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Niedersachsen „Ohne Frauenquote geht es nicht“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Ohne Frauenquote geht es nicht“
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14:51 05.05.2019
Frauen, die Karriere machen wollen, sollten ein halbes Jahr nach der Geburt wieder arbeiten gehen, sagt Martina Machulla. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Woran liegt es, dass trotz aller Debatten um die Frauenquote doch meistens Männer in den Vorstandsetagen von Unternehmen landen? Auch darauf hat Martina Machulla vom Verband der Unternehmerinnen in Niedersachsen eine Antwort.

Frau Machulla, Frauen stellen 50 Prozent der Bevölkerung, aber nur 9 Prozent der Vorstände in börsennotierten deutschen Unternehmen. Muss die Politik eine Quote einführen, um das zu ändern? Oder geht es auch anders?

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Ich würde mir sehr wünschen, dass wir keine Quote bräuchten. Aber leider hat die Erfahrung gezeigt, dass es ohne nicht geht. Deswegen halte ich persönlich den Vorschlag, in Unternehmen, die innerhalb der nächsten sechs Jahre keine adäquate Zielvorgabe liefern, mit einer Quote nachzuhelfen, für unterstützenswert.

Für Aufsichtsräte gilt bereits eine Quote in Höhe von 30 Prozent. Diese Frauen können doch nun ihren Einfluss geltend machen und mehr weibliche Vorstände bestellen, ganz ohne weitere Quote.

Die Aufsichtsrats-Frauen kommen aber nicht in die Gremien herein, die die Vorstände bestimmen. Diese Quote allein reicht also nicht. 

“Es gibt überall qualifizierte Frauen“

Sie führen selbst eine Anwaltskanzlei und ein Start-up. Meinen Sie nicht, dass die Vorstandsquote zu stark in die Handlungsfreiheit von Firmen eingreift? Zumal es viele Branchen gibt, in denen nur wenige Frauen arbeiten, die Auswahl also ziemlich begrenzt ist.

Es muss natürlich Ausnahmeregeln geben. Wenn es tatsächlich nicht möglich ist, eine qualifizierte Frau zu finden, muss das berücksichtigt werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass es überall qualifizierte Frauen gibt – sie aber nicht zum Zuge kommen. 

Warum nicht?

Weil die Bedingungen dagegensprechen. Zum Beispiel bei den Arbeitszeiten. Wenn von Managerinnen verlangt wird, dass sie bis 22 Uhr arbeiten, lässt sich das mit Kindererziehung schlecht verbinden.

Warum dann eine Quote? Würde es nicht genügen, familienfreundlichere Arbeitszeiten durchzusetzen?

Man braucht beides. Es geht nicht nur um die Bedingungen, sondern auch um die Frage: Wer bestellt die Führungskräfte? Wenn das weiterhin nur die bisherigen männlichen Vorgesetzten sind, kommen wir nicht voran.

Sie unterstellen also den Männern, dass sie grundsätzlich Männer als Nachfolger bevorzugen. Machen Sie es sich damit nicht zu einfach?

Netzwerke sind Netzwerke. Das ist nichts Böswilliges. Das ist ein Reflex. Wenn man bestimmte Kandidaten besser kennt als andere, tendiert man intuitiv zu ihnen. Das ist auch wissenschaftlich untersucht.

Sind Sie sich denn sicher, dass Frauen überhaupt Lust auf Karriere haben? 

Ja, ich bin mir sicher. Wir sehen in anderen Ländern, zum Beispiel in Skandinavien, dass Frauen am wirtschaftlichen Leben in viel größerem Maße teilhaben als hier. In Deutschland werden leider oft noch tradierte Rollenbilder vermittelt. Nach dem Motto: Frauen kümmern sich erstens nicht ums Geld und müssen zweitens immer lieb sein.

Warum Bulgarien weiter ist

Frauen entscheiden sich allerdings auch seltener für Branchen, in denen man generell gut verdient, zum Beispiel Informatik. 

Auch technische Berufe sind in anderen Ländern viel stärker mit Frauen besetzt als bei uns. Zum Beispiel sind in Bulgarien gerade die IT-Berufe die typischen Frauenberufe, weil man in der Branche wunderbar Kindererziehung und Job verbinden kann. Frauen können genauso gut Mathe und Physik, wenn sie ihre eigenen weiblichen Vorbilder haben.

Hat Deutschland wirklich einen Rückstand bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Wo sonst gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz? In vielen Bundesländern sind die Plätze sogar kostenlos.

Ja, aber die Betreuungszeiten stimmen einfach nicht. Was hilft es mir, wenn der Kindergarten von 7 bis 15 Uhr geöffnet hat, wenn ich länger arbeiten muss? Wir brauchen viel mehr Kitas, die zum Beispiel bis 19 Uhr geöffnet sind. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Frauen, die schon in Führungsposition sind, können sich im Zweifel ein Au-Pair oder eine Tagesmutter leisten, aber die meisten Frauen können das nicht.

Zur Person

Die 57-jährige Juristin Martina Machulla führt seit Januar den Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) in Niedersachsen. Sie leitet eine Kanzlei für Familienrecht sowie das Start-up Lexaktiv, eine Kommunikationsplattform für Anwälte. In den Neunzigerjahren baute sie außerdem eine Kindertagesstätte auf, weil sie für ihre beiden Kinder keine Betreuung fand.

Der 1954 gegründete VdU will weibliches Unternehmertum stärken und setzt sich für mehr Frauen in Führungspositionen ein. „Wir verstehen uns nicht als Emanzenverband. Wir wollen mit Männern auf Augenhöhe zusammenarbeiten, uns aber auch nicht deckeln lassen“, sagt Martina Machulla, die sich nicht mit jeder Maßnahme für mehr Gleichheit anfreunden kann: „Was ich persönlich übertrieben finde, ist die Gender-Sprache, wie die Stadt Hannover sie praktiziert.“ Das Geld und die Zeit dafür könne man sinnvoller investieren, meint sie.

Nach der Geburt legen Frauen zwangsläufig eine Karrierepause ein. Wie lang sollte die Pause aus ihrer Sicht sein?

Das ist natürlich eine individuelle Entscheidung. Wenn man aber Karriere machen möchte, halte ich ein halbes Jahr für gut. Das ist ein guter Zeitraum, um sich nach der Geburt zu erden, und mit der neuen Verantwortung für das Kind zurechtzukommen.

Viele Frauen bleiben auch heute noch zwei oder drei Jahre zuhause – und sind froh damit. Ist das nicht auch in Ordnung? 

Jede Frau soll tun, was sie möchte. Aber das langfristige Ergebnis ist oft nicht gewollt. Das sehe ich in meiner Kanzlei für Familienrecht. Wenn die Ehe irgendwann scheitert, ist der Wiedereinstieg in den Job oft unglaublich schwer oder gar unmöglich. Es verändert sich ja technisch unglaublich viel. Oft fehlen dann auch das Tempo, die Ausdauer und das Selbstwertgefühl. Dann sitzen die Frauen da, schaffen den Einstieg ins Arbeitsleben nicht mehr, haben Existenzängste und verbleiben in wirtschaftlicher Abhängigkeit zu ihrem geschiedenen Mann. Es passiert nicht selten, dass Frauen in dieser Situation an Depressionen erkranken.

„Da haben wir die Worte gefehlt“

Sind Sie selbst nach einem halben Jahr wieder in den Beruf eingestiegen?

Ja. Das halbe Jahr danach hat dann der Vater die Kinder betreut.

Wie hat ihr Umfeld darauf reagiert?

Manche Reaktionen waren positiv, manche negativ. Das ist heute noch genauso. Ich habe erst neulich eine Frau kennengelernt, die zu mir von oben herab sagte: ’Ich habe es nicht nötig, zu arbeiten.’ 

Und, was haben Sie geantwortet?

Da haben mir die Worte gefehlt. Aber still für mich habe ich gedacht: Na, dann drücke ich Dir die Daumen, dass Du nicht irgendwann zu den vielen gehörst, die in meine Kanzlei kommen und Unterhalt einklagen müssen.

Von Christian Wölbert