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Niedersachsen Nord/LB-Vorstandschef Dunkel: „Geldverdienen wird schwieriger“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Nord/LB-Vorstandschef Dunkel: „Geldverdienen wird schwieriger“
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11:51 24.12.2011
Gunter Dunkel ist seit 1997 Vorstandsmitglied der Nord/LB, seit Anfang 2009 Vorstandschef. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Herr Dunkel, die  Nord/LB gilt als eine der am schlechtesten mit Eigenkapital ausgestatteten Banken in Deutschland. Beim jüngsten sogenannten Stresstest in Europa ist sie deshalb sogar durchgefallen. Muss man sich Sorgen machen?
Nein, das müssen Sie nicht. Der Bank geht es gut, sie wird in diesem Jahr ein zufriedenstellendes Ergebnis erwirtschaften. Und unsere derzeitige Eigenkapitalquote liegt bei 13 Prozent der risikogewichteten Aktiva. Damit gehören wir zu den sehr ordentlich kapitalisierten Banken in Deutschland.

Wie verträgt sich das mit der derzeitigen Diskussion und den Stresstest-Ergebnissen?
Unser Problem ist, dass das Kapital noch in den falschen Töpfen liegt. Es besteht zu einem großen Teil aus stillen Einlagen. Diese werden jedoch künftig in Europa nicht mehr als hartes Kernkapital anerkannt. Deshalb müssen wir die stillen Einlagen nun in Stammkapital umwandeln.

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Warum gelten die stillen Einlagen nur als minderwertiges Kapital?
Die europäische Bankenaufsicht möchte europaweit einheitliche Regeln für das Eigenkapital der Banken. Das muss man akzeptieren – auch wenn stille Einlagen wirtschaftlich betrachtet vollwertiges Eigenkapital sind.

Also keine Einwände gegen das Vorgehen der Bankenaufsicht?
Was uns stört, sind die kurzen Übergangsfristen. Die Nord/LB und ihre Träger waren gezwungen, sehr schnell Lösungen zu finden, um die neuen Vorgaben zu erfüllen. Die Aufsicht bringt dadurch noch mehr Unsicherheit in den ohnehin sehr angespannten Markt. Das ist der Sache nicht dienlich.

Welche Herausforderungen für die Bank sehen Sie im kommenden Jahr?
Ich sehe drei Aufgaben, die die Nord/LB 2012 bewältigen muss. Erstens die weitere Umsetzung unseres Kapitalstärkungsprogramms. Zweitens muss die Bank Geld verdienen. Das dürfte nächstes Jahr schwieriger werden, vor allem wegen der großen Verwerfungen an den Kapitalmärkten. Wir planen deshalb ein geringeres Ergebnis als 2011. Drittens schließlich geht es darum, die gegenwärtige schwere Liquiditätskrise am Geld- und Kapitalmarkt zu bewältigen. Die Refinanzierung wird also ein wichtiges Thema sein.

Prüfen Sie neue Möglichkeiten der Geldbeschaffung?
Wir denken wie viele andere Banken tatsächlich über neue Instrumente nach. Dabei könnte es unter anderem darum gehen, die von uns vergebenen Kredite zur Schiffs-, Flugzeug- oder Immobilienfinanzierung als Deckung für Wertpapiere zu nutzen, die wir neu auf den Markt bringen. Sie können sich das in etwa so wie einen Pfandbrief vorstellen, bei dem Immobilienkredite als Sicherheiten dienen. Details zu unseren Plänen will ich jetzt noch nicht nennen. Es ist bei uns üblich, erst dann zu gackern, wenn das Ei gelegt ist.

Und wie schätzen Sie die mittelfristigen Perspektiven ein?
Die Refinanzierung wird bei den meisten Banken das große Thema der nächsten Jahre sein. Wie schaffen wir es, Geld zu solchen Konditionen am Markt zu beschaffen, dass wir es gewinnbringend weiterverleihen können – also mit dem richtigen Zins, in der richtigen Laufzeit, in der richtigen Währung? Das wird ein spannende Aufgabe besonders für die Banken, die langfristige Wirtschaftsgüter finanzieren – in unserem Fall etwa  Schiffe, Flugzeuge und Immobilien.

Eine weitere Kapitalerhöhung ist ausgeschlossen?
Ja. Allerdings haben wir dieser Aussage auch bisher immer hinzugefügt: sofern sich die Regeln nicht ändern. Auch die jüngste Kapitalaufstockung hat nichts mit unserem Geschäft zu tun, sondern nur mit den verschärften aufsichtsrechtlichen Vorgaben. Das sehen auch unsere Träger so.

Banken stehen derzeit weltweit am Pranger, die „Occupy“-Bewegung demonstriert gegen das Treiben der Branche und der Finanzmärkte allgemein. Wie finden Sie das?
Diese Auseinandersetzung ist ganz wichtig für unsere demokratische Kultur. Zwar halte ich manche Argumente der Protestierer für grundfalsch. Zugleich verstehe ich aber gut, dass Menschen sich über die massive Zunahme der Verschuldung und die Entwicklung an den Finanzmärkten Gedanken machen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Banken seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 ein unterirdisches Image haben. Wir müssen uns über die Frage Gedanken machen, welche Rolle Banken und Sparkassen, aber auch Versicherungen und andere Finanzakteure in der Gesellschaft spielen sollen.

Ein Anlass für die Antibankenstimmung sind die üppigen Boni, die manche Banken an ihrer Manager und Mitarbeiter ausschütten. Warum wird das nicht abgestellt?
Der Eindruck, dass dies weiterläuft wie bisher, ist falsch. Tatsächlich hat sich bei der Entlohnung der Bankmitarbeiter schon viel geändert. Die Regeln sind strenger geworden, die Missstände geringer. Die Zeit der üppigen Boni ist definitiv vorbei, zumal das Geldverdienen den Banken deutlich schwerer fällt als in früheren Jahren. Und auch die Aktionäre akzeptieren als Bankeigentümer Auswüchse nicht mehr – zumal dann, wenn die Dividende gekürzt wird oder ganz ausfällt. Und übrigens finden auch viele Unternehmer als Bankkunden hohe Boni nicht mehr akzeptabel.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Branche?
Das Geschäft wird insgesamt weniger Gewinn abwerfen, die Gehälter werden schrumpfen oder weniger steigen als zuvor, die Banken werden weniger Mitarbeiter beschäftigen. Die Geschäftsmodelle werden sich sehr stark auf das
eigentliche Kundengeschäft konzentrieren. Die Bedeutung des Kapitalmarktgeschäfts wird zurückgehen, dagegen wird das Geschäft mit Privatkunden viel wichtiger. Die Banken werden sich auch stärker auf bestimmte Regionen konzentrieren, es dürften nur ganz wenige global agierende Banken übrigbleiben. In Deutschland kann die Deutsche Bank diese Rolle spielen –  Gott sei Dank, denn mindestens eine solche Bank brauchen wir.

Und was wird so bleiben, wie es war?
Die Banken müssen weiterhin ihre Kapitalkosten verdienen. Wenn das nicht mehr der Fall ist, hätten wir, abgesehen von den Genossenschaftsinstituten, nur noch staatliche Banken. Das hielte ich für schädlich, denn das dreigliedrige Bankensystem in Deutschland hat sich bewährt.

Zu einem ganz anderen Thema, das derzeit alle anderen in den Hintergrund drängt. Wie wird sich die europäische Schuldenkrise im nächsten Jahr entwickeln?
Ich rechne damit, dass die nächsten zwei bis drei Quartale noch sehr schwierig werden. Mit den jüngsten Gipfel-Beschlüssen wurde der Weg zu einer Fiskalunion mit einer strikteren Kontrolle der Staatshaushalte eingeschlagen, aber es drohen noch viele Hindernisse. Die Diskussion nach dem Gipfel zeigt schon die Tendenz, die Gipfelbeschlüsse wieder zu zerreden. Das ist wenig ermutigend. Wenn dennoch alles einigermaßen gut läuft, wird das Vertrauen Schritt für Schritt an die Märkte zurückkehren. Und ohne neues Vertrauen lässt sich die Krise nicht lösen.

Viele Menschen fürchten sich vor einer starken Inflation. Sehen Sie diese Gefahr?
Nein, die sehe ich nicht. Die Geldentwertung dürfte zwar etwas zunehmen. Ich rechne aber damit, dass die Jahresinflation um nicht mehr als einen halben Prozentpunkt steigt. Dabei wäre sogar eine Inflation bis 4 Prozent beherrschbar. Eine Deflation, also eine Phase mit stark sinkender Wirtschaftsaktivität und rückläufigen Preisen, wäre übrigens viel gefährlicher. Die halte ich aber derzeit für ausgeschlossen.

Interview: Albrecht Scheuermann