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Niedersachsen Mitarbeiter und Kunden bangen um Metronom
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Mitarbeiter und Kunden bangen um Metronom
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16:54 24.04.2010
Der Großvater war Eisenbahner, der Vater war Eisenbahner, und er selbst ist es auch: Schaffner Schneider, seit vier Jahren bei Metronom beschäftigt.
Der Großvater war Eisenbahner, der Vater war Eisenbahner, und er selbst ist es auch: Schaffner Schneider, seit vier Jahren bei Metronom beschäftigt. Quelle: Nico Herzog
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Der Ton ist freundlich, ungewohnt freundlich, wenn man bedenkt, wo man sich gerade befindet. „Einen schönen guten Morgen“ wünscht die weibliche Stimme aus dem Zuglautsprecher auffallend gut gelaunt. „Wir möchten Sie bitten, in diesem Zug auf den Konsum von Alkohol zu verzichten“, was angesichts der Uhrzeit, kurz nach halb zehn morgens, eigenartig erscheint, aber, gut, das Verbot gilt eben rund um die Uhr. Als dann kurz darauf ein Fahrgast Mühe hat, sein Sandwich aus dem Automaten in Waggon vier zu bekommen, bleibt die Schaffnerin stehen und ruckelt das Schiebetürchen eigenhändig zur Seite. Aber da ist man schon fast nicht mehr überrascht.

Szenen von Freitag Morgen aus dem Zug Nummer 80946 der Eisenbahngesellschaft Metronom, eines kleinen Idylls für Zugreisende. Nicht dass die Deutsche Bahn immer so unwirsch wäre, wie es ihr oft unterstellt wird. Aber der Umgang in den blau-gelben Doppelstockwagen ist schon besonders. Und dieses Musterbeispiel einer gelungenen Streckenprivatisierung ist nun in Gefahr. Jedenfalls befürchten das die meisten der rund 300 Mitarbeiter, seit die Bahn erklärt hat, den britischen Konzern Arriva kaufen zu wollen, zu dem auch Metronom mehrheitlich gehört – und vielen Kunden geht es nicht anders.

Monique Fritzsche zum Beispiel, die täglich zwischen Hannover und Celle unterwegs ist, hat an den Zügen nicht das Geringste auszusetzen. Verspätungen gebe es kaum. „Da ist man vom ICE Schlimmeres gewohnt“, sagt sie. Hans Dammann, Bauingenieur im Ruhestand aus Laatzen, liest einige Sitzreihen weiter in der HAZ gerade besorgt die Berichte über die Übernahme. „Ich würde es nicht verstehen, wenn das zugelassen wird“, erklärt er. Alle vier Wochen fahren er und seine Frau zu ihrem Sohn nach Hamburg. Sie könnten das Auto nehmen oder den ICE, aber sie entscheiden sich meist für den Metronom. „Das ist alles sehr sauber, sehr freundlich, und das Alkoholverbot finde ich positiv“, lobt Iris Dammann. Und der 36-jährige Uwe Hoffmann aus Meckelfeld bei Harburg, der vorhin noch seine Mühen mit dem Sandwich-Automaten hatte, befindet kurz und bündig: „Pünktlich, zuverlässig, alles klar. Metronom hat ein viel besseres Image als die Bahn.“

Und weil das immer mehr Menschen so sehen, muss Sebastian Schneider jetzt immer sechs statt fünf Wagen kontrollieren. Seit vier Jahren arbeitet der 27-Jährige Schneider als Zugbegleiter auf der Strecke Göttingen-Hannover. „Das Betriebsklima ist hervorragend“, erzählt er, während draußen die schwarzen Folien der Spargelfelder zwischen Celle und Eschede vorbeiziehen.

Über die Umbrüche und die ungewisse Zukunft ihres Unternehmens wollen die Kollegen von Herrn Schneider jedoch nur anonym sprechen, zu groß ist ihre Sorge vor dem, was kommt. Die plötzliche Entlassung der beiden Geschäftsführer hat die Mitarbeiter jedenfalls stark verunsichert. „Das war für uns ein Schlag ins Gesicht“, sagt eine Zugbegleiterin, die seit zweieinhalb Jahren für Metronom arbeitet. Die beiden hätten viel gefordert, eine anspruchsvolle Ausbildung und häufige Nachschulungen, aber dafür auch viel gegeben: eine tarifgemäße Bezahlung wie bei der Bahn. „Die haben sich sehr für uns und das Unternehmen eingesetzt.“

Genau diese Errungenschaften – und damit die Motivation der Mitarbeiter – sehen sie in Gefahr. „Wir befürchten, dass sich hier mit anderen Chefs und neuen Eigentümern vieles zum Negativen wendet“, sagt ein 28-jähriger Lokführer. „Längere Arbeitszeiten, schlechtere Bezahlung, das alles würde wohl kommen.“ Was das heißt, ist für einen anderen Lokführer, seit vier Jahren bei Metronom, schon klar. Er verdiene jetzt 2500 Euro brutto, bei anderen Privatbahnen werde 300 bis 500 Euro weniger gezahlt. Knapp 70 Kilometer müsse er täglich zur Arbeit pendeln. „Bei den Löhnen würde sich das dann alles nicht mehr lohnen.“ „Die Fahrten mit Fußballfans, streitlustige Fahrgäste, und immer muss man freundlich bleiben“, stimmt eine 22-jährige Zugbegleiterin ein, „da wäre weniger Geld nicht fair.“

Als der Zug in Uelzen ankommt, hat er 13 Minuten Verspätung. Zwei Mal, berichtet Schneider, habe der Metronom wegen verspäteter ICEs auf der Strecke warten müssen. An diesem Tag, so scheint es, ist die Bahn hier nicht wohlgelitten.

Thorsten Fuchs

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