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Niedersachsen Wie VW mit der Technik der Zukunft mithalten will
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Wie VW mit der Technik der Zukunft mithalten will
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21:26 09.06.2017
Die Zukunft der Mobilität? Im März stellte VW die Studie eines autonom fahrenden Wagens vor – der Sedric. In der IT-City in Wolfsburg arbeiten Mitarbeiter an der Software. Quelle: Uli Deck
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Wolfsburg

Wer durch Volkswagens IT-City in Wolfsburg schlendert, könnte glauben, eine Sekte mache sich bei dem Autobauer breit. Überall an den Wänden des neuen Bürokomplexes für 1500 Mitarbeiter kleben bunte Post-it-Zettel. Da werden die Mitarbeiter aufgefordert, die Werte „Offenheit, Mut und Transparenz“ zu leben. Oder es wird zur Gründung einer „Scrum-Master-Gilde“ aufgerufen.

Chef darf sich nicht einmischen

Die bunten Klebezettel sind das sichtbare Zeichen eines Kulturwandels in der Konzern-IT von Volkswagen mit weltweit über 10.000 Mitarbeitern. Um bei Software für autonome Fahrzeuge und neuen Mobilitätsangeboten mit aggressiven US-Konzernen wie Uber, Google oder Tesla mithalten zu können, müssen die Software-Entwickler von VW schneller werden als bisher. Tempo geht künftig vor Perfektion. Fehler kann man leicht nachträglich per Update beheben.

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Gelingen soll das mit sogenannten „agilen“ Arbeitsmethoden: Anstatt neue Software und ihre einzelnen Funktionen für Monate oder Jahre im Voraus zu planen, fährt man auf Sicht. Man entwickelt einzelne Funktionen oder kleine Apps in Zwei-Wochen-Abschnitten, den „Sprints“. „Bei der klassischen Entwicklung backt man eine Torte Schicht für Schicht von unten nach oben. Beim agilen Arbeiten servieren wir dem Kunden möglichst schnell ein dünnes Tortenstück“, erklärt der VW-Manager Dirk Bisanz. Der Vorteil: Man kann besser auf neue Kundenanforderungen oder Wettbewerber reagieren.

Es geht aber nicht nur um Tempo. Agile Arbeitsmethoden wie das sogenannte Scrum geben den Entwicklern auch mehr Freiraum, was zu mehr Kreativität und besseren Ergebnissen führen soll.

Zum Beispiel darf der Projektleiter Dirk Bisanz gemäß der Scrum-Philosophie nur die Aufgaben eines kompletten Entwicklungsteams festlegen - aber keine einzelnen Mitarbeiter zu Aufgaben verdonnern. Diese suchen sich ihre Arbeit selbst aus. Bei Konflikten entscheidet das Team eigenständig.

Dann wird zwei Wochen lang entwickelt, ohne dass der Projektleiter sich einmischen darf. Speziell ausgebildete „Scrum Master“ wachen über die Einhaltung solcher Spielregeln. Sie wiederum dürfen eine „Gilde“ gründen und darin ohne Vorgaben von oben neue „Scrum Master“ ernennen.

Die agilen Spielregeln sind für Manager, die in dem Riesenkonzern die Karriereleiter hochgekraxelt sind, gewöhnungsbedürftig. „Es ist nicht so leicht auszuhalten“, gibt Bisanz offen zu. „Das alte chefmäßige Reingrätschen und Übersteuern ist nicht erlaubt.“ Die „Hammer-Ergebnisse“ der Methode sprächen aber für sich. Man müsse zugeben, dass „häufig die Mitarbeiter die Experten sind und nicht die Chefs“.

Auch der Betriebsrat lobt die agilen Methoden. „Die neuen Formen der Zusammenarbeit prägen auch die Unternehmenskultur. Weniger Hierarchien, mehr Entscheidungen vor Ort und vor allem mehr Transparenz sind das Ergebnis“, sagt Betriebsrat Gunter Wachholz. Führungskräfte müssten Verantwortung zeigen, „indem sie agile Werte vorleben“, ergänzt er.

Scrum macht aber auch den Mitarbeitern Vorgaben. Sie müssen jeden Tag ihren Kollegen von ihren Fortschritten und Hindernissen berichten. Die bunten Klebezettel an der Wand zeigen stets, welche Aufgaben schon abgearbeitet sind und welche nicht.

Im Berliner Digital-Lab der Konzern-IT schauen sich einige Kollegen sogar den ganzen Tag gegenseitig auf die Finger. Dort arbeiten häufig zwei Entwickler an einem Arbeitsplatz - einer programmiert, der zweite kontrolliert, gibt Anregungen und weist auf Fehler hin. „Das führt zu extrem geringen Fehlerquoten und damit einer sehr hohen Software-Qualität“, erklärt ein Entwickler. Das Paarprinzip ist für VW so wichtig, dass neue Mitarbeiter früh ihre Teamfähigkeit unter Beweis stellen müssen: Schon in der Bewerbungsphase müssen IT-Absolventen mehrere Tage im Paar mit einem VW-Mitarbeiter zusammenarbeiten.

VW sucht IT-Profis

Die Bedeutung der neuen IT-Welt bei VW zeigt sich in einfachen Zahlen: Im Zukunftspakt wurden der Konzern-IT 600 neue Stellen genehmigt, während insgesamt in Deutschland 23.000 Stellen wegfallen sollen. Bis Ende 2019 will der Konzern 1000 IT-Profis einstellen. Die Entwickler werden direkt bei VW angestellt, früher waren sie meist bei externen Dienstleistern. Sonst wäre das enge Zusammenspiel mit den Projektleitern kaum möglich. Auch die Sicherheitsanforderungen an Auto-Software sprechen dafür. Rund die Hälfte der neuen IT-Profis soll in Wolfsburg arbeiten. Beim Rundgang durch die IT-City berichtet VW-Personalvorstand Karlheinz Blessing, dass er „heute wieder eine ganze Reihe Verträge“ unterschrieben habe. Leicht wird es nicht, die Stellen in Wolfsburg zu besetzen – für die begehrten Experten gibt es auch in München, Berlin und Hamburg genügend Jobs. Wie viele Stellen schon besetzt sind, verrät VW nicht.

Von Christian Wölbert