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Niedersachsen Metaller wollen ver.di überholen
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Metaller wollen ver.di überholen
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18:06 02.04.2012
Von Lars Ruzic
Foto: Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie demonstrieren in Ludwigsburg.
Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie demonstrieren in Ludwigsburg. Quelle: dpa
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Hannover

„Angesichts hoch verschuldeter Kommunen ist der Abschluss für die Kollegen von ver.di sicherlich ein Erfolg“, sagte Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine in Hannover. „Er kann aber für unsere gut verdienende Industrie kein Maßstab sein.“

Wie auch ver.di im öffentlichen Dienst fordert die IG Metall in der aktuellen Tarifrunde 6,5 Prozent mehr Lohn bei einem Jahr Laufzeit. Gleichzeitig wollen die Gewerkschafter eine unbefristete Übernahme für Ausgelernte und erweiterte Mitspracherechte beim Einsatz von Leiharbeitern durchsetzen. Die ersten beiden Gesprächsrunden seien ohne Ergebnis geblieben, so Meine. Es wird damit gerechnet, dass der Arbeitgeberverband Gesamtmetall beim nächsten Aufeinandertreffen in gut zwei Wochen ein Angebot unterbreitet.

Der Verhandlungsführer im Pilotbezirk Südwest, Peer-Michael Dick, warnte angesichts des Abschlusses im öffentlichen Dienst vor überzogenen Erwartungen. „Unseren Beschäftigten muss klar sein: Der Staat hat hier über seine Verhältnisse abgeschlossen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Die Industrie stehe in weltweiter Konkurrenz und habe nicht die Möglichkeiten der öffentlichen Hand, nun einfach Gebühren zu erhöhen. „Wo lebt der Mann?“, entgegnete Meine. Die Branche habe gerade eines der gewinnträchtigsten Jahre aller Zeiten hinter sich. Daran müsse auch die Belegschaft teilhaben.

Die vorherrschende Forderung nach spürbaren Lohnerhöhungen macht bereits der Bundesbank als Hüterin der Geldwertstabilität zu schaffen. Ihr Präsident Jens Weidmann warnte davor, das Tarifergebnis im öffentlichen Dienst zum Vorbild für andere Branchen zu machen. „Ich glaube, dass der Abschluss sicher kein Maßstab für andere Bereiche ist, sondern getrennt bewertet werden muss“, sagte er. Weidmann befürchtet, dass der Anstieg der Energiepreise über kräftige Lohnerhöhungen die Inflation anheizen könnte und damit zu sogenannten Zweitrundeneffekten führt - also eine verhängnisvolle Spirale aus steigenden Preisen und Löhnen in Gang setzt, wie das zeitweise in den 1970er Jahren der Fall war.

Andere Ökonomen sehen die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft weniger kritisch. Der Abschluss im öffentlichen Dienst sei „nicht so furchteinflößend wie die 6,3 Prozent vermuten lassen“, sagte Dekabank-Volkswirt Andreas Scheuerle. Verglichen mit der Lohnforderung von 6,5 Prozent für zwölf Monate komme man nun auf 2,9 Prozent pro Jahr. „Die Gewerkschaft ver.di hat also etwa 43 Prozent der Lohnforderung durchgesetzt.“ Meine machte deutlich, dass die IG Metall wenig Interesse an einer so langen Laufzeit hat. Angesichts immer unvorhersehbarerer Konjunkturausschläge sollte es besser eine „Renaissance einjähriger Tarifverträge“ geben, um schnell auf Schwankungen reagieren zu können, so der niedersächsische Bezirkschef.

l 6 Prozent mehr im Kfz-Gewerbe: Für die rund 40.000 Beschäftigten in den niedersächsischen Autohäusern und -werkstätten fordert die IG Metall indes 6 Prozent mehr Lohn. „Die Branche brummt. Das Handwerk hat wieder goldenen Boden“, sagte IG-Metall-Verhandlungsführer Wilfried Hartmann zur Begründung. Gleichzeitig wollen beide Seiten über tarifliche Regelungen zur Bewältigung des demografischen Wandels sprechen - einschließlich betrieblicher Altersversorgung. Die Verhandlungen beginnen in drei Wochen in Hannover.

Jens Heitmann 30.03.2012
Dirk Stelzl 29.03.2012