2001 übernommen, in deren Folge die Branche einen dramatischen Einbruch erlebte. Böttcher strich 150 Stellen, gliederte unter anderem das Callcenter, die Logistik und die Flughafenstationen in neue Gesellschaften mit niedrigerem Lohnniveau aus und stabilisierte so das Geschäft. Als der TUI-Konzern 2007 sein Veranstaltergeschäft mit dem britischen Konkurrenten First Choice zur TUI Travel zusammenschloss, wähnten sich bei TUI Deutschland viele auf der sicheren Seite - der folgende Stellenabbau traf die Kollegen in England.

Doch mit der Fusion wuchsen die Ansprüche an die Profitabilität. Während TUI Deutschland operativ nur eine Minirendite von unter einem Prozent vorweisen konnte, waren in Großbritannien und Skandinavien Margen zwischen5 und 7 Prozent üblich. In Hannover verwies man auf den härteren Wettbewerb hierzulande und die hohen Kosten für die vielen Reisebüros. Doch diese Argumente drangen in der TUI-Travel-Zentrale in London nicht wirklich durch. Es habe immer eine „latente Nörgelei“ gegeben, berichtete ein Manager. Die Zielvorgabe für TUI Deutschland lautete3 Prozent - spätestens ab 2015.

Die Jahreszahl findet sich im zweiten großen internen Umbauprogramm „GET“, das Böttcher im vergangenen Herbst präsentierte. Im Massengeschäft will TUI Deutschland künftig schneller als bisher billige Flüge mit günstigen Hotels kombinieren können. Weil diese Reisen quasi per Knopfdruck am Computer entstehen, fallen viele individuelle Arbeitsschritte weg - insgesamt sollen dadurch knapp 600 Stellen eingespart werden. Die Rendite war schon 2011 auf 2,1 Prozent geklettert, für das laufende Jahr erwartet man einen weiteren Anstieg. „Was Böttcher hier gesät hat, wird jetzt ein anderer ernten“, sagte ein TUI-Mitarbeiter.

Seine positive Bilanz gilt intern auch als Grund dafür, dass der Manager bei der TUI an Bord bleiben darf. Während für den ebenfalls ausscheidenden Finanzchef Henrik Homann noch nach einem adäquaten Job gesucht wird, steht die neue Zuständigkeit für Böttcher bereits fest: Er ist künftig verantwortlich für die Spezialveranstalter L’Tur, Berge & Meer, Gebeco, Oft Reisen und Boomerang sowie für die TUI-Töchter in Österreich, Polen und der Schweiz. Er bleibt Mitglied im Verwaltungsrat (Board) von TUI Travel und wird Aufsichtsrat bei TUI Deutschland.

Nach dem ersten Schock richtet sich die Belegschaft bereits auf den neuen Mann an der Spitze aus. Christian Clemens soll im Sommer nach Hannover kommen und im Oktober die Führung des Großveranstalters übernehmen. „Es nützt ja nichts“, sagte eine Mitarbeiterin. „Im Vergleich zu anderen Firmen haben wir zuletzt eine große Kontinuität erleben dürfen.“

Der 50-jährige Clemens ist Schwede, hat aber einen österreichischen Vater und spricht daher Deutsch. Der Manager ist seit 2008 Chef von TUI Nordic und damit des gesamten Reisegeschäfts in Skandinavien. Er gilt als Vertrauter seines Vorgängers und Landsmannes Johan Lundgren, der als Vizechef von TUI Travel seit Oktober 2011 das gesamte Massengeschäft des Konzerns steuert. Lundgren wird im Konzern ein weiterer Aufstieg zugetraut - etwa als Nachfolger von TUI-Travel-Chef Peter Long, wenn der in Pension geht.

Carola Böse-Fischer 19.04.2012
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