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Niedersachsen Hartmut Meine geht in den Ruhestand
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Hartmut Meine geht in den Ruhestand
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00:15 20.12.2016
Von Michael B. Berger
Bescheiden, aber dennoch machtbewusst: Der scheidende IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine. Quelle: Schaarschmidt
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Hannover

Ein handfestes Buch über Gewerkschaftsarbeit schreiben will er noch. Und lesen will er. „Politische Biografien von Sozialisten, die gegen den Strom geschwommen sind.“ Da stapeln sich noch einige im Regal. Denn bald hat Hartmut Meine, seit 18 Jahren Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen/Sachsen-Anhalt in Hannover, richtig Zeit. Zum Jahresende geht der 64-Jährige in Rente. „Und da mache ich mit der IG Metall einen klaren Schnitt.“

Betonkopp?„Ein Adelstitel“

Manche im Arbeitgeberlager halten den früheren Elektroingenieur, der bei dem einstigen Elektronikproduzenten Telefunken in Hannover anfing, für einen „Betonkopp“. Meine, ein Mann, der gern lacht, hält dies für einen Adelstitel. Denn bei Beton komme es doch stets darauf an, was man daraus mache. Und bei Tarifverhandlungen sei ein klares Gegenüber gut – und das Gespür für den rechten Zeitpunkt zum Kompromiss.
Tarifverhandlungen hat der Gewerkschaftsmann, der 280 000 Mitglieder in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt vertreten hat („das sind doppelt so viele wie die Mitglieder aller politischen Parteien hier“), etliche geführt. Niedersachsens IG Metall habe, fügt er lächelnd an, übrigens kein Problem mit Mitgliederschwund wie andere Großorganisationen. Auch eine Frage der Organisation.

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Hartmut Meine bezeichnet sich als 68er, also als Linken, der mit dem Aufstand der Studentenbewegung 1968 groß geworden ist. Die Proteste haben den gebürtigen Hildesheimer, der in der Universitätsstadt Münster aufwuchs, bereits als Schüler schwer beeindruckt. Kriegsdienstverweigerung und die spätere Tätigkeit als Fertigungsplaner bei Telefunken haben ihn ebenso politisiert wie die „Stoppt-Strauß-Kampagne“ in den 70er-Jahren. Geärgert hat ihn damals, so sagt er, die Zweiklassengesellschaft, die in den Betrieben der Metallindustrie geherrscht habe: Hier die Arbeiter, die in Form von Stundenlöhnen ihr Gehalt bekamen, dort die bessergestellten Angestellten, die Monatslohn bekamen. Das ist Geschichte, auch dank des Mitwirkens von Meine. „Entgeltrahmentarifvertrag“ heißt das spröde Wort für die Zauberformel, die den Monatslohn für alle verbindlich machte und die klassische Zweiteilung im Jahr 2003 beseitigte. Darüber freut sich Hartmut Meine noch heute. Nicht der einzige Erfolg eines Gewerkschafters, der äußerlich bescheiden, doch machtbewusst auftreten kann. Und der manche Tarifkonflikte mit intelligenten Zauberformeln gelöst hat.

Zu seinem Einflussbereich zählte auch die Volkswagen AG, in deren Aufsichtsrat er jahrelang saß. Den Zukunftspakt, auf den sich das Unternehmen jetzt nach der Diesel-Affäre mit den Arbeitnehmervertretern verständigt hat, sieht er positiv, weil alte Arbeitsplätze zwar abgebaut, dafür aber auch neue aufgebaut würden. „Und es gibt keinerlei tarifliche Einschnitte.“ Auch wenn das alte chinesische Sprichwort schon etwas abgegriffen sei, in diesem Fall treffe es zu: „In jeder Krise steckt auch eine Chance.“ Und VW habe jetzt den Schritt zur Elektromobilität, zu vernetzten und automatisierten Fahrzeugen machen müssen.

Ein Freund der E-Autos

Auf Elektrofahrzeuge hat Meine, der bei der Metropolregion Hannover, Braunschweig, Wolfsburg mitwirkt, auch die Bürgermeister einschwören können, was offenbar einige Gespräche erforderte. Die führen jetzt einen Passat GTE, ein Hybrid-Fahrzeug. Man könne nicht für so etwas werben, wenn man nicht selbst mit so einem Auto vorfahre. Für die Zeit der Pensionierung hat Meine, der bald seinen Dienstwagen abgibt, sich bereits privat einen Golf GTE bestellt, der trotz Elektroantrieb ganz schön was unter der Haube haben soll.

Das kann generell auch für den scheidenden IG-Metall-Chef gelten, der es in seiner Amtszeit mit fünf Ministerpräsidenten zu tun hatte, mit drei sozialdemokratischen und zwei christdemokratischen. Auch mit Christian Wulff, der anfangs kein Freund der IG Metall gewesen sei, habe er am Ende „ein sehr gutes Arbeitsverhältnis“ gehabt, sagt Meine. Aber jeder, der hier Macht habe, müsse auch mit der IG Metall auskommen, fügt er hinzu. Denn Niedersachsen sei nicht nur historisch „ein echtes Gewerkschaftsland“.

Jens Heitmann 15.12.2016
Albrecht Scheuermann 14.12.2016