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Niedersachsen Schon 700 Klagen beim Amtsgericht Hannover
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Schon 700 Klagen beim Amtsgericht Hannover
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21:39 14.02.2017
Von Michael Zgoll
Für viele Flugreisende ging nichts mehr im Herbst 2016. Quelle: Peter Steffen
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Hannover

Der Aufsichtsrat von Tuifly hatte die Mitarbeiter am 30. September 2016 über eine mögliche Fusion mit Etihad Airways informiert, was bei der Belegschaft erhebliche Ängste um den Verlust ihrer Arbeitsplätze auslöste. Tausende von Urlaubern strandeten an Flughäfen, flogen verspätet ab oder mussten ihre Reise gänzlich stornieren, weil sich in den folgenden 14 Tagen bis zu 225 Piloten und 350 Flugbegleiter krankmeldeten.

89 Prozent der Piloten krank

Dienstag verhandelte Amtsrichterin Catharina Erps über den Fall eines Paars aus Bergisch-Gladbach, dessen von Kos startendes Flugzeug am 3. Oktober mit knapp vier Stunden Verspätung in Köln landete; diese Kunden fordern auf Basis der Fluggastrechteverordnung eine Ausgleichszahlung von 800 Euro. Eine fünfköpfige Familie aus Celle will auf der gleichen Grundlage 4000 Euro für einen Hin- und Rückflug nach Kos einklagen - die Reise in den Herbstferien war ins Wasser gefallen.

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Tuifly-Anwalt Peter Kauffmann wies darauf hin, dass sich in der Spitze bis zu 89 Prozent der Piloten und 62 Prozent des Kabinenpersonals krankgemeldet hätten, allerdings kaum jemand vom Bodenpersonal: „Das war eine abgestimmte Arbeitskampfmaßnahme.“ Soll heißen: Hier geht es um höhere Gewalt, also gibt es keinen Anspruch auf Entschädigung. Der Airline sei es trotz großer Anstrengungen rund um die Uhr nicht gelungen, diesen Personalschwund auszugleichen. Trotz der Anmietung etlicher Maschinen anderer Fluggesellschaften musste Tuifly schließlich 91 Flüge streichen.

Rechtsanwalt Paul Degott erklärte namens seiner Mandanten aus Bergisch-Gladbach, dass es durchaus nachvollziehbar und im Interesse von Fluggästen sei, wenn sich ein psychisch angegriffener Pilot aufgrund der Hiobsbotschaften aus der Konzernzentrale für arbeitsunfähig erkläre. Es könne auch keine Rede von einem Streik sein, denn keine Gewerkschaft habe zu einem solchen aufgerufen.

Zivilrichterin Erps ließ erkennen, dass sie vonseiten der Fluglinie etwas vermisst: Nämlich detaillierte Hinweise, warum es in den von ihr verhandelten Fällen tatsächlich zu Flugverspätung oder Storno gekommen ist und welche Anstrengungen Tuifly im jeweiligen Einzelfall konkret unternommen hat, um die Kläger an ihre Ziele zu befördern. Dies könnte bedeuten, dass Erps den beiden Klagen am heutigen Mittwoch stattgibt.