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Niedersachsen Teuerste Schließung der Conti-Geschichte
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Teuerste Schließung der Conti-Geschichte
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00:23 01.12.2014
Von Lars Ruzic
Mit brennenden Reifen protestierten die Conti-Beschäftigten im Jahr 2009 in Paris. So mancher hat inzwischen 300.000 Euro Entschädigung erhalten. Quelle: dpa
Hannover

Nach mehreren verlorenen Prozessen haben die Hannoveraner gerade zum zweiten Mal Rückstellungen für höhere Abfindungen an die Beschäftigten gebildet. Die erwarteten Kosten für die Schließung des Standorts mit einst 1173 Beschäftigten steigen damit auf 282 Millionen Euro – sowohl in der Conti-Geschichte als auch für Frankreich ein Rekordwert. Am Freitag hat der Konzern angekündigt, Einspruch beim Obersten Gericht in Frankreich einzulegen.

Vor mehr als fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, hatte die Conti an einem Tag die Schließung von gleich zwei Werken angekündigt: der Lkw-Reifenfertigung in Hannover-Stöcken und der Pkw-Reifenproduktion in Clairoix. Als Grund führte der Konzern den dramatischen Nachfrageeinbruch und die daraus entstandenen Überkapazitäten an. Die Proteste blieben weder in Hannover noch in Nordfrankreich aus. Bei der Hauptversammlung im Mai 2009 zogen die Belegschaften beider Werke sogar zusammen vor das Hannover Congress Centrum.

Damit enden jedoch die Gemeinsamkeiten. In Hannover einigte man sich auf Abfindungen von im Schnitt 70.000 Euro pro Kopf und eine Transfergesellschaft, die am Ende 456 der insgesamt 783 Betroffenen aufnahm. Der Rest war freiwillig ausgestiegen oder intern weitervermittelt worden. Aus der Qualifizierungsgesellschaft in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden etwa 100 Mitarbeiter. Gesamtkosten für die Conti: 75 Millionen Euro. In Clairoix dagegen drängten die fünf an den Verhandlungen beteiligten Gewerkschaften allein auf eine Abfindung. Zusammen mit dem politischen Druck erreichten sie, dass jeder Reifenbäcker gut 200.000 Euro erhielt.

Trotzdem klagten 683 Beschäftigte gegen ihre Entlassung – und haben bereits in zwei Instanzen Recht bekommen. Nach Auffassung der Richter war die Schließung nicht gerechtfertigt, weil die Conti schon kurz danach wieder satte Gewinne schrieb. Dass die Hannoveraner nach der Schließung in Frankreich neue Werke etwa in China oder Russland eröffnet haben, werteten die Richter als Produktionsverlagerung. Den Beschäftigten – von denen heute nur noch 2 Prozent arbeitslos sind – stünden deshalb ihre seit der Entlassung entgangenen Löhne zu. Für so manchen Mitarbeiter in Clairoix summiert sich die Entschädigung damit inzwischen auf rund 300.000 Euro. Die Nachzahlung geht in diesen Tagen auf den Konten der Beschäftigten ein.

Conti will die Sache dennoch nicht auf sich beruhen lassen. Die Gerichte hätten sich bisher gar nicht mit den wirtschaftlichen Details beschäftigt, argumentiert der Konzern. Vor fünf Jahren hätten die Überkapazitäten in Westeuropa dem Dreifachen dessen entsprochen, was in Clairoix vom Band lief. Bis heute habe sich der Markt nicht komplett erholt. Diese „unwiderlegbar wirtschaftlichen Gründe“ hätten die Richter nicht berücksichtigt. Zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit sei die Entscheidung unumgänglich gewesen, sagte Conti-Frankreich-Chef François Gérard.  

US-Manager gibt Frankreich keine Chance

„Ein kommunistisches Land“: Nach jahrelanger, erbitterter Auseinandersetzung um das Goodyear-Reifenwerk im nordfranzösischen Amiens ist eine Rettung der Fabrik vorerst gescheitert. Der US-Hersteller Titan sagte den geplanten Einstieg bei dem Werk ab. Titan-Chef Maurice Taylor machte am Freitag die französischen Gewerkschaften für den Rückzug verantwortlich: „Frankreich ist ein kommunistisches Land geworden.“ Die Leitung von Goodyear Dunlop Tires France hatte zuvor bekannt gegeben, dass es keinen Investor für das seit Januar geschlossene Werk gebe. Verbunden ist damit der Wegfall von 1143 Stellen. Taylor sagte nun, das Werk wäre mit höchstens 333 Angestellten rentabel. Titan hätte mindestens 652 Angestellte übernehmen sollen: „Das ist unmöglich.“ Er fügte hinzu: „Sagen Sie den Gewerkschaften, wenn sie so intelligent sind, dann brauchen sie die Fabrik ja nur selbst aufzukaufen.“ Für Frankreich gebe es erst dann Hoffnung, „wenn ihr so weit gesunken sein werdet wie Russland, vielleicht werdet ihr dann eine Chance haben, wieder durchzustarten“.

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