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Niedersachsen Linoleum kommt in Deutschland nur noch aus Delmenhorst
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Linoleum kommt in Deutschland nur noch aus Delmenhorst
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11:30 02.11.2012
Heinrich Leiber, Manager des Linoleum-Werkes Armstrong DLW AG in Delmenhorst lässt feinstes Holzmehl fliegen.
Heinrich Leiber, Manager des Linoleum-Werkes Armstrong DLW AG in Delmenhorst lässt feinstes Holzmehl fliegen. Quelle: dpa
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Delmenhorst

Ohne Unterlass rollt die Linoleumbahn aus einem Spalt in der Decke des Reifehauses. 20.000 Meter passen hängend in jede Kammer. „Drei Wochen Hitze", sagt Manager Heinrich Leiber. Dann ist die Oxidation so weit abgeschlossen, dass der Bodenbelag geschnitten, verpackt und zur Baustelle gebracht werden kann.

Ein Teil des 15 Meter hohen Gebäudes steht seit mehr als 125 Jahren, solange wird in Delmenhorst bereits Linoleum produziert. Heute gehört das Werk zum US-Konzern Armstrong und ist das einzige in Deutschland. Konkurrenz gibt es weltweit nur in den Niederlanden und Italien.

Das vom Strukturwandel gebeutelte Delmenhorst hatte sich schon früh zum Zentrum der Linoleumproduktion entwickelt. Leiber weiß warum: In Delmenhorst wurde Jute verarbeitet, die als Trägerstoff des glänzenden Bodenbelags unentbehrlich ist. Der Ingenieur mit Bart und Brille weist auf die direkt hinter den Hallen vorbeifahrenden Züge. „Die Bahnstrecke von Bremen nach Oldenburg ist auch entscheidend." Eine Rolle Linoleum ist so schwer, dass der Transport früher nur mit der Eisenbahn möglich war - ihre Gleise reichten bis auf das Werksgelände.

Die vergangenen Jahre haben zwar nicht gerade einen Nachfrageschub nach Linoleum gebracht, meint Werkleiter Olaf Meik. Aber einen Imagewandel habe es doch gegeben. „Alle Materialien sind natürlich und völlig schadstofffrei." Das unterscheide Linoleum zum Beispiel von PVC. Neben dem Jutegewebe, das heute aus Asien komme, nutze man genau die Stoffe, zu denen schon der Erfinder Frederick Walton 1860 in England gegriffen habe. „Damals gab es keine Kunststoffe", sagt Leiber.

Das Leinöl für das Delmenhorster Werk kommt aus Kanada, Kork hauptsächlich aus Portugal oder dem Recycling. Sägewerke liefern Holzmehl, das Harz stammt aus Afrika und die Kreide wird in Niedersachsen abgebaut. „Die Preise sind im letzten Jahr alle gestiegen", berichtet Meik. Das mache sich bemerkbar, weil etwa 60 Prozent der Kosten in dem Werk mit fast 450 Mitarbeitern am Rohstoff hängen.

Zuerst kommt Leinöl in große Trommeln und wird zusammen mit Trockenstoffen bei Luftzufuhr erhitzt, durchgerührt und so oxidiert, bis eine kaugummiartige Masse übrig bleibt - Leinölfirnis. Die anderen Zutaten werden fein gemahlen, mit Leinölfirnis gemischt, mit den gewünschten Farbstoffen versetzt und in einer großen Walzmaschine, dem Kalander, auf den Jutestoff gedrückt. Der Bodenbelag ist je nach Einsatzzweck etwa zwei bis drei Millimeter dick und kommt in die Reifekammern. „An dem Verfahren hat sich bis heute kaum etwas geändert", erklärt Leiber.

Dass die Zeit aber nicht stehen geblieben ist, zeigt sich im Lager. Dort arbeiten keine Menschen mehr, dort ziehen unter der Decke Kräne computergesteuert ihre Bahnen. In den nächsten Monaten soll ein riesiger Backsteinschlot abgerissen werden, der noch zum alten Kohlekraftwerk gehörte. Seine Zeit ist längst um. Heute produziert ein Gas-Blockheizkraftwerk Strom und Wärme für die Anlagen.

Beim Design ist der Markt für Linoleum eher traditionell, berichtet Marco Dowidat-Eskes, der für diesen Bereich verantwortlich ist. „Trends entwickeln sich über lange Zeit." Neben den Farben Beige und Grau wählen Kunden aber auch gedecktes Blau, Grün oder Orange, oft mit andersfarbigen Einsprengseln. Hauptkunde ist immer noch die Öffentliche Hand für ihre Bürogebäude, aber auch für Sporthallen. Krankenhäuser schätzen es, dass Linoleum für Pilze, Viren und Bakterien ungünstigen Überlebensbedingungen bietet.

Aus der Erfahrung von Hans Joachim Schilgen, Geschäftsführer des Fachverbands Elastische Bodenbeläge (FEB), hat die Diskussion um Nachhaltigkeit dem Linoleum gut getan. Eine Statistik über den Linoleummarkt gibt es aus kartellrechtlichen Gründen nicht, weil so wenige Fabriken arbeiten. Eine Erkenntnis deckt sich aber mit der Armstrong-Produktionsstatistik: „Seit dem Ende des Konjunkturprogramms ist die Nachfrage bei öffentlichen Bauten zurückgegangen", sagt Schilgen. 2010 verließen mehr als 10,2 Millionen Quadratmeter das Werk, damit könnten etwa 1300 Fußballplätze ausgelegt werden.

dpa

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