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Niedersachsen Die Tupperware-Party ist zu Ende
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Die Tupperware-Party ist zu Ende
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18:35 26.02.2020
Eine rote Kunststoffbackform preist eine Tupperware-Beraterin einer Runde von interessierten Kundinnen in einem Wohnzimmer an. Quelle: Bernd Thissen/dpa
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Orlando/Hannover

Plastikdosen als Design- und Haushaltsklassiker, Partys als Verkaufskanal – mit diesem Modell hat sich Tupperware einen Namen gemacht. Doch der US-Konzern steckt tief in der Krise: Mehr Konkurrenz im Markt für Haushaltsartikel und der boomende Onlinehandel setzen dem auf Direktvertrieb ausgerichteten Unternehmen zu. Nach einer Gewinnwarnung ist der Aktienkurs am Dienstag um die Hälfte eingebrochen. Das Papier kostet jetzt weniger als 3 Dollar – vor fünf Jahren war es noch mehr als 90 Dollar wert.

Mit dem Rücken zur Wand

Die einstige Kultfirma plagen handfeste operative Probleme: Seit acht Quartalen sinken die Erlöse. Das fast 75 Jahre alte Unternehmen, dessen Gründer Earl Tupper 1946 die Küchenwelt mit seinen bunten „Wunderschüsseln“ aufmischte, steht mit dem Rücken zur Wand. Der Geschäftsbericht des Konzerns für 2019 musste wegen Ungereimtheiten bei der Bilanzierung des Beauty-Geschäfts in Mexiko verschoben werden, was zu millionenschweren Sonderbelastungen führen könnte. Doch das war nicht die einzige Hiobsbotschaft: In Brasilien, China, den USA und Kanada laufen die Geschäfte miserabel, zudem plagen Tupperware hohe Schulden.

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In Deutschland bricht das Geschäft weg

In Deutschland ging es zuletzt ebenfalls steil bergab: Der Umsatz schrumpfte 2018 um fast ein Viertel auf rund 148 Millionen Euro, der Verlust stieg um das mehr als Siebenfache auf 2,3 Millionen Euro. Als Grund nannte das Unternehmen „große Unruhe im Kerngeschäft der Tupper-Party“, weil Waren und Ersatzteile zeitweise nicht ausreichend verfügbar waren. Für 2019 rechne man erneut mit einem „spürbaren Rückgang“ des Umsatzes und einem Verlust auf Vorjahresniveau, heißt es im Geschäftsbericht. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 fiel bei einem Umsatz von knapp 218 Millionen Euro noch ein Gewinn von knapp 2 Millionen Euro an.

Lange haben die bunten Schüsseln und Boxen von Tupperware Haushalte fast rund um den Globus geprägt und es sogar als Designklassiker in Museen und Kunstausstellungen geschafft. Auch in Deutschland verbreiteten sich die luftdicht verschließbaren Behältnisse, deren Kunststoffdeckel beim Schließen einen charakteristischen Laut von sich geben, seit den frühen 1960er Jahren rasant. Als Erfolgskonzept erwiesen sich Gründer Tuppers Haushaltsprodukte vor allem in Kombination mit der Idee der Tupper-Party.

Chronologie: Tupperware und die Partys

 

1939: Earl S. Tupper gründet die Tupper Plastics Company.

1946: Aus der Tupper Plastics Company wird die Tupperware Company. Auch die erste strapazierfähige Plastikschale kommt auf den Markt. In den Geschäften wird diese jedoch kaum gekauft.

1948: Verkäuferin Brownie Wise entwickelt das Modell der Tupperpartys. Auf ihnen präsentiert Wise anschaulich, wie die Plastikbehälter funktionieren. Die Ware ist nun ausschließlich im Direktvertrieb erhältlich.

1951: Die Verkaufspartys ziehen inzwischen überall viele Hausfrauen an. Die ersten „Tupperladies“ werden rekrutiert. Brownie Wise wird Leiterin der Verkaufsabteilung und Vizepräsidentin von „Tupperware Home Parties“.

1958: Gründer Earl S. Tupper störte sich am Ruhm von Brownie Wise und feuerte sie. Monate später verkauft er sein Unternehmen und zieht sich in den Ruhestand zurück. Tupperware-Produkte werden weiterhin auf den beliebten Verkaufspartys veräußert.

1962: Tupperware Deutschland wird gegründet.

1996: Die Tupperware Brands Corporation geht an die Börse.

Wasserfilter sind heute wichtiger als Plastikdosen

Doch während sich die Umsätze im Einzelhandel zuletzt mehr und mehr ins Internet verlagert haben, wo Shopping-Giganten wie Amazon oder Alibaba mit enormer Marktmacht die Preise drücken, setzte Tupperware lange unbeirrt auf seine klassischen Verkaufswege – und vergleichsweise teure Produkte. „Partys sind noch immer unser Verkaufsmodell“, sagte der damalige Konzernchef Rick Goings noch 2017 – trotz immer stärkerer Konkurrenz aus dem Internet. Direkte Ansprache durch Bekannte oder Verwandte im Verkauf sei vor allem für jüngere Leute äußerst wichtig.

Inzwischen bietet Tupperware seine Produkte auch online an. Das Produktportfolio hat sich über die Jahre stark verändert. Aufbewahrungsschüsseln für Lebensmittel sind heute nicht mehr der größte Treiber des Geschäfts, das heute Wasserfilter oder Mikrowellenprodukte dominieren. Zudem gehören Kosmetik- und Körperpflegeprodukte dazu. Asien hat den Heimatmarkt Nordamerika als größte Absatzstütze überholt.

 

Von Hannes Breustedt und Jens Heitmann