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Niedersachsen Schaeffler will wieder Zeit schinden
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Schaeffler will wieder Zeit schinden
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19:48 04.12.2009
Von Lars Ruzic
Continental-Werk in Hannover-Stöcken.
Continental-Werk in Hannover-Stöcken. Quelle: Rainer Dröse
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Dass da mit Klaus Rosenfeld zwar kein Conti-Manager, sondern der Finanzvorstand von Schaeffler vor ihnen stand, rief bei keinem Teilnehmer mehr Verwunderung hervor. Die Banker wissen sehr genau, wer inzwischen in Hannover wirklich das Sagen hat.

Was Rosenfeld dort vorstellte, war denn auch eine Kopie der Refinanzierungspläne, die er im Sommer für den 12-Milliarden-Euro-Klumpen durchsetzen konnte, den der Zulieferer aus Herzogenaurach nach der Conti-Übernahme selbst am Hacken hat. Zeit gewinnen, auf bessere Jahre hoffen – und dann vielleicht die Gummisparte verkaufen: Das alles lässt sich zwischen den Zahlen und Konditionen herauslesen, die derzeit im Endstadium der Verhandlung sind.

Eigentlich müsste die Conti ihren Geldgebern im Sommer kommenden Jahres 3,5 Milliarden Euro zurückzahlen, die noch aus der Finanzierung der VDO-Übernahme fällig sind. Weil in der Krise jedoch das Conti-Cash zusammengeschmolzen ist und das Eigenkapital durch Wertberichtigungen in Milliardenhöhe bei der früheren Siemens-Tochter dezimiert wurde, ist ein Abbau dieser Schuldenlast ein Ding der Unmöglichkeit.

Noch der frühere Conti-Chef Karl-Thomas Neumann hatte deshalb eine Kapitalerhöhung beim Großaktionär durchgesetzt, bevor dieser den in Ungnade gefallenen Manager abservierte. Auch Rosenfeld will frisches Geld mit neuen Aktien einsammeln – aber möglichst nur etwa eine Milliarde Euro. Auf Basis des aktuellen Conti-Kurses würde sich der Einfluss des Familienunternehmens, das selbst keine neuen Aktien erwerben kann, so nur marginal verringern. Mehr als 75 Prozent verblieben in Schaeffler-Hand, und die Franken könnten Conti damit immer noch per Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag zum reinen Befehlsempfänger machen, dem man im Zweifel in die Kasse greift.

Noch allerdings ist es nicht soweit. Auf dem Höhepunkt der Übernahmeschlacht vor anderthalb Jahren hatte der damalige Conti-Chef Manfred Wennemer Schaeffler noch eine Investorenvereinbarung abgetrotzt, die Schaeffler zu einer Begrenzung ihres Anteils auf 49,99 Prozent der Aktien zwingt. Weitere 40 Prozent sind seitdem bei Banken geparkt. Erst 2012 dürfen die Franken aufstocken. Just bis zu diesem Zeitpunkt will Rosenfeld nun die Conti-Kredite strecken.

Die Hannoveraner sollen die Milliarde aus der für Anfang 2010 geplanten Kapitalerhöhung zur Rückzahlung verwenden, dafür verschieben die über 50 Gläubigerbanken – gegen eine höhere Zinsmarge – die Fälligkeit für die restlichen 2,5 Milliarden Euro um zwei Jahre. Was Conti dann erwartet, ist nicht weniger als der Tag der Abrechnung. Denn 2012 wird eine weitere, 5 Milliarden Euro schwere Tranche fällig, sodass der Zulieferriese zumindest auf dem Papier 7,5 Milliarden Euro zurückzahlen müsste.

Zwar soll es auch für dieses Paket bereits vage Vereinbarungen für weitere Streckungen geben. Aber in der hannoverschen Zentrale rechnen viele damit, dass spätestens zu diesem Fälligkeitszeitpunkt der Verkauf der Gummigruppe aus Reifen und ContiTech wieder auf die Tagesordnung kommt. Denn dafür ließe sich unter günstigen Bedingungen durchaus ein Preis erzielen, der eine Rückzahlung der Kredite auf einen Schlag ermöglichen würde. Für die mehr als 56.000 Beschäftigten der Sparte wäre das kein Schreckensszenario. Wenn ein Investor jenseits der Reifenindustrie das Geschäft übernehmen würde, wäre ihnen das allemal lieber, als bei Schaeffler dauerhaft fünftes Rad am Wagen zu sein.

Allerdings gibt es in der Rechnung noch viele Unbekannte. So strebt Schaeffler an, das eigene operative Geschäft mit Conti zu verschmelzen. Dazu soll es ebenfalls in eine kapitalmarktfähige Gesellschaftsform gebracht werden. Die neue Schaeffler AG oder KG auf Aktien brächte ihrerseits 7 Milliarden Euro Schulden in die Zwangsehe mit, die bis Anfang 2014 zurückgezahlt sein wollen. Weitere 5 Milliarden schlummern bis Mitte 2015 in der Schaeffler-Holding, die künftig über das Konglomerat herrschen soll. Niemand weiß heute, ob all diese Summen überhaupt beglichen werden können – zumal im klassischen Autozuliefergeschäft eine Rückkehr zu den goldenen Vorkrisenzeiten frühestens in drei Jahren erwartet wird. Es kann gut sein, dass Schaeffler-Mann Rosenfeld noch so manches Mal Zeit schinden muss.

Stefan Winter 03.12.2009
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