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Niedersachsen „Mittelschichtsberufe sind extrem gefährdet“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Mittelschichtsberufe sind extrem gefährdet“
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00:21 18.11.2018
Die Politik ignoriert die Herausforderungen des digitalen Wandels, meint Richard David Precht Quelle: Heidrich
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Hannover

Die Digitalisierung führt zu hoher Arbeitslosigkeit und verschärft gleichzeitig den Fachkräftemangel, warnt Richard David Precht. „Untere Mittelschichtsberufe sind extrem gefährdet“, sagte der 53-jährige Philosoph und Bestsellerautor am Donnerstag in seiner Rede auf dem Herrenhäuser Wirtschaftsforum, einer Veranstaltung des Industrie-Club Hannover und des Arbeitgeberverbandes Niedersachsenmetall.

Die Technik nehme Menschen Routineaufgaben ab, sagte Precht vor 300 Zuhörern aus Wirtschaft und Politik in der Galerie Herrenhausen. Es entstünden zwar viele neue Jobs, doch kaum für die Verlierer des Wandels. „Man kann versuchen, Busfahrer umzuschulen. Aber viele wollen nicht Altenpfleger werden. Und Big-Data-Analyst können die wenigsten werden.“

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Deutschland müsse deshalb sein Bildungssystem radikal umbauen, forderte er. Kinder sollten nicht lernen, vorgegebene Tätigkeiten zu erledigen, sondern individueller gefördert werden. Außerdem müsse die Politik ein neues soziales Sicherungssystem aufbauen, voraussichtlich ein bedingungsloses Grundeinkommen – die umlagefinanzierte Rentenversicherung werde kollabieren.

Die Managerin Margret Suckale zeichnete in der anschließenden Podiumsdiskussion hingegen ein positives Bild der Digitalisierung. Technik übernehme zwar bestimmte Aufgaben, doch gleichzeitig wollten immer mehr Menschen in Teilzeit arbeiten, Auszeiten nehmen oder mehr Urlaub statt mehr Geld.

John C. Kornblum, Außenpolitikexperte und ehemaliger US-Botschafter in Deutschland, wollte keine Prognose zum Arbeitsmarkt abgeben. „Ich habe keine Ahnung, was in der Zukunft kommt“, sagte er. Jedenfalls würden parallel zum technologischen Wandel die Menschen ihre Einstellungen ändern. Im Moment hänge die persönliche Identität stark von der Arbeit ab, das müsse aber nicht ewig so bleiben.

„Wir brauchen dringend eine Hinwendung der Politik zu den Themen von heute“, forderte Matthias Koch, Mitglied der Chefredaktion des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Seit der jüngsten Bundestagswahl habe man sich in Berlin vor allem mit Koalitionsverhandlungen und -streitigkeiten aufgehalten. „Das schadet dem Standort“, kritisierte der Journalist.

Auch Precht sparte nicht mit Kritik an Berlin und Brüssel. Die Menschen spürten die digitalen Umwälzungen, doch die „Teflon-Politik“ ignoriere das Thema, sagte er. Eingangs hatte bereits Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von Niedersachsenmetall, die Bundesregierung gescholten: Sie investiere zu wenig in Infrastruktur und Digitalisierung und setze damit das künftige Wirtschaftswachstum aufs Spiel.

Von Christian Wölbert

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