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Niedersachsen Offshore-Windpark „alpha ventus“ geht ans Netz
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Offshore-Windpark „alpha ventus“ geht ans Netz
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20:09 25.04.2010
Von Margit Kautenburger
Vor dem Umstieg auf die Trafo-Platfform: Rainer Jütting und Mathias Grother warten auf dem Zubringerschiff „Wind Force I“ auf ihren gefährlichen Arbeitseinsatz.
Vor dem Umstieg auf die Trafo-Platfform: Rainer Jütting und Mathias Grother warten auf dem Zubringerschiff „Wind Force I“ auf ihren gefährlichen Arbeitseinsatz. Quelle: dpa
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„Das ist einfach genial!“ Obwohl die Gischt an Bord spritzt, streckt Claus Burkhardt die Nase in den eiskalten Wind und weist auf die weißen Türme am Horizont. „Ich war zwar schon oft hier draußen“, ruft der Geschäftsführer des ersten deutschen Offshore-Windparks „alpha ventus“ und versucht, das Dröhnen der Schiffsmotoren zu übertönen. „Aber wenn die Mühlen hier draußen am Horizont auftauchen, ist das immer wieder ein erhebendes Gefühl.“

„alpha ventus“, das ist ein weltweit einmaliges Projekt. In 30 Meter tiefem Wasser, 45 Kilometer vor der Insel Borkum ist das Offshore-Testfeld errichtet worden. Die zwölf Anlagen liefern zwar schon seit einem guten halben Jahr Strom ins Netz, am Dienstag aber soll der Windpark nun offiziell in Betrieb genommen werden. Betreiber ist ein Konsortium der Energieversorger EWE, e.on und Vattenfall namens DOTI. Das Kürzel steht für den sperrigen Titel Deutsches Offshore-Testfeld- und Infrastrukturgesellschaft. Deren Geschäftsführer Burkhardt ist „unglaublich stolz“ auf das Geschaffene. „Viele haben es nicht für möglich gehalten, aber wir haben gezeigt, dass ein Offshore-Windpark auch unter sehr harten Bedingungen möglich ist.“ Wer sich per Schiff auf den Weg zu „alpha ventus“ macht, dem wird rasch klar, dass der Bau der riesigen Fünf-Megawatt-Rotoren tatsächlich eine Pioniertat ist. Schon die zweistündige Anfahrt ist eine enorme Belastung – auch für die Mitarbeiter. „Das macht auch unserem Personal zu schaffen“, sagt Burkhardt. „Nicht jeder kann hier draußen arbeiten.“ So fällt es den Betreibern schwer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, die auch seefest sind. Besuchern hilft selbst eine Tablette meist nicht, die Anfahrt ohne Übelkeitsattacken durchzustehen.

Die drei Techniker, die vom Zubringerschiff auf die Trafo-Plattform von „alpha ventus“ umsteigen, scheint die Dünung aus Nordwest allerdings wenig zu beeindrucken. Im knallgelben, wasserdichten Überlebensanzug wagen sie den Umstieg vom Katamaran „Wind Force I“ auf die glitschige Leiter der Plattform. Ein Computer muss ausgetauscht werden. „Mit dem Hubschrauber ist es bequemer“, meint der technische Betriebsführer Matthias Grother knapp. Doch heute gleiche die See ohnehin eher „einem Ententeich“. „Erst ab 1,5-Meter- Wellen fahren wir nicht mehr raus.“

Von den Decks des Umspannwerks bietet sich ein atemberaubender Blick auf die wellenumtosten Windturbinen. „Meine Babys“, nennt Betriebsleiter Burkhardt die bis zu 155 Meter hohen Windräder fast zärtlich, er scheint sich kaum sattsehen zu können an den Türmen hier mitten im Nirgendwo. Seine Kollegin Irina Lucke, Projektleiterin für das Herzstück des Windparks, das Umspannwerk, ist stolz auf das ganze Team: „Wir haben hier echt was hingestellt – und das in kurzer Zeit.“

Das will das Team auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen zeigen, der morgen zur Eröffnung anreist und per Hubschrauber zum Umspannwerk im Windfeld geflogen wird. Dort will er sich ein Bild machen, von dem großen Rad, dass so weit draußen auf der Nordsee gedreht wird: So hoch wie der Kölner Dom sind die Windkraftwerke, auf 126 Meter bringt es der Durchmesser der Rotoren, die jeweils den Wind einer Fläche von eineinhalb Fußballfeldern einfangen. Die jährlich produzierte Strommenge reicht, um 50 000 Haushalte zu versorgen. Von unten betrachtet drehen sich die Flügel nur langsam, an der Blattspitze erreichen sie jedoch Geschwindigkeiten von 230 Stundenkilometern. 250 Millionen Euro haben die Unternehmen in „alpha ventus“ investiert, 70 Millionen mehr als ursprünglich geplant.

Erheblich teurer als geplant ist der Bau von „alpha ventus“ geworden, und auch die Bauzeit hat sich erheblich verzögert. Manche Schwierigkeit haben die Planer wohl unterschätzt, wie Burkhardt einräumt. „Was wir daraus gelernt haben?“ Burkhardt muss nicht lange überlegen: „Wetter und Logistik sind die größten Herausforderungen bei der Offshore-Technik.“

„Wir haben hier sehr stetigen Wind, das ist gut für den Betrieb, aber schlecht für die Bauphase“, erklärt Projektleiterin Lucke. Mancher Einsatz musste unfreiwillig abgebrochen werden – nicht zuletzt auch, weil geeignete Schiffe fehlten. Beim Bau von „alpha ventus“ war der größte Schwimmkran der Welt im Einsatz. „Wenn der gerade in der Südsee unterwegs ist, wenn man ihn braucht, heißt es warten, warten, warten“, sagt Burkhardt. Auch Hafenanlagen für den Umschlag derart großer Bauteile fehlten noch in Deutschland, kritisiert der gelernte Chemiker. Alle großen Bauteile für „alpha ventus“ wurden über das niederländische Eemshaven herangeschafft. Die Niederländer seien da weiter, sagt Burkhardt. „Wenn wir ihnen das Feld nicht völlig überlassen wollen, muss bei Emden was passieren“, fordert er. Das Gelände auf dem Rysumer Nacken nördlich der Stadt werde dringend als weiterer Offshore-Hafen benötigt.

Überraschend gut kamen die Windparkbauer mit der Gründung der Fundamente im 30 Meter tiefen Wasser zurecht. „Eigentlich haben wir hier zwei verschiedene Windparks gebaut“, sagt Burkhardt. Je sechs Anlagen der Firmen Multibrid und Repower drehen sich im Windfeld „alpha ventus“. Zu erkennen ist dies an den verschiedenen Fundamenten. Die einen sehen aus wie ein einfaches gelbes Rohr, das aus dem Wasser ragt und den Turm trägt. Die anderen, die sogenannten Jackets, gleichen einem Fachwerk-Stahlgerüst. Welcher Typ am Ende besser geeignet ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Immerhin 20 Jahre sollen die Windturbinen Wellen und aggressiver Salzluft standhalten.

Was aber treibt die Windkraftbranche aufs offene Meer, wenn Bau und Betrieb von Offshore-Parks eine derart große technische und finanzielle Herausforderung sind? Auf dem Meer weht der Wind stärker und gleichmäßiger als an Land, um 40 Prozent höher ist die Ausbeute der Offshore-Anlagen gegenüber der von Windrädern im Binnenland.
Sollten die Pläne der Investoren aufgehen, wird der Platz vor Norddeutschlands Küste bald eng. Mindestens 10 000 Gigawatt Strom sollen nach dem Willen der Bundesregierung bis 2020 offshore erzeugt werden – ein ehrgeiziges Ziel, wie Burkhardt meint. Bis zu 2000 Anlagen müssten dazu innerhalb der kommenden zehn Jahre errichtet werden. Dies erscheint Fachleuten wie Burkhardt eher unwahrscheinlich. Die Investoren hätten es derzeit schwer, berichtet er. Wegen der Wirtschaftskrise knauserten die Banken mit Krediten; das Geld sei der begrenzende Faktor. Doch trotz aller Probleme führe kein Weg an der Offshore-Windkraft vorbei: „Wollen wir weg von Kohle und Atom, ist die Strom-
ernte auf See einfach unverzichtbar.“