Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Niedersachsen Landwirte in Niedersachsen bauen lieber Mais für Biogasanlagen an
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Landwirte in Niedersachsen bauen lieber Mais für Biogasanlagen an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:13 16.02.2011
Von Carola Böse-Fischer
Sudkessel in der hannoverschen Gilde-Brauerei: Nur aus Hopfen, Malz und Wasser wird deutsches Bier gebraut.
Sudkessel in der hannoverschen Gilde-Brauerei: Nur aus Hopfen, Malz und Wasser wird deutsches Bier gebraut. Quelle: Frank Wilde
Anzeige

Seit die Politik in Berlin – zur vermeintlichen Schonung des Klimas – die Strom- und Wärmeerzeugung aus Biogas mit satten Subventionen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fördert, setzen viele Landwirte lieber auf dieses Pferd. Sie bauen immer mehr Mais an, mit dem die Biogasanlagen „gefüttert“ werden, weil es dafür bislang noch einen zusätzlichen Bonus gibt – eine lukrative und sichere Sache, denn das EEG sichert ihnen 20 Jahre lang diese Konditionen. „Diese Landwirte sind für die Braugerste verloren“, sagt Hans-Jürgen Seele.

So geht es seit Jahren mit der Braugerste bergab. Gerade noch 10.000 Hektar haben die Landwirte in Niedersachsen 2010 bestellt, wie Seele berichtet. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Niedersächsischen Braugerstenanbaus, und wie kaum ein anderer hat er für die Ackerfrucht gekämpft. Auch wenn er sagt, dass schließlich jeder Landwirt seine eigene betriebswirtschaftliche Rechnung aufmachen müsse, stimmt ihn der Niedergang dieses „Spitzenprodukts“ aus Niedersachsen traurig.

Nur noch 55.000 Tonnen brachte die Ernte 2010. Im Jahr zuvor waren es 90.000 Tonnen, 2008 sogar 150.000 Tonnen. Und auch die kommen nicht an die besten Zeiten Ende der neunziger Jahre heran, als auf mehr als viermal so großer Fläche wie im vergangenen Jahr Rekordernten von 250 000 Tonnen eingefahren wurden. Aber damals dachte noch niemand an einen Biogasboom.

Anderswo in Deutschland sieht es nicht besser für die Braugerste aus. Bundesweit ist die Ernte 2010 von 1,4 Millionen Tonnen auf 860.000 Tonnen geschrumpft. Dabei brauchen laut Seele allein die norddeutschen Mälzereien rund 660.000 Tonnen, um die Brauereien zu versorgen. Sie müssen immer mehr Braugerste aus Dänemark und Frankreich importieren, wo nicht so viele Energiepflanzen angebaut werden, weil sie weniger gefördert werden, wie der Braugerstenspezialist sagt.

Allerdings räumt er ein, dass sich auch in der Einkaufspolitik der Brauereien viel verändert habe. Früher hätten sie mindestens vier Fünftel ihres Jahresbedarfs an Malz im Herbst gedeckt. Heute kauften vor allem global operierende Bierkonzerne wie AmBev, Nummer zwei auf dem deutschen Markt mit Marken wie Beck’s und Hasseröder, weltweit das ganze Jahr über Malz ein, just in time eben. Vorverträge, die bei den Landwirten das Absatzrisiko mindern, wollten sie daher nicht mehr abschließen.

Früher konnten die niedersächsischen Braugerstenanbauer immerhin mit der guten Qualität ihres Produkts punkten, wie Seele sagt. Auch im vergangenen Jahr sei sie „gut“ gewesen. Aber die Preise stimmten nicht. Vor der Ernte 2009/10 lagen sie bei 130 Euro für die Tonne. Laut Seele ist das ein weiterer Grund, dass Landwirte ausgestiegen seien.

Grund genug eigentlich auch für Seele, das Kapitel Braugerste zu schließen. Seinen Hof in Stöcken bei Wittingen hat der Landwirt mangels Nachfolger ohnehin verpachtet. Er will trotzdem nicht aufgeben. „Totgesagte leben länger“, sagt er fast trotzig. Landhandel und Genossenschaften sähen das ähnlich. In Niedersachsen vermarkten sie 95 Prozent der Braugerste, die restlichen 5 Prozent kaufen die Mälzereien wie der Ableger des US-Konzerns Cargill in Salzgitter oder Heine Malz in Peine direkt bei Landwirten ein. Dort rechne man damit, dass die Braugerstenflächen in diesem Jahr sogar wieder wachsen würden. Der Grund: Wie alle Getreidepreise klettern auch die Notierungen für Braugerste kräftig.

Der Preis für die neue Ernte ist bereits auf 220 bis 230 Euro je Tonne geklettert, wie Seele berichtet. Landwirte seien gut beraten, jetzt nur einen Teil ihrer Ernte zu verkaufen und weitere Mengen erst später. Denn die Preise dürften eher noch weiter steigen, zumal spätestens bis zum Herbst EU-weit die Überhänge der Ernte 2009 abgebaut seien. Und auch andere große Verbraucherländer wie China oder Russland, die wegen Dürre eine schlechte Ernte gehabt hätten, benötigten Braugerste. Der Rohstoff könne bald knapp werden. Seeles Kalkül: „Wenn wir preislich an Weizen und Roggen herankommen, kann der Braugerstenanbau für viele Landwirte wieder attraktiv werden“, zumal die Biogasförderung nach dem EEG gedeckelt werden solle. Aber mehr als eine Hoffnung ist das bislang nicht.