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Niedersachsen Windpark als Geldwaschmaschine
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Windpark als Geldwaschmaschine
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19:50 19.11.2013
Von Jens Heitmann
Die Anlagen im verdächtigen Windpark stammen von Enercon – das Unternehmen selbst zählt als bloßer Lieferant aber nicht zu den Verdächtigen. Quelle: dpa
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Hannover

Enercon habe aber „die uneingeschränkte Bereitschaft zugesichert, mit den Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung des Sachverhalts zu kooperieren“. Neben der Zentrale in Aurich wurden auch Geschäftsräume in Remels und Bremen durchsucht.

Ähnlich reagierte die HSH Nordbank, bei der ebenfalls Ermittler im Haus waren. Die Bank selbst stehe aber wie Enercon nicht im Verdacht, sondern Kunden, die offenbar im Kontakt mit der Mafia stünden, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer. Im Zentrum der Ermittlungen steht ein von der HSH Nordbank finanzierter Park mit 48 Windrädern in Kalabrien, den die Bank mit 225 Millionen Euro finanziert hat.

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Ermittler in Italien gehen offenbar schon länger dem Verdacht nach, dass der Windpark dazu gedient habe, schmutziges Geld des Arena-Clans zu waschen, der die Region beherrsche. Deshalb habe die Antimafia-Staatsanwaltschaft in Rom ein Rechtshilfeersuchen nach Kiel geschickt. Ins Rollen gekommen seien die Ermittlungen durch die Anzeige eines niedersächsischen Finanzamtes bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück. Diese habe das Bundeskriminalamt eingeschaltet.

Bei ihren Recherchen sind die Ermittler auf ein Firmengeflecht gestoßen, das in Deutschland, Italien, San Marino und der Schweiz operiert. Ein Zentrum der „Geldwaschanlage“ vermutet die Staatsanwaltschaft im Emsland. Die Gemeinde Twist ist Sitz der Ventuno Design GmbH, die nach Angaben eines ihrer Geschäftsführer als Generalunternehmer für den Windpark auftreten wollte.

Nach der Pleite eines dänischen Windparkfinanziers ist die HSH Nordbank als Geldgeber eingesprungen – und wartet nun auf die Rückzahlung ihrer Kredite: Aus dem laufenden Betrieb des Windparks ist das laut „Spiegel“ nicht möglich, weil die kalabrische Staatsanwaltschaft ihre Hand über die Einnahmen hält.

Im Emsland sehen sich die Beschuldigten zu Unrecht verdächtigt. „Das wird sich alles aufklären“, sagte einer der Beteiligten der HAZ. Die Untersuchungen in Italien liefen schon eine ganze Weile, die meisten der Vorwürfe habe man bereits entkräften können. Im Kern gingen die Ermittlungen auf eine Namensgleichheit zurück: Nicht jeder, der in Kalabrien Arena heiße, sei auch Mitglied der Mafia. „Wir haben da weder Geld aus der Unterwelt reingebracht noch irgendwo gewaschen.“

Das sehen die Staatsanwälte anders. Sie schreiben der Ventuno Design GmbH aus dem Emsland eine Schlüsselrolle zu. Über die im Februar 2005 gegründete Gesellschaft sollen den italienischen Ermittlern zufolge alle HSH-Kredite gelaufen sein – die Firma habe als eine Art „Kasse“ für den Windpark agiert. Darüber hinaus habe Ventuno Design die gesamten Arbeiten organisiert und dabei auch ein kalabrisches Unternehmen beauftragt, das eng mit dem Arena-Clan verbunden sein soll.

Bei der Twister Gesellschaft selbst ist für die HSH Nordbank offenbar nicht viel zu holen: Laut dem letzten veröffentlichten Geschäftsbericht (2012) stehen einem Eigenkapital von knapp 96 000 Euro Verbindlichkeiten von rund
1,2 Millionen Euro gegenüber. Gesellschafter der Firma sind drei Privatpersonen, der Auricher Windkraftprojektierer Pommer & Schwarz und die Econex Finance AG aus dem schweizerischen Steuerparadies Winterthur. (mit: rtr)

Die ‘Ndrangheta herrscht über die Stiefelspitze Italiens

Wenn man sich Italien als Stiefel vorstellt, dann ist Kalabrien sozusagen der ausgetretene Vorderschuh. An der Spitze stößt der Landstrich an die Meerenge von Messina – gegenüber liegt Sizilien, die Heimat der Mafia. In Kalabrien hingegen herrscht die ‘Ndrangheta, eine der Festlandsvarianten der kriminellen Vettern auf der Insel. Über weite Teile der Region mit 2 Millionen Einwohnern habe der Staat die Kontrolle verloren, heißt es, es herrsche die Willkür der Paten und ihrer Familienbanden.

Ähnlich der Cosa Nostra auf Sizilien soll auch die ‘Ndrangheta über ein Imperium aus Drogenschmuggel, Waffenhandel, Geldwäsche und Schutzgelderpressung gebieten. Die Schätzungen über das Volumen der dunklen Geschäfte klaffen weit auseinander – in Italien hält man 35 Milliarden Euro im Jahr für eine gute Prognose. Das wäre mehr als das Bruttosozialprodukt der Region.

Die Macht der „ehrenwerten Gesellschaft“ speist sich aus Tradition und Armut: Die Jugendarbeitslosigkeit bewegt sich nahe 30 Prozent. Wer keinen Job habe, gehe zur ‘Ndrangheta, heißt es – und auch wer meine, einen der wenigen legalen Jobs bekommen zu haben, finde sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in ihren Klauen wieder: Die kalabrische Mafia gilt als der bedeutendste Arbeitgeber im italienischen Süden.

In einigen Branchen soll sie quasi eine Monopolstellung genießen. So lassen sich mit weißgewaschenem Gelde aus schwarzen Kassen legale Geschäfte machen.  jen