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Niedersachsen Jägermeister schenkt erneut Gewinne aus
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Jägermeister schenkt erneut Gewinne aus
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17:10 13.07.2012
Von Lars Ruzic
Der Kräuterschnaps-Hersteller Jägermeister beschenkt seine Gesellschaftler mit Auszahlungen. Quelle: dpa
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Hannover

Der Traum eines Familienunternehmers dürfte ungefähr so aussehen: Einmal Herr über einen Betrieb sein, der beständig wächst, regelmäßig satte Gewinne erwirtschaftet - und trotzdem nur begrenzt Investitionsbedarf hat. Schulden sind ein Fremdwort, das Eigenkapital erreicht annähernd die Höhe der Bilanzsumme. Alle paar Jahre müssen sich die Eigentümer lediglich den Kopf darüber zerbrechen, was sie bloß mit all den Millionen anstellen sollen, die ihr Unternehmen produziert, selbst aber nicht benötigt.

In der alten Residenzstadt Wolfenbüttel ist dieser Traum schon seit Jahren Realität. Dort sitzt das Traditionshaus Mast-Jägermeister, das im Kern zwar nur ein Produkt herstellt, damit aber Jahr für Jahr 100 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet - nach Steuern, wohlgemerkt. Jeder vierte Euro dessen, was in mehr als 80 Ländern der Welt mit dem Kräuterlikör umgesetzt wird, bleibt damit in den Kassen des 540-Mann-Betriebs. Alle paar Jahre öffnet das Unternehmen dann die Schleusen, um ein Überlaufen zu verhindern.

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In diesem Jahr ist es wieder einmal soweit. 280 Millionen Euro „nicht betriebsnotwendiger Liquidität“ kehrt das Unternehmen an seine Gesellschafter aus. Dafür wurden bereits sieben Vermögensverwaltungsgesellschaften gegründet, die nun abgespaltet werden. Vor sieben Jahren hatten die Wolfenbütteler das schon einmal mit einer ähnlich großen Summe gemacht, 2009 wählten sie den Weg einer Sonderausschüttung im Umfang von 200 Millionen Euro. So müssen sich die Erben von Jägermeister-Erfinder Curt Mast regelmäßig mit der Frage beschäftigen, wohin mit dem vielen Geld. Allerdings können sie auf ausreichend Know-how zurückgreifen: Die Familie ist unter anderem an zwei namhaften Privatbanken beteiligt.

Seit vier Jahren ist Mast-Urenkel Florian Rehm der starke Mann bei Jägermeister. Der 35-Jährige, der in Hannover an der Fachhochschule Betriebswirtschaft studiert hat, hält rund 60 Prozent der Anteile. Der Rest entfällt auf seine Schwester und seine Mutter. Während Letztere sich mehr um ihre Praxis für Kinesiologie - ein Behandlungskonzept aus dem Bereich der Körpertherapie und der Chiropraktik - am Starnberger See kümmert, zeigen ihre Kinder wieder verstärktes Interesse am Unternehmen. Beide sitzen seit einem Jahr im Aufsichtsrat. „Für das Unternehmen kann das nur positiv sein“, sagt Vorstandschef Paolo Dell’Antonio. Das Engagement zeige das langfristige Interesse der Familie am Unternehmen.

Dabei muss sich der gebürtige Südtiroler keine Sorgen darüber machen, dass ihm die Eigentümer ins Tagesgeschäft reinreden - so lange der Kurs und die Zahlen stimmen. Seit der Jägermeister-Kult in den USA etwas abgeebbt ist, muss sich das Unternehmen zwar mit kleineren Wachstumsraten zufrieden geben. Doch davon lässt sich in Wolfenbüttel offenbar niemand aus der Ruhe bringen. Im vergangenen Jahr wurden 87 Millionen große Jägermeister-Flaschen verkauft, der Umsatz lag bei 416 Millionen Euro (einschließlich Branntweinsteuer). Das entspricht einem Plus von jeweils rund 3 Prozent. Auch im ersten Halbjahr 2012 habe man einen Zuwachs verzeichnen können, berichtet Dell’Antonio, ohne ins Detail gehen zu wollen. „Wir sind positiv unterwegs.“

Derzeit ist übrigens ausgerechnet das krisengeplagte Europa ein wichtiger Wachstumsmotor für Jägermeister. In Großbritannien, derzeit alles andere als eine Boomregion, verzeichnen die Wolfenbütteler ein Plus jenseits von 20 Prozent. Schon mehr als fünf Millionen Flaschen gehen dort über den Tresen - obwohl eine umgerechnet rund 25 Euro kostet, weit mehr als das Doppelte dessen, was die Deutschen zahlen müssen. Selbst im schwächelnden Frankreich und den Krisenstaaten Spanien und Griechenland verzeichne man Zuwächse, berichtet Dell’Antonio. Als Nischenanbieter habe man eben auch dort noch Luft nach oben.

Das gilt erst recht für Mittel- und Südamerika sowie Asien - allesamt Regionen, an die sich Jägermeister erst langsam herantastet. „Wir sehen dort noch einiges an Potenzial“, sagt der Firmenchef. Als erster asiatischer Markt dürfte Südkorea im kommenden Jahr die Marke von einer Million verkaufter Flaschen überspringen. Wie überall setzten die Niedersachsen auch dort darauf, als „anders als die Anderen“ wahrgenommen zu werden. Das Marketing zielt meist auf junge Erwachsene, die direkt in den Clubs und Bars umgarnt werden. „Wir werden nicht den Tanz mit den Großen aufnehmen, sondern unseren eigenen Weg gehen“, umschreibt es Dell’Antonio.

Immerhin hat es der Jägermeister damit schon auf Platz 8 der erfolgreichsten Spirituosenmarken weltweit geschafft - umgeben von lauter Wodkas und Whiskeys. Vor einiger Zeit sorgten die Wolfenbütteler in der Branche mit der Ankündigung für Aufsehen, sie könnten sich auch die Übernahme einer anderen starken Marke vorstellen. Passiert ist seitdem außer vielen Gesprächen allerdings nichts. Bislang sei einfach nichts dabei gewesen, das den eigenen Ansprüchen genügt habe, meint der Sprecher des Vorstands. An der Finanzierung jedenfalls würde ein Zukauf nicht scheitern. „Wir haben noch genug auf der Aktivseite“, umschreibt es Dell’Antonio.

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